James Lovegrove – Age of Godpunk

Nachdem der britische Autor James Lovegrove 5 Romane seiner Pantheon-Reihe veröffentlicht hat, folgt mit „Age of Godpunk“ eine Sammlung von 3 Novellen, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, was wäre wenn es die Götter wirklich gibt.

Enthalten sind:

  • Age of Anansi
  • Age of Satan
  • Age of Gaia

In „Age of Anansi“ wird der junge, aufstrebende Anwalt Dion vom afrikanischen Trickster-God Anansi heimgesucht. Als Realist weigert sich Dion erst, an dessen Existenz zu glauben, doch in seiner Kindheit hat ihm seine Großmutter die Legenden aus ihrer alten Heimat erzählt und so beugt sich Dion schließlich Anansi. Als dessen menschlicher Wirt macht er sich mit seinem Pasagier auf zu einem Wettkampf der Trickster-Götter, bei dem es darum geht, sich gegenseitig bloßzustellen und so den Besten zu ermitteln. Doch je weiter der Wettkampf voranschreitet, zu umso heftigeren Mitteln wird gegriffen.

Die Hauptperson in „Age of Satan“ ist Guy Lucas. Zu Beginn muss er sich auf einem englischen Internat neu einfinden, nachdem seine Mutter nach dem Tod von Guys Vater nach England zurückkehrte. Von einem Mitschüler wird Guy zu einer Teufelsbeschwörung überredet, um ihnen die Schulrowdies vom Leib zu halten. Zwar taucht Satan nicht persönlich auf, doch seitdem ist Guy davon überzeugt, dass er seine Seele verspielt hat und nun der Teufel hinter ihm her ist. Auch später als Jugendlicher und junger Erwachsener wird er von dieser Befürchtung heimgesucht und flieht vor ihr um die ganze Welt – bis er sich nach einem einschneidenden Erlebnis zum Kampf stellt.

Die Welt, wie sie in „Age of Gaia“ geschildert wird, könnte unsere Erde heute sein. Große Konzerne haben stellenweise mehr Macht als die Regierungen und mit ihrer Gier nach Profiten rücken sie der Umwelt zu Leibe. Einer der Tycoons, der wenig Rücksicht auf Umweltschutz nimmt, ist Barnaby Pollard, der ein Leben wie aus den Klatschzeitschriften führt. Doch als nach einer neuerlichen Ölpest der Protest der Umweltschützer zu sehr Druck auf ihn und seine Firma ausübt, lässt er sich von seinen PR-Beratern zu einer Gegenkampagne überreden, in deren Rahmen er die engagierte Öko-Journalistin Lydia kennenlernt. Obwohl sie überhaupt nicht der Sorte Frau entspricht, die er sonst um sich hat, ist er von ihr fasziniert – wegen oder trotz ihres Glaubens, dass man mit Mutter Natur nicht spaßen sollte.

Wie auch in den anderen Romanen der Pantheon-Reihe, so sind auch diese drei Novellen sich dahingehend ähnlich, dass sie alle von der Prämisse ausgehen, dass es Götter wirklich gibt und diese Einfluss auf die Welt nehmen können. Welche Götter das sind, wie sie ihren Einfluss ausüben und welche Ziele sie hegen, ist dabei von Mal zu Mal unterschiedlich, ebenso wie die menschlichen Protagonisten, die unter den Einfluss der Götter geraten. Auch die Erzählperspektive ist unterschiedlich – während Dion in „Age of Anansi“ ein Ich-Erzähler ist, wird von Guys und Pollards Erlebnissen aus Sicht eines personalen Erzählers berichtet. Da in den jeweils etwa 140 Seiten starken Novellen keine so umfangreichen Schilderungen des Worldsettings vorgenommen werden können, wie in einem Roman, behilft sich Lovegrove damit, dass er jeweils unsere Welt – oder eine Welt so ähnlich der unseren, dass wir keinen Unterschied merken – als Basis für seine Gedankenexperimente hernimmt.

