Ulrike Schweikert – Die Erben der Nacht

Die Jugendbuchreihe „Die Erben der Nacht“ der deutschen Autorin Ulrike Schweikert umfasst die folgenden fünf Bücher:

  • Nosferas
  • Lycana
  • Pyras
  • Dracas
  • Vyrad

In dieser Reihe, die in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielt, leben unerkannt unter den Menschen Vampire, die 6 verschiedenen Clans angehören, die in jeweils einem anderen Teil Europas ansässig sind und damit strikt getrennt leben. Durch die zunehmende Verbreitung der Menschen, von einigen Vampirjägern gejagt und durch Fehden unter den Clans gerieten die Vampire so sehr in Bedrängnis, dass sie sich zu einem wagemutigen Bündnis gezwungen sahen. Nicht nur, dass sie künftig keine Menschen mehr töten wollen, um die Polizei und andere Wachhabende auf ihre Spuren zu führen, sondern sie wollen auch ihre Nachkommen, die titelgebenden Erben der Nacht gemeinsam unterrichten. Im jährlichen Wechsel kommen alle Jungvampire bei einem der Clans zusammen, um von diesem seine im Laufe der Zeit hervorgebrachten besonderen Fähigkeiten zu erlernen.

Unter diesen Jungvampiren begleitet der Leser vier besonders nah und erlebt ihre Abenteuer mit: die Vamalia Alisa aus Hamburg, der Dracas Franz Leopold aus Wien, die Lycana Ivy-Mairé aus Irland und der Nosferas Luciano aus Rom. Während sie sich anfangs noch mehr oder weniger misstrauisch beäugten und die ihnen von ihren Clans vererbten Vorurteile hegten, wuchsen sie durch ihre Erlebnisse zusammen und reiften sowohl körperlich als auch charakterlich zu starken Persönlichkeiten heran. Dabei bestanden die prägenden Erfahrungen nicht nur in dem, was sie in der Akademie erlernen sollten – u.a. Widerstand gegen kirchliche Reliquien, Gestaltwandeln und Gedankenlesen – sondern auch in dem, was sie außerhalb der Akademie während heimlicher Streifzüge durch die Stadt erlebten.

Denn neben den Vampiren, die der Leser in jedem Band der Reihe wieder trifft, gibt es auch eine Handvoll andere Charaktere, die immer wieder auftauchen, wie beispielsweise der Vampirjäger van Helsing oder der irische Dichter Bram Stoker. Anfangs stolperten sie nur zufällig in die Geschehnisse oder wussten nicht so recht, wessen sie gerade Zeuge geworden waren. Doch je mehr die übergreifende Handlung voranschreiten und je öfter sich die Wege der Vampire und der Menschen kreuzen, umso mehr verbinden sich ihre Geschichten.

Apropos Geschichte – auch diese hat die Autorin geschickt in die Handlung eingewoben. Passend zum jeweiligen Handlungsort des Bandes werden den Lesern Ausflüge zu bedeutsame Geschehnissen präsentiert. So finden neben einem geplanten Aufstand der Iren gegen die englische Besatzung auch das Phantom der Pariser Oper und die Entstehung der Hamburger Hafenstadt einen Platz in der Geschichte. Die damit verbundenen historischen Tatsachen werden aber nicht völlig dröge als störender Exkurs eingebaut, sondern an passender Stelle von den Charakteren erzählt oder selbst erlebt. An einigen Stellen glitt die Autorin zwar etwas ins Dozieren ab, jedoch hielt es sich für meinen Geschmack in Grenzen. Das insbesondere gegen Ende der jeweiligen Bände hoch gehaltene Tempo hat mich über diese Abschnitte schnell hinweg lesen lassen.

