George Mann – Affinity Bridge

Sir Maurice Newbury ist normalerweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Britischen Museum tätig, doch gelegentlich unterstützt er mit seiner Expertenmeinung und als Beauftragter von Queen Victoria Scotland Yard bei kniffligen Fällen. Derzeit werden die Straßen Londons, insbesondere von Whitechapel von einem unheimlichen, glühenden Polizisten unsicher gemacht, der schon mehrere Morde verübt haben soll. Doch nach dem verheerenden Absturz eines Luftschiffs werden Sir Maurice und seine neue Assistentin Miss Hobbes von der Queen persönlich auf die Aufklärung dieses Unglücks angesetzt. Bald zeichnet sich ab, dass die beiden Fälle zusammenhängen und Sir Maurice und Miss Hobbes müssen bis an ihre Grenzen gehen, um die sich daraus ergebende Bedrohung Londons abzuwenden.

Die beiden Protagonisten Sir Maurice und Miss Hobbes werden sehr sympathisch geschildert, sind aber keineswegs Übermenschen, sondern haben sehr wohl ihre Grenzen. Als Leser fiebert man mit ihnen mit und leidet auch mit, wenn sie sich über ihre Grenzen hinauswagen und alles geben, um herauszufinden, was hinter den London erschütternden Ereignissen steckt.

Das viktorianische London ist anschaulich geschildert und dank dampfbetriebener Straßenbahnen, riesiger Luftschiffe und mechanischer Roboter herrscht eine intensive Steampunk-Atmosphäre. Hinzu kommt dank der wandelnden Toten, die in Whitechapel umgehen, ein Hauch von Horror.

Dass die anfangs separaten Fälle – der glühende Polizist und das abgestürzte Luftschiff – miteinander zusammenhängen würden, war schon früh ersichtlich. Die Auflösung jedoch war nicht so leicht vorhersehbar und ist in sich stimmig. Gefallen hat mir, dass auf den Einsatz von Magie in dieser technisierten Welt verzichtet wurde und auch für die umgehenden Zombies eine wissenschaftliche Erklärung präsentiert wurde.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei diesem ersten, in sich abgeschlossenen Roman um das Ermittlerduo Sir Newbury und seine Assistentin Miss Hobbes um ein rundes Steampunk-Abenteuer, dass sich leicht weglesen lässt, was mir 3,5 von 5 Flaschen Laudanum wert ist. Der zweite Roman „Osiris Ritual“ ist auf deutsch bereits erhältlich, das dritte Abenteuer „Immorality Engine“ ist für September angekündigt.

Dru Pagliassotti – Das mechanische Herz

In Ondinium, der Hauptstadt des gleichnamigen Reiches, existiert ein strenges Kastensystem mit den Erhabenen an der Spitze, die sich nur vollständig verhüllt in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, und den Famulaten als arbeitenden Klasse. Taya Ikara gehört zur einzigen Kaste, die außerhalb des strengen Systems steht, denn die Ikarier sind die geflügelten Boten, die nicht nur die Freiheit ihrer Ondiumflügel genießen, die ihnen den Zugang zum Luftraum gewähren, sondern die auch das Privileg haben, mit allen Kasten gleichermaßen Umgang zu haben.

Als Taya während eines Botenflugs sieht, wie eine Gondel der Drahtfähre in Schwierigkeiten gerät und abzustürzen droht, setzt sie ihr Leben aufs Spiel, um die darin eingeschlossene Erhabene sowie ihren kleinen Sohn zu retten. Nicht nur wird sie als Heldin gefeiert, sondern sie lernt auch die Erhabenen Brüder Cristof und Alister kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide wurden sie als Erhabene geboren, doch während Alister politisch Karriere gemacht hat und nun im Rat sitzt, der Ondinium regiert und die Große Maschine steuert, die alle für das Funktionieren der Gesellschaft wichtigen Programme ausführt, hat Cristof seiner Kaste den Rücken gekehrt, die Maske der Erhabenen abgelegt und lebt nun unter den Famulaten. Hin- und hergerissen zwischen dem charmanten Alister und dem ruppigen Cristof wird Taya mit einem weiteren Terroranschlag der „Zerrissenen Karten“ konfrontiert, der ihr Leben und das zahlreicher anderer Menschen durcheinander wirbelt.

Die amerikanische Autorin hat in diesem Roman eine klassische Steampunk-Gesellschaft kreiert, in der die große Maschine das mechanische Herz der Stadt Ondinium bildet. Auf dieser Maschine laufen zahlreiche Programme, die nicht nur die Wirtschaft Ondiniums steuern, sondern auch die Loyalität ihrer Bürger prüfen und vieles mehr. Obwohl es den Einwohnern der Stadt durchschnittlich besser geht als den Bürgern der Nachbarreiche, so regt sich doch Unmut angesichts der alles bestimmenden Rolle der Großen Maschine. Und auch Spione aus den umliegenden Ländern geben alles, um das größte Geheimnis Ondiniums zu ergründen.

In diese spannungsgeladene Atmosphäre wird der Leser quasi wortwörtlich auf Tayas Schwingen geworfen. Aus der Ich-Perspektive der geflügelten Botin erhält man zuerst einen Einblick in die Regeln dieser Welt, ehe man sich unvermutet in einer Verschwörung wieder findet, die zwar nicht Ondiniums Grundfesten bedroht, aber dennoch größten Schaden anrichten kann. Taya stellt sich während dieser Ereignisse nicht als Überheldin heraus, sondern sie zweifelt, hinterfragt und macht auch Fehler – genau das macht sie so sympathisch.

Obwohl ich in den meisten Fällen nicht darauf stehe, so bestätigen Ausnahmen die Regel. Und dieses Buch ist so eine Ausnahme, was die darin enthaltene Liebesgeschichte angeht. Sie wirkt nicht aufgesetzt, es ist keine Liebe auf den ersten Blick und es gibt immer wieder Zweifel, Missverständnisse und zwischenzeitliche Entfremdungen zwischen den beiden. Sie müssen erst lernen, ihren Gefühlen zu vertrauen und sie zu äußern. Diese Verletzlichkeit, die Scheu sein Herz zu öffnen, ist so einfühlsam geschildert, dass ich nicht anders konnte und völlig gerührt auf ein Happy End für sie gehofft habe.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei „Das mechanische Herz“ um einen gelungenen Steampunk-Roman mit sympathischen Charakteren, einer spannenden Handlung und einer feinfühligen, aber nicht aufdringlichen Liebesgeschichte. Einen kleinen Abzug gibt es wegen der etwas verworrenen politischen Situation, die ich mir etwas deutlicher dargestellt gewünscht hätte. Summa summarum komme ich dennoch auf 4,5 von 5 Krähen und ich freue mich auf das Sequel zu diesem abgeschlossenen Roman, das auf der Seite der Autorin angekündigt ist.