Insgesamt gesehen haben mich diese drei Novellen ähnlich gut unterhalten wie zuvor schon die Pantheon-Romane und da es für mich dieses Buch der Wiedereinstieg ins Lesen nach einer längeren Pause war, hat mir auch die Länge der einzelnen Erzählungen sehr gut gepasst. Daher vergebe ich 3,5 von 5 geheimen Kellern.

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Vincent Voss – Faulfleisch

Liam und seine Familie sind der Kinder wegen vom geschäftigen Hamburg aufs ruhige Land gezogen. Doch dort kann sich Liam nur langsam eingewöhnen, denn die Ehe mit Sandra steckt in einer Krise und zusätzlich hat der kreative Freiberufler eine Blockade. Auf seinen langen Erkundungsspaziergängen durch die Gegend kommt er auch am abseits gelegenen alten Königshof vorbei und beobachtet dort merkwürdige Szenen. Einmal meint er, eine blutige Hand hinter einer Fensterscheibe gesehen zu haben und ein anderes Mal wird er durch lautes Stöhnen angelockt Zeuge, wie der derzeitige Besitzer des Hofes, ein Gerichtsmediziner, einen nackten, gefesselten und mit einem Gummiball geknebelten Mann aus der Scheune ins Haus holt. Bedingt durch die Unsicherheit hinsichtlich seiner beruflichen Zukunft und der Zukunft seiner Ehe ist er nicht sicher, ob die Angst, die ihn angesichts seiner Beobachtungen beschleicht, nur auf seinem angespannten psychischen Zustand beruht oder ob da nicht doch etwas im Gange ist. Doch als er sich mit seinen Befürchtungen endlich einem Freund anvertraut, hat das Unheil schon längst begonnen.

Dieses Buch, das ich als Rezi-Exemplar vom Verlag erhalten habe, hat mich über eine längere Zeit begleitet, als ich angenommen hatte, denn die Umzugsvorbereitungen, der Umzug selbst und das anschließende Einrichten der neuen Wohnung haben mich so sehr in Beschlag genommen, dass das Lesen völlig hinten runter fiel. Doch als ich nach beinahe einem Monat, in dem ich keine einzige Seite gelesen hatte, das Buch wieder aufschlug, hatte ich keine Probleme, wieder in die Geschichte reinzukommen.

Die Hauptperson Liam, aus dessen Sicht der Großteil der Geschehnisse erzählt wird, ist nicht unbedingt der sympathischste Protagonist, aber er wirkt sehr realistisch, gezeichnet mit Stärken und Schwächen. Auch die anderen Personen erschienen mir aus dem Leben gegriffen, auch wenn mir keiner davon übermäßig ans Herz gewachsen ist. Abneigungen habe ich hingegen deutlicher ausgebildet – nicht nur gegen den Gerichtsmediziner, den Auslöser der ganzen Geschehnisse, sondern auch gegen manchen Bewohner des Dorfes, insbesondere Hübi, einen kraftstrotzenden Grobian, den ich nicht bösartig nennen möchte, der aber einen aufbrausenden Charakter hat und damit geschlossene Türen einrennt. Doch auch solche Charaktere können das Salz in der Suppe sein.

Wo ich den Gerichtsmediziner schon mal erwähnt habe: die wenigen Passagen zu Beginn des Romans, die von ihm handeln, sind die einzigen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Dieser vermutlich beabsichtigte Stilbruch hat zwar diese Kapitel deutlich von den anderen abgehoben, mich aber auch jedes Mal aus dem Lesefluss gerissen.