Nicht ganz so plakativ, aber auch nachdrücklich und immer wiederkehrend spricht die Autorin noch ein anderes Thema an: Rassismus. Am Beispiel der Vampire, die sich in reine Vampire (von anderen reinen Vampiren geboren) und unreine Vampire (von reinen Vampiren gewandelte Menschen) unterscheiden, erfahren die Jungvampire und mit ihnen der Leser verschiedene Lebensweisen und Umgangsformen der „überlegenen“ reinen Vampire ihren unreinen Gefährten / Dienstboten / Sklaven gegenüber. Während der gesamten Reihe, deren Handlung sich über 5 Jahre erstreckt, durchlaufen so manche Charaktere in ihren Einstellungen eine Wandlung, die auch den Leser zum Nachdenken bringt, ohne dass die moralische Keule offenkundig zum Einsatz kommt.

Für die jugendliche Zielgruppe dieser Reihe kann ich guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen und dadurch, dass die Hauptcharaktere sowohl vom Geschlecht, den Fähigkeiten und den Charakterzügen her verschieden sind, dürfte für jeden auch eine geeignete Identifikationsfigur zu finden sein. Doch auch ältere Leser dürften ihren Spaß an den Büchern haben, wobei sie vermutlich den angesprochenen historischen Ausflügen und den im Nachwort erläuternden Ausführungen zu den aufgetretenen Persönlichkeiten mehr Aufmerksamkeit schenken dürften als jugendliche Leser, die ihren Spaß mit der gemütlich beginnenden, aber an Spannung zulegenden Geschichte haben dürften. Das zusammengenommen ist mir insgesamt 4 von 5 Särgen wert.

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P.C. und Kristin Cast – House of Night (1) – Gezeichnet

In der Welt von Zoey Redbird ist die Existenz von Vampiren allgemein bekannt und sie sind ein Teil der Bevölkerung. Dennoch leben die Menschen in ständiger Angst vor den Vampiren – bzw. davor, gezeichnet zu werden. Denn Vampire vermehren sich nicht durch den Biss und die anschließende Verwandlung von Menschen allen Alters, sondern manche Jugendliche tragen den Keim des Vampirismus in sich und in der Pubertät werden sie von so genannten Spähern gezeichnet. Wenn sich diese Jugendlichen nicht unverzüglich in das House of Night begeben, so sie in den nächsten Jahren alles über die bevorstehende Wandlung und ihr künftiges Leben als Vampir lernen werden, werden sie unvermeidbar zu Grunde gehen.

Zoey selbst hat mit ihrer Familie, insbesondere ihrem verhassten Stiefvater, genügend eigene Sorgen, als sie von einem Späher gezeichnet wird. Als sie völlig fertig über diese Entwicklung in ihrem Leben zu ihrer Großmutter flüchtet, hat sich unterwegs einen Unfall, während dem sie eine Vision der Göttin der Nacht, Nyx, hat. Diese bezeichnet sie als die von ihr Auserkorene, die den Kampf zwischen Gut und Böse entscheiden soll. Endlich im House of Night angekommen erkennt die Hohepriesterin dort sofort anhand ihrer voll eingefärbten Mondsichel auf der Stirn, dass sie etwas Besonderes ist und nimmt sie unter ihren persönlichen Schutz, was wiederum das Missfallen und die Eifersucht von Aphrodite weckt, einer älteren Schülerin des House of Night und künftigen Hohepriesterin. Das dies nur Ärger bedeuten kann, ist Zoey sofort klar.

Dass Zoey keine normale Jungvampirin ist, dürfte jedem Leser der voranstehenden Zeilen nur zu deutlich vor Augen stehen und dementsprechend verläuft auch Zoeys erste Zeit im House of Night. Einerseits hat sie als Neue ohnehin genug um die Ohren mit der Eingewöhnung in ein vollkommen anderes Leben. Andererseits aber hat sich aufgrund der Segnung durch die Göttin Nyx besondere Fähigkeiten und damit auch besondere Verantwortung. Wie gut Zoey mit diese Situation zurecht kommt, ist beredt: zwar hat sie einige Alibi-Schwierigkeiten mit ihrem neuen Leben und Aphrodite, doch ist nichts dabei, was ihr ernsthaft Probleme bereitet. Sie kommt mit allen und jedem klar und ist dabei noch so schön, dass sie den bestaussehendsten Jungen des House of Night auf sich aufmerksam macht – der dummerweise der Beinah-Ex-Freund von Aphrodite ist und damit ihre Feindschaft noch vertieft.

Was mich neben Zoeys Perfektion noch gestört hat, war die für meinen Geschmack zu jugendliche und flapsige Sprache. Sicherlich ist das gewollt (nicht umsonst hat P.C. ihrer Tochter Kristin in der Danksagung dafür gedankt, dass sie sich dank ihr halbwegs jugendlich anhören), aber für mich persönlich war das dennoch zu viel des Guten. Nicht jeder Mensch, der sich altersmäßig in seiner Jugend befindet, muss gleich im tiefsten Jugendslang reden, sondern Jugendliche können sich durchaus auch normal unterhalten.

Insgesamt gesehen weiß ich nun, worum es bei House of Night geht, doch kann ich mich dem Hype um diese Romanreihe nicht anschließen und für den Auftaktband nur 2 von 5 Elementen vergeben.

Catherynne M. Valente – Fairyland (1) – The girl who circumnavigated fairyland in a ship of her own making

Die zwölfjährige September hängt während des Geschirrspülens ihren Gedanken nach, als vor dem Küchenfenster der Grüne Wind auf seinem Leopard erscheint und ihr anbietet, sie aus ihrem tristen Leben in Omaha hinweg ins Feenland zu bringen, wo sie tolle Abenteuer erleben kann, so lange sie sich an die Regeln hält. Begeistert stimmt September zu und klettert zum Grünen Wind auf den Rücken der Leopardin, die sie von ihrem zu Hause wegträgt.

Entgegen manch anderer Mädchen, die in sich schon in ähnlichen Situationen befanden wie September, hörte diese aufmerksam zu, als sie der Grüne Wind über die Regeln aufklärt, die September befolgen muss, um eine unbeschwerte Zeit im Feenland zu verbringen und nicht den Zorn der gefürchteten Marquess auf sich zu ziehen. Denn für ihr Alter ist September schon sehr reif, gezwungen von den Umständen ihrer Kindheit: Der Vater wurde als Soldat eingezogen und kämpft im fernen Europa, während die Mutter als Mechanikerin für ihren Lebensunterhalt Schicht arbeiten muss und damit September häufig sich selbst überlassen muss.

In Fairyland angekommen beherzigt September die guten Ratschläge des Grünen Winds wortgetreu und versucht, eine schöne Zeit an diesem zauberhaften Ort zu verleben. Doch während sie umherwandert und verschiedensten Wesen begegnet, hört September viele Geschichten über die Herrscherin des Feenlands, die Marquess. Nicht nur dass sie die vorherige Herrscherin, die von allen geliebte Queen Mallow gestürzt hat, sondern sie hat die Bürokratie nach Fairyland gebracht – Drachen dürfen nicht mehr fliegen, Winde dürfen nicht mehr wehen, Feen dürfen keine Streiche mehr spielen … Dies ist nicht das Feenland, auf das September so gespannt war und in das sie vom Grünen Wind gebracht werden wollte. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihr Gerechtigkeitssinn siegt und sie damit auf einen Weg gelangt, der sie unweigerlich zur Marquess führen wird.

Doch zum Glück ist September nicht allein, sondern sie findet die unterschiedlichsten Verbündeten, die sie in ihr Herz geschlossen haben und ihr unverbrüchlich die Freundschaft halten – darunter ein Halbdrache mit einer Bibliothek als Vater, einen Wunschgeist und ein alter, zum Leben erwachter Lampion. In ihrer Mischung erinnerten mich Septembers Gefährten an die Truppe aus „Der Zauberer von Oz“, ebenso wie auch Septembers Reise nach Fairyland selbst. An anderen Stellen fühlte ich mich jedoch an „Alice im Wunderland“ erinnert, in dem sich Alice auch erst zurecht finden musste, seltsame Geschöpfe traf und schließlich ebenfalls an den Hof der Herrscherin kam – wie es auch September im Feenland ergeht.