Etwas Mühe gekostet hat mich im Allgemeinen die kleine erste Hälfte des Buches, bis – ich lass die Katze aus dem Sack – die Zombies endlich die Bildfläche betreten. Gut gefallen hat mir der Spannungsaufbau, wie die ersten Anzeichen des drohenden Unheils sich abzeichnen und keiner außer dem sich selbst nicht vertrauenden Liam sie erkennen. Doch mancher Schlenker auf dem Weg dorthin kam mir unnötig vor. Dies wurde wieder wettgemacht durch die auftretende Zombieseuche. Das Verhalten der Untoten ist für das Genre äußerst typisch und genau wie ich es mag – sie reden und fühlen nicht, sondern sind einfach nur auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit. Auch die Ausbreitung vom ersten Infizierten ausgehend ist stimmig und lässt erahnen, wie ein kleines Dorf in der Nähe Hamburgs zum Ausgangspunkt für die Apokalypse wird. Spätestens als sich dies abzeichnet, konnte ich Liams unbestimmbare Existenzangst voll und ganz nachvollziehen und auch, dass obwohl er den starken Verdacht hatte, dass Zombies hinter all dem stecken könnten, er sich nicht traut, diesen Verdacht laut auszusprechen. Wie sollte man auch in unserer aufgeklärten Welt? Diesen Aspekt fand ich außerordentlich gut dargestellt. Neuland war für mich auch die Erklärung zur Entstehung von Zombies. So hatte ich das noch nie gehört und plausibel war es obendrein.

Um ein Fazit zu ziehen: nach einem etwas langsamen Start nahm die Handlung dann doch noch Fahrt auf und zeichnet ein stimmiges Bild, wie sich von einem unscheinbaren Punkt ausgehend die Apokalypse entwickeln kann und wie wenig die Menschen dem entgegensetzen kann. Als Leser sollte man jedoch starke Nerven haben, da manche Szenen mir förmlich eine Gänsehaut beschert haben und dies kurz vor dem Schlafengehen eher für unruhige Träume sorgen kann. Wer dies abkann und mal etwas von Zombies in unserer Heimat lesen möchte, der sollte bei diesem Buch ruhig einen Blick riskieren. Von mir gibt es 3,5 von 5 Vogelbeobachter.

Ilona Andrews – Stadt der Finsternis (1) – Die Nacht der Magie

Die Söldnerin Kate Daniels lebt in einer Welt, die der unseren sehr ähnelt. Der größte Unterschied besteht jedoch darin, dass in diese Welt die Magie zurückgekehrt ist. Dies äußert sich jedoch nicht in der beständigen Verfügbarkeit von magischen Kräften, sondern die Magie kommt und geht in Wellen.

Die Mehrzahl ihrer Aufträge erhält Kate während der Phasen, in der die Magie gegenwärtig ist, denn sie ist keine normale Söldnerin, sondern ihre Aufgabe besteht darin, die Überreste der Magie nach einer Welle zu beseitigen – oder auch magische Kreaturen, die sich nicht an die Spielregeln halten.

Als ihr väterlicher Freund und Mentor Greg ermordet wird, beginnt Kate auch ohne offiziellen Auftrag zu ermitteln, da sie dies als ihre moralische Pflicht empfindet. Während ihrer Recherchen stößt sie nicht nur auf Aktivitäten von Vampiren, sondern wird auch in die inneren Auseinandersetzungen der Gestaltwandler unter ihrem charismatischen Anführer Curran hineingezogen.

Die Ich-Erzählerin Kate ist eine Protagonistin ganz nach meinem Geschmack. Sie ist frech und vorlaut, nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt, was sie denkt, aber sie ist keine Überheldin, sondern hat ihre Grenzen und kennt diese sehr genau – sowohl körperlich als auch seelisch. Der Tod ihres Mentors wirft sie ein Stück weit aus der Bahn und lässt vergangene Erinnerungen wieder hochkochen, die sie am liebsten verdrängen würde. Diese Erlebnisse bestimmen ihren weiteren Weg, der sie dazu bringt, sich als Ermittlerin in Gregs Fall zu behaupten.

Während der Ermittlungen selbst beweist Kate nicht nur Köpfchen, sondern auch ein untrügliches Gespür dafür, sich mit ihrem vorlauten Mundwerk in so manch brenzlige Situation zu manövrieren. Die daraus resultierenden Actionszenen waren flott geschrieben, aber ohne das es unübersichtlich wurde. Den Aktionen der einzelnen Personen konnte ich gut folgen – soweit ihr Handeln aus Kates Perspektive sichtbar war.