Anhand der beiden vorgenannten Kinderbuchklassiker „Der Zauberer von Oz“ und „Alice im Wunderland“ lässt sich auch die Stimmung dieses zauberhaften Romans sehr gut beschreiben. Es sprüht nur so vor kuriosen Ideen, ungewöhnlichen Wesen, seltsamen Orten und mitten in diesem phantastischen Setting begleiten wir Leser ein unerschrockenes Mädchen mit dem Herz am rechten Fleck. Zu meinem Bedauern konnte ich die erste Hälfte des Buches nur scheibchenweise Lesen, so dass sich leider kein richtiger Lesesog einstellen wollte. Doch die zweite Hälfte konnte ich am Stück verschlingen und ich fühlte mich bald in Fairyland heimisch. Gespannt habe ich Septembers Reise bis zu ihrem Ende verfolgt und wurde von den Enthüllungen überrascht, die während des Showdowns offenbart wurden.

Doch glücklicherweise wird man als Leser nicht von einem fiesen Cliffhanger erwartet, sondern die Geschichte wird zu einem runden Abschluss gebracht. Gleichzeitig gibt es aber auch noch einen Ausblick auf weitere Abenteuer in Fairyland, die ich in jedem Fall lesen möchte. Der zweite Band der Reihe „The girl who fell beneath fairyland and led the revels there“ ist schon auf meinem eReader und wird sich hoffentlich nicht mehr allzu lange gedulden müssen. Für dieses bezaubernde Kinderbuch, dem ein paar ernsthaftere Töne Kontur verleihen, vergebe ich gern 4 von 5 Kochlöffel.

Sergej Lukianenko – Die Ritter der vierzig Inseln

Dieses Jugendbuch des bekannten russischen Autors ist das erste seiner Werke, die ich gelesen habe. Mit seiner Wächter-Reihe habe ich bisher noch keine Bekanntschaft geschlossen, bin jetzt aber auch nicht mehr so sicher, ob ich dies überhaupt möchte. Denn an diesem Roman haben mich einige grundlegende Dinge gestört, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie in seinen anderen Büchern nicht ebenso dargestellt sind.

Doch erstmal zu „Die Ritter der vierzig Inseln“: Der Titel passt ausnahmsweise mal sehr gut zum Inhalt und verrät, womit es der russische Jugendliche Dima zu tun bekommt, als er von einem seltsamen Mann fotografiert wird und sich kurz darauf in einer fremden Umgebung wiederfindet. Dima ist auf der 36. Insel eines Atolls von insgesamt 40 Inseln gelandet, die allesamt von Jugendlichen aus aller Welt bewohnt werden. Auf jeder Insel befindet sich eine Burg, die durch 3 Brücken mit den Burgen der Nachbarinseln verbunden ist. Die einzige Möglichkeit, um wieder nach Hause zu gelangen, ist es, alle anderen Inseln zu erobern. Diese Aussicht reicht aus, um die zwischen 10 und 17 Jahre alten „Ritter der vierzig Inseln“ in einen schon seit Jahrzehnten andauernden Kampf gegeneinander zu hetzen. Stirbt eines der Kinder, landet wenig später ein Neuzugang wie Dima auf der jeweiligen Insel und stellt sicher, dass das Kräftegleichgewicht nicht allzu sehr aus den Fugen geraten kann.

Zu Beginn ist der Ich-Erzähler Dima von seiner Entführung und der neuen Umgebung samt ihrer grausamen und teils undurchsichtigen Regeln geschockt, doch schon bald scheint er sich einzugewöhnen und ebenso abzustumpfen wie diejenigen, die schon seit Monaten oder gar Jahren an diesem unwirtlichen Ort ausharren müssen. Doch Dima erkennt in einer Bewohnerin der Nachbarinsel seine Kindheitsfreundin Inga wieder und sie ist es, der zu liebe er versucht, einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren und die ihn zu immer neuen Ideen motiviert, wie sie es zurück nach Hause schaffen könnten. Doch ob dies ausreicht?

Die Idee, die diesem Szenario zu Grunde liegt, ist keineswegs neu und leider hat Lukianenko es in meinen Augen auch nicht geschafft, ihr neue Facetten abzugewinnen. Unser „Held“ Dima wird bereits relativ früh in diesem Buch als etwas Besonderes vorgestellt, ohne das er etwas dazu beigetragen hätte. Diese unverdiente Aura bleibt während der folgenden Ereignisse durchweg an ihm haften und obwohl es schon viele Hundert oder gar Tausend Kinder auf die Inseln verschlagen hat, ist er es, der neue Tatsachen entdeckt oder neue Strategien entwickelt, auf die noch keiner vor ihm gekommen ist.

Sehr gestört hat mich außerdem, welche Rolle die Mädchen in dieser Welt einnehmen: die der Köchinnen, Putzfrauen und Krankenschwestern – und die der Opfer. Es ist schon lange her, seit ich so eine veraltete Sicht auf die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gelesen habe. Noch mehr verstimmt es mich, dass dieses Buch dabei erst vor ein paar Jahren geschrieben wurde, als die Emanzipation sich schon längst in den Industrieländern, zu denen ich Russland trotz allem zähle, durchgesetzt hat.

Die Auflösung des ganzen Rätsels schließlich hat dem Buch auch keine Pluspunkte mehr bescheren können, zumal die Protagonisten dabei noch durch einige Logiklöcher in der Handlung gefallen sind, die weder ihnen noch dem Showdown gut getan haben.

Angesichts dieser meiner Kritikpunkte komme ich gerade mal auf 1,5 von 5 Holzschwertern.

China Miéville – Un Lon Dun

Die beiden Londoner Mädchen Zanna und Deeba gelangen durch Magie in die Vis-a-Vis-Stadt ihrer Heimat: Un Lon Dun. Dort lebt all das und all diejenigen, die in London nicht länger erwünscht oder nützlich sind. So hüpfen kaputte Regenschirm über die Straßen, leere Milchkartons laufen über den Markt und Häuser bestehen aus alten Plattenspielern, defekten Backöfen und anderem Geraffel.

In dieser Wunderstadt wird Zanna begeistert als die lang prophezeite Retterin Un Lon Duns gefeiert, die den gefährlichen Smog besiegen soll. Ähnlich wie viele Dinge in Un Lon Dun nicht das sind, was sie in London zu sein scheinen, so ist auch der Smog viel gefährlicher als von den Mädchen zuerst angenommen. Denn der aus Rauch und Abgasen bestehende Feind der Unlondoner hat eine eigene Intelligenz entwickelt und strebt nach immer mehr Wissen und Erfahrung, die er jedoch nur durch das Verbrennen der Wissens- und Erfahrungsträger absorbieren kann. Auf lange Sicht drohen damit nicht nur Un Lon Dun, sondern der ganzen Welt der Untergang in Feuer und Rauch.

Diesem düsteren Zukunftsszenario soll sich laut Aussage der Prophezeier Zanna als die Auserwählte entgegenstellen. Jedoch erweisen sich die Voraussagen als nicht so zutreffend, wie von allen angenommen wird. Doch zum Glück für Zanna kann sie sich auf ihre beste Freundin Deeba verlassen, die ihr tatkräftig zur Seite steht.