Neben der Magie und der Action sorgt eine Prise prickelnde Erotik zwischen Kate und Curran für die gewisse Würze. Gern las ich die spritzigen Dialoge zwischen diesen beiden sehr ungleichen Charakteren, bei denen sie sich gegenseitig nichts schenkten. Sehr zu meiner Freude hat sich Kate aber nicht Hals über Kopf in den gut gebauten Gestaltwandler verguckt, sondern sie bewahrt sich ihre Unabhängigkeit und bietet Curran Paroli.

Wie die Beziehung zwischen Kate und Curran ausgeht, bleibt am Ende des Buches offen, obwohl die Umstände von Gregs Tod aufgeklärt wurden. Ebenfalls ungeklärt bleibt das Geheimnis von Kates Herkunft und ihren besonderen Kräften. Ich gehe davon aus, dass uns beide Handlungsstränge auch in den nächsten Bänden der Reihe noch begleiten werden und diese Bände möchte ich unbedingt noch lesen. Denn neben der ansprechenden Kombination aus Mystery, Action und Erotik hat mich auch der Weltenentwurf begeistert.

Die Handlung spielt zwar in der bekannten Stadt Dallas, jedoch ist es ein anderes Dallas als das in unserer Welt. Das Wüten der Magie hat Spuren hinterlassen und viele Gebäude zum Einstürzen gebracht. Auch sieht man statt endloser Autoschlangen selbst während der Technikphasen nur wenige herkömmliche Autos auf den Straßen, denn spätestens bei der nächsten Magiewelle würden diese stehen bleiben. Da sind Pferde als lebende Fortbewegungsmittel viel zuverlässiger. Dieser Gegensatz zwischen Technik und Magie zieht sich durch das ganze Buch und führt dabei den Weltenentwurf stringent fort.

Alles zusammengenommen vergebe ich für den Auftakt zur Serie „Stadt der Finsternis“ als flotten Unterhaltungsroman mit interessantem Weltenbau und Magiekonzept sehr gute 4 von 5 magischen Schwertern.

Annette Curtis Klause – Blood and Chocolate

Vivian ist eine Teenagerin, die sich am wohlsten fühlt, wenn sie frei und ungehindert ihrer überschüssigen Energie Luft verschaffen und einfach nur laufen kann – bevorzugt in ihrer Wolfsgestalt, in die sie sich verwandeln kann. Denn Vivian ist eine Loup Garou, ein Werwolf.

Nach einem tragischen Zwischenfall an ihrem Wohnort musste das ganze Rudel untertauchen und versucht nun, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen, sich neu zu organisieren und Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Doch stellt die ungewohnte Umgebung und die zu große Nähe zu den Menschen nicht nur das Rudel im Allgemeinen vor Herausforderungen, sondern auch Vivian im Speziellen. Denn sie verliebt sich in einen Menschen, einen Meatboy, der gerade von den jungen Werwölfen nicht als Konkurrenz, sondern als Mahlzeit angesehen wird. Doch auch die älteren Mitglieder des Rudels sehen die Beziehung zwischen Vivian und Aiden kritisch, denn die Möglichkeit, dass Vivian ihrer aller Geheimnis preisgibt, ist zu hoch.

Obwohl Vivian das Rudel niemals wissentlich oder gar willentlich in Gefahr bringen würde, spitzt sich die Situation dramatisch zu, als einige Morde geschehen, die nur von Werwölfen begangen worden sein können. Doch wer steckt dahinter?

Hätte ich die deutsche Ausgabe des Buches vor mir liegen gehabt mit seinem typischen Genre-Cover, auf dem das Frauengesicht gleich heraus posaunt, an welche Zielgruppe sich der Roman wendet, hätte ich das Buch vermutlich nie auch nur zu lesen begonnen. Doch das neutralere englische Cover hat mich dazu verleitet, mir das Buch auszuleihen und vollkommen unvoreingenommen damit zu beginnen.

Vivian als Hauptperson war mir zwar nicht völlig sympathisch, doch ich konnte ihre Gedankengänge und Gefühle gut nachvollziehen, auch wenn ich mit einigen Ansichten nicht übereinstimme. Durch ihre Perspektive lernen wir auch das Rudel kennen, das sich gerade in einer Umbruchphase befindet und sich selbst neu finden muss. Die Reibereien, die dadurch herrschen, wurden nicht als weichgespülte Diskussionen verkauft, sondern schon als zum Teil hand- bzw. krallenfeste Prügeleien, wie ich sie von energiegeladenen Werwölfen erwarte.

Die Liebesgeschichte zwischen Vivian und Aiden hat mir überraschend gut gefallen. Sicherlich gibt es einige Portionen Schnulz, doch nehmen diese nicht überhand und Vivian verliert nicht gleich ihren Kopf, als sie Aiden kennenlernt.

Insgesamt gesehen ist der Roman flott zu lesen, die Personen sind sympathisch, auch wenn sie ihre Ecken und Kanten haben und während in der ersten Hälfte eher die Liebesgeschichte dominiert, zieht in der zweiten Hälfte des Buches die Spannung an, bis es zum großen Showdown kommt, bei dem mich einige Entwicklungen und Enthüllungen noch überraschen konnten. Dafür vergebe ich gut gelaunte 3,5 von 5 Wandmalereien, da das Buch zur richtigen Zeit dran kam.

Koushun Takami – Battle Royale

In einer alternativen Geschichtsschreibung haben sich mehrere asiatische Länder um China und Japan zur Republik Großostasien zusammengeschlossen. In diesem totalitär regiertem Staat veranstaltet die Regierung jährlich das „Programm“, bei dem die Schüler einer zufällig ausgewählten Klasse des 9. Jahrgangs auf Leben und Tod gegeneinander antreten müssen, bis nur noch einer am Leben ist.

Dieses Mal trifft es die 9-B der Shiroiwa Junior High, die auf die Insel Okishima verschleppt wird, wo den 42 Schülern ihr Schicksal offenbart wird. Zu Beginn sitzt der Schock tief, denn keiner kann sich vorstellen, seine Klassenkameraden zu ermorden. Doch als es schon kurz nach dem Start des Programms die ersten Toten gibt, setzt ein tiefes Misstrauen ein. Wem kann man trauen und wer spielt das Spiel?

Nachdem die deutsche Übersetzung dieses japanischen Bestsellers lange vergriffen war, hat sich Heyne im Zuge der „Tribute von Panem“-Welle zu einer Neuauflage entschieden. Dementsprechend verkündet ein Aufkleber auf dem Cover auch „Battle Royale macht weiter, wo Die Tribute von Panem aufhören …“ So ganz kann ich dem nicht zustimmen, doch es weist in die richtige Richtung. Denn Battle Royale geht von der Grundidee her zwar nicht weiter, doch es stellt diese kompromiss- und schonungsloser dar.

Während bei den „Tributen von Panem“ größtenteils Fremde gegeneinander kämpfen, so kennen sich die Protagonisten von „Battle Royale“ zum Teil schon seit der jüngsten Kindheit. Die Bindungen zwischen ihnen sind viel stärker als zwischen Fremden und dementsprechend schwerer dürfte es ihnen fallen, sich gegenseitig umzubringen, nur weil es ihnen befohlen wird. Doch ist dies tatsächlich so? Mitzuerleben, wie sich langjährige Freunde nicht mehr trauen, sondern dem anderen die schlimmsten Absichten unterstellen und dementsprechend reagieren, geht tief unter die Haut. Besonders schlimm ist es auch mitzuerleben, wie schnell gesellschaftliche Konventionen und Moral verschwinden. Es dauert nicht Tage oder Stunden, sondern nur Minuten, bis es den ersten kaltblütigen Mord gibt.