Diese farbenfrohe Geschichte, die nur so vor kuriosen Einfällen Miévilles strotzt, könnte ausgehend vom Cover und dem Alter der beiden Protagonistinnen auch für jüngere Leser geeignet sein. Diesen Eindruck zerstört Miéville jedoch immer wieder durch unheimliche und stellenweise grausame Details, die durch die zahlreichen kleinen Illustrationen noch intensiviert werden. Die Zeichnung eines Giraffenkopfs mit sichelförmigen Hörner und spitzen Reißzähne, der von blutdürstig starrenden Augen dominiert wird, hat selbst mich schlucken lassen.

Neben diesem aus meiner Sicht nicht gelungenem Spagat zwischen Kinder-/Jugendbuch und eingestreuten Horrorelementen konnte ich auch mit der Hauptperson Zanna nicht viel anfangen. Für ein Mädchen ihres Alters wirkte sie auf mich zu ernsthaft und zielfixiert. Das angesichts der vielen Kuriositäten Un Lon Duns erwartete Staunen wurde vom Autor zwar erwähnt, aber ich konnte es Zanna nicht abnehmen. Deeba hingegen war mir viel sympathischer, da sie sich auf die Wunder der Vis-a-vis-Stadt einließ und sich ihr völlig öffnete. Die dadurch geschlossenen Freundschaften vermitteln nicht nur ihr die notwendigen Gefährten für ihre Queste, sondern sie bringen dem Leser auch die Einwohner Un Lon Duns näher.

Insgesamt gesehen lässt mich das Buch ziemlich zwiegespalten zurück. Die vielen Ideen des Autors haben mir gut gefallen, aber insbesondere die Brüche in der märchenhaften Atmosphäre und der zähe Anfang haben mir während der Lektüre zu schaffen gemacht. Somit komme ich auf nicht mehr als 2,5 von 5 Schwaflingen.

Scott Westerfeld – Leviathan (1) – Leviathan

Europa, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aleksandar, der Sohn des österreich-ungarischen Erzherzogs Ferdinand, wird unsanft aus seinem behüteten Leben gerissen, als seine Eltern einem Attentat in Sarajewo zum Opfer fallen. Auf der Flucht vor seinen eigenen Landsleuten kann er sich nur auf einige wenige Getreue verlassen. An Bord einer neuartigen Kriegsmaschine, eines Sturmläufers, wenden sie sich Richtung Westen, in der Hoffnung die neutrale Schweiz erreichen zu können.

Gleichzeitig bewirbt sich die junge Deryn in London bei den Luftstreitkräften. Da Mädchen jedoch nicht als Kadetten zugelassen sind, muss sie sich verstellen und hoffen, dass niemand ihre Maskerade durchschaut. Ein glücklicher Zufall bringt sie an Bord der Levithan, eines riesigen, lebendigen Zeppelins, der von den Darwinisten aus der DNA zahlreicher verschiedener Tiere erschaffen wurde. Die durch das Attentat auf Erzherzog Ferdinand angespannte Lage in Europa und der dadurch drohenden Krieg zwischen Darwinisten und Maschinisten  lassen die Leviathan zu einer brisanten Mission Richtung Orient aufbrechen.

Dass sich die Wege der beiden jugendlichen Protagonisten Aleksandar und Deryn kreuzen würden, stand außer Frage. Doch auf dem Weg dorthin habe ich Alek viel lieber begleitet als Deryn. Zwar ist Alek als Sohn eines Erzherzogs sehr behütet aufgewachsen und hat erst seine liebe Mühe und Not, sich in der rauen Welt zurecht zu finden, jedoch beweist er Kampfesmut und Durchhaltewillen, anstatt sich hilflos auf seine wenigen Unterstützer zu verlassen.

Deryn ist zwar ebenfalls mutig, jedoch hat sie sich ihre Rolle in dieser Geschichte selbst ausgesucht. Als Junge verkleidet boxt sie sich durch den Alltag an Bord des fliegenden Ungetüms, immer darauf bedacht, ja ihrer Verkleidung entsprechend zu agieren. Für meinen Geschmack übertreibt sie es dabei jedoch maßlos, so dass mir ihre ständigen Flüche schon bald auf den Geist gingen.