Obwohl während des „Programms“ die Erzählperspektive immer wieder zwischen den einzelnen Schüler wechselt und der Tod jedes einzelnen porträtiert wird, gibt es einige Schüler, zu denen die Perspektive immer wieder zurück wechselt und deren Erlebnisse auf der Insel man bis zum bitteren Ende mitverfolgen kann. Selbst bei einigen der Sympathieträger, bei denen ich hoffte, dass sie es schaffen, musste ich miterleben, wie die Unbarmherzigkeit dieses grausamen Spiels ihren Tribut forderte. Doch die Brutalität, mit der einzelne Schüler handelten, wurde nicht um ihrer selbst Willen dargestellt, sondern sie veranschaulicht die Sinnlosigkeit des ganzen Programms. Denn so gnadenlos einige Schüler auch sein mögen, so müssen sie doch – bis auf einen – alle mit ihrem Leben dafür bezahlen. Und wofür dies alles? Für nichts und wieder nichts, wie einer der Schüler realistisch und ohne Hoffnung darauf äußert, dass sich etwas ändern wird. Die Sinnlosigkeit wird weiterhin durch die Ausrüstung der Schüler verdeutlicht: während manche mit Pistolen oder sogar automatische Waffen starten, so finden andere als einzige Verteidigungsmöglichkeit eine Gabel in ihrer Ausrüstung.

Um auf den Vergleich mit der Trilogie „Die Tribute von Panem“ zurückzukommen: Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen diesen Büchern und „Battle Royale“, doch sie beschränken sich auf die grundsätzliche Idee der „Spiele“. Im Gegensatz zu Panem wird das Programm nicht als öffentliche Unterhaltung veranstaltet, es dient nicht der Einschüchterung der Bevölkerung und es wird längst nicht so stark „moderiert“. Vielmehr werden die Teilnehmer des Programms eingezogen und nach der Einführungsveranstaltung sich selbst überlassen. Es braucht nicht das Eingreifen einer steuernden Macht, um die Jugendlichen dazu zu bringen, sich gegenseitig abzuschlachten. Am Ende wird der Sieger kurz in den Medien verkündet, bevor er in der Versenkung verschwindet und man nichts wieder von ihm hört. Wozu dann das Ganze?

Positiv erwähnen möchte ich bei der aktuellen Ausgabe des Heyne-Verlags die zu Beginn des Buches abgedruckten Extras: u.a. eine Karte der Insel, auf der das Programm stattfindet, und eine Liste der Schüler der Klasse 9-B. Diese Liste erleichtert es dem Leser, bei der Vielzahl der ungewohnten Namen nicht vollkommen den Überblick zu verlieren, sondern nachverfolgen zu können, wer noch unter den Lebenden weilt, deren Anzahl jeweils am Ende eines Kapitels unter dem Motto „… Schüler übrig“ verkündet wird.

Sehr negativ aufgestossen ist mir jedoch die Übersetzung, die Heyne dem Leser hier vorsetzt. Normalerweise überlese ich Fehler leichter, wenn mich die Handlung gepackt hat – und dieses Potential hat „Battle Royale“ durchaus. Doch hier häufen sich nicht nur Rechtschreibfehler, sondern es fehlen Wörter, unvollständige Sätze sind abgedruckt und es kommen ebenso überflüssige Wörter vor wie auch Namensverwechslungen. Alles in allem hinterlässt diese Übersetzung einen sehr negativen Eindruck, als ob man sich das Lektorat gespart hätte. Deswegen wurde ich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen und mit der Zeit wartete ich fast mehr auf den nächsten Patzer in der Übersetzung als ich mich auf den Fortgang der Handlung konzentrieren konnte. Schade, dass hätte ich von einem so renommierten Verlag wie Heyne nicht erwartet. Da es sich bei dieser Übersetzung um eine direkt aus dem Japanischen handelt, könnte man mit der englischen Ausgabe ggf. besser beraten sein.

Alles in allem komme ich insgesamt auf 4 von 5 silbernen Halsbändern und ich kann diesen Roman nur all jenen empfehlen, die auch „Die Tribute von Panem“ mochten. Beim Vergleich beider Romane miteinander sollte man jedoch wissen, dass „Battle Royale“ bereits 1999 erschienen ist (nicht dass man falsche Schlussfolgerungen zieht ;-)).

Stephen Jones (Hrsg.) – Zombie Apocalypse

Alles fing damit an, dass Großbritannien zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise ein Festival plante, um die Stimmung der Bevölkerung und in der Wirtschaft wieder zu heben. Auf einem der dafür vorgesehenen Gelände stoßen die Bauarbeiter auf ein unregistriertes Massengrab, in dem Pesttote im Mittelalter begraben wurden. Die Warnungen einer Wissenschaftlerin vor einer möglichen Gefahr eines erneuten Ausbruchs werden jedoch ebenso ignoriert wie die immer häufiger auftretenden ungewöhnlichen Zwischenfälle in der Nähe des Geländes.

Was dann folgt, kann man als Leser aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und in vielen verschiedenen Stilen verfolgen. Es sind Bekanntmachungen der British Media Corporation an ihre Angestellten abgedruckt, ein E-Mail Verkehr zwischen einer Virologin und anderen Wissenschaftlern, der Einsatzbericht eines Streifenpolizisten, die Tagebucheinträge eines 13jährigen Mädchens, medizinische Berichte, Twitter-Nachrichten, Protokolle von Parlamentsversammlungen, transkribierte Tonspuren von Videos, usw.

Durch die Vielfalt der zu Wort kommenden Stimmen wird ein vielschichtiges Bild der Ereignisse gezeichnet und die einzelnen Fäden ergeben miteinander verwoben ein umfassendes Zeugnis vom Niedergang der Zivilisation und der Ausbreitung des Virus. Denn obwohl er seinen Ursprung in London hat, breitet sich der mysteriöse Erreger immer weiter aus und lässt nicht nur die Erkrankten tollwütig werden, sondern auch die infizierten Toten wieder auferstehen. Zuerst versucht die britische Regierung typischerweise, den ganzen Vorfall zu vertuschen, doch als das Problem allzu offenkundig wird und andere Staaten darauf aufmerksam werden, ist es längst zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt hat sich der Virus längst über Großbritanniens Grenzen hinweg ausgebreitet. Was dann folgt, muss nicht weiter ausgeführt werden, da es aus unzähligen anderen Szenarien bereits bekannt ist.

Die Besonderheit dieses Buches besteht in meinen Augen nicht nur in seiner Vielzahl von Textstilen, sondern auch in deren grafischer Aufbereitung. So sind Tagebucheinträge beispielsweise in einer an eine Handschrift angelehnten Schriftart abgedruckt und der Hintergrund besteht aus einem Layout eines Schreibheftes, wohingegen Protokolle mit einer an Schreibmaschinenschrift erinnernden Schriftart auf leicht angegrautem Papier niedergeschrieben wurden.

Als I-Tüpfelchen sorgen die letzten beiden Beiträge nochmals für ein besonderes Schmankerl, die mich das Buch mit einem Schmunzeln schließen ließen. Insgesamt gesehen hat mich dieses Buch gut unterhalten und konnte sich mit seiner gelungenen Gestaltung von der Masse der mir bekannten Zombiebücher abheben. Das ist mir 3,5 von 5 königstreuen Auferstandenen wert.

Klaus F. Kandel – Mystische Schwarzwaldgeschichten

Sowohl der Titel dieser Sammlung als auch der Untertitel „Magische Begegnungen“ machen deutlich, worauf sich der Leser einstellen sollte. Das Buch beherbergt insgesamt 4 Erzählungen (2 kurze und 2 längere), die alle im Schwarzwald angesiedelt sind und von übernatürlichen Begebenheiten zu berichten wissen.

In „1028 m.ü.M.“ begleiten wir einen von seiner Geliebten verlassenen Mann, der sich durch den Wald wandernd auf dem Weg zu seinem Lieblingssee befindet, um dort etwas Ruhe in seine aufgewühlten Gedanken zu bringen. Während er sich trotz Seitenstechen den Berg hinauf kämpft, begegnet er zuerst dem Holländer Michel und anschließend der Seekönigin, die ihm beide anbieten, wonach er so dringend verlangt.