Als sich Deryn und Alek schließlich begegnen, ändert dies an meinen Gefühlen den beiden nichts. Alek agiert zwar nicht manchmal etwas impulsiv, ist sich aber zumeist um die Folgen seiner Handlungen bewusst, was ihn mir sympathisch macht. Deryn hingegen scheint ihren Kopf – außer für fingierte Rasuren des nicht vorhandenen Barts – nicht oft zu gebrauchen. Sie ist viel zu sehr auf Loyalität gedrillt, als das sie sich eigene Gedanken machen würde. In Verbindung mit ihrem schon angesprochenen Hang zum Fluchen hat mich dies genervt und mich gegen sie eingenommen.

Die politische Situation ist – wie unschwer erkennbar – an die Lage in Europa kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs angelehnt. Die sich gegenüberstehenden Mächte unterscheiden sich hier jedoch in Darwinisten und Mechanisten. Die einen setzen auf die Macht der Natur und der Gene, um sich Lebewesen für alle möglichen Einsatzzwecke zu designen, während die anderen auf kalten Stahl in Form komplexer Maschinen setzen. Der Gegensatz zwischen beiden Einstellungen ist sehr klar dargestellt, doch warum dies zu einem derart angespannten Verhältnis zwischen den verschiedenen Ländern auf beiden Seiten führt, konnte mir der Autor nicht begreiflich machen.

Positiv erwähnen muss ich die vielen, meist ganzseitigen Illustrationen, die Szenen aus dem jeweiligen Kapitel darstellen und so beispielsweise die vage gebliebenen Beschreibungen der Leviathan verbildlichen.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei „Levithan“, dem ersten Buch einer Trilogie, um solide Jugendfantasy, die mich zwar ein paar Stündchen gut unterhalten hat, aber die mich nicht überzeugen konnte. Ob ich den Folgeband „Behemoth“ trotz des offenen Endes lesen werde, weiß ich noch nicht. Für diesen Roman gibt es wegen der tollen Illustrationen immerhin noch 2,5 von 5 Wasserstoffatmern.

Waldemar Bonsels – Die Biene Maja und ihre Abenteuer

Von der Biene Maja haben sicherlich schon viele gehört, doch ich selbst hatte dabei bisher immer nur die Cartoon-Variante vor Augen, die frisch fromm fröhlich frei unter der Sonne durch den blauen Himmel fliegt.

Daher war ich jetzt sehr froh, dass ich endlich das Original lesen konnte, dass in einigen bedeutsamen Punkten von der weichgespülten TV-Variante abweicht. Die junge Biene Maja verlässt gleich auf ihrem ersten Erkundungsflug die Seite ihrer Lehrerin und fliegt wie berauscht durch die Gegend, ohne sich über die Konsequenzen ihres Handelns Gedanken zu machen. Auch in der Folgezeit lebt sie unbekümmert von Tag zu Tag, immer nur im Bewusstsein der Gegenwart. Erst als die Erzfeinde der Bienen, die Hornissen, in ihr Leben treten, ist Maja gezwungen, ihren Platz in ihrem Volk zu erkennen und ihn einzunehmen.

Die Sprache ist zwar nicht übermäßig anspruchsvoll, doch denke ich, dass sich das Buch eher zum Vorlesen eignet, denn die langen Sätze könnten jüngere Leser überfordern. Diese wiederum können sich allerdings an den farbigen Zeichnungen erfreuen, die die einzelnen Episoden von Majas Abenteuern illustrieren.

Insgesamt gesehen handelt es sich hier um einen Klassiker der Kinderbücher, den man kennen sollte, gerade auch um sich von der adaptierten Cartoonvariante zu lösen. Für das Original vergebe ich 3,5 von 5 Blütenkelche.