Die Bezeichnung der zweiten Geschichte „L 94“ bezieht sich auf eine Landstraße, auf der die Eltern der jungen Lisa tödlich verunglücken, von der Straße abgedrängt durch den rücksichtslosen Raser Karl. Während Lisa sich nach dem Verlust ihrer Eltern vollkommen in sich selbst zurückzieht, wird im Tal Getuschel laut, dass das Mädchen vom magischen Bergspiegel beschützt wird und wehe dem, der ihr Böses will – besonders dem, der ihre Eltern auf dem Gewissen hat.

Erzengel Gabriel“ ist eine längere Erzählung, die in insgesamt 7 Abschnitte unterteilt ist. Nachdem mehrere Mitglieder einer Verbrecherbande unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind, stößt der ermittelnde Kommissar auf einen Angehörigen eines der Opfer. Dieser Kräuter-Leo, einst angesehener Arzt, lebt jetzt völlig zurückgezogen im Schwarzwald, sammelt auf manchmal tagelangen Wanderungen seltene Kräuter und Mineralien und stellt hochwirksame, rein pflanzliche Medikamente für seine wenigen Freunde und Bekannten her. Doch wie sollte es diesem Mann, der trotz der vielen Zeit, die er sich wohl an der frischen Luft aufhält, kränklich wirkt, gelungen sein, gestandene Männer zu Tode zu erschrecken oder auf noch kurioseren Arten zu Tode zu bringen?

Auch die letzte Geschichte „Lützelhardt“ ist aufgrund ihrer Länge in 4 Abschnitte unterteilt. Protagonist ist der Genussmensch Gundolf, der während eines Wochenendausflugs zur auf einem Bergrücken gelegenen Ruine der Burg Lützelhardt von einem Blitz getroffen und mehrere hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt wird. Als er wieder erwacht, ist von der Ruine nichts mehr zu sehen, sondern er befindet sich in der bewohnten Burg Lützelhardt unter Herrschaft des Ritters Konrad. Gefangen im Mittelalter versucht Gundolf das Beste aus seinem Schicksal zu machen, doch gerade als er sich seinen Platz im Gefüge der Burgbewohner erobert hat, wird diese angegriffen.

Das, was vom Titel dieser Sammlung angekündigt wird, wird von allen 4 enthaltenen Beiträgen gehalten. Der jeweilige Ort der Geschehnisse liegt immer im Schwarzwald und in jedem Fall spielen übernatürliche Wesen oder Ereignisse eine bedeutende Rolle, so dass es ein übergeordnetes Thema gibt. Da ich leider noch nie im Schwarzwald war, konnte ich mit den Ortsangaben nicht allzu viel anfangen, doch die Landschaftsbeschreibungen haben mir eine gute Vorstellung der Gegend vermittelt. Bei den Personen gelang dies leider nicht ganz so gut, es überwog der Eindruck von Resignation und Melancholie, die wie ein Schleier über allem lagen. Diese vorherrschend düstere Atmosphäre sowie die stellenweise sehr anspruchsvolle Sprache mit ihren verschachtelten Sätzen haben die Lektüre in gewissem Umfang zur Herausforderung gemacht. Für einen nebligen Herbstnachmittag mag dieses Buch geeignet sein, aber weniger für einen sonnigen Frühlingstag.

Insgesamt gesehen haben die Erzählungen mir eine Vorstellung vom Schwarzwald und seinen Bewohnern vermittelt und bei einem künftigen Besuch in der Gegend werde ich nach einigen erwähnten Orten Ausschau halten. Für diejenigen, die die Region bereits kennen oder dort wohnen, bietet das Buch einen zusätzlichen Wiedererkennungswert. Abgesehen davon handelt es sich um eine solide, aber eher düstere Sammlung von phantastisch angehauchten Kurzgeschichten, für die ich 3 von 5 Bergwerksschächten vergebe.