C.L. Wilson – Die Tairen Soul-Reihe

In den schwindenden Landen, geschützt durch die wandelnden Nebel, lebt das Volk der Fey, unsterbliche und wunderschöne, magiebegabte Wesen, die von ihrem König Rainier-Eras Feyreisen, dem einzig lebenden Tairen Soul, angeführt werden. Seitdem seine Gefährtin vor tausend Jahren im Krieg von den feindlichen Magiern aus Eld getötet wurde und er daraufhin im Zorn die Welt in Brand gesteckt und damit Millionen getötet hatte, hat er die schwindenden Lande nicht mehr verlassen und sich ganz darauf konzentiert, den Wahnsinn, der ihn damals überkommen hatte, zu bekämpfen. Doch nun stehen die Tairen, die riesigen geflügelten Katzen, die mit den Fey verwandt sind, kurz vor dem Aussterben und ein Orakel hat Rain mitgeteilt, dass er seine Seelengefährtin finden muss und nur diese die Tairen retten kann.

Währenddessen lebt die junge Ellysetta ein unscheinbares Leben als Tochter eines Holzschnitzers in Celieria-Stadt, der Hauptstadt des Menschenreiches Celieria. Als der jährliche Besuch der Fey-Wahrsprecherin Marissya angekündigt wird und bekannt wird, dass diesmal der berühmt-berüchtigte Rain Tairen Soul höchstpersönlich die Delegation begleiten wird, mischt sich Ellysetta unter die Tausenden, die den Einzug der Fey bejubeln. Doch als ausgerechnet dann Rain Ellysetta unter den Massen erspäht und in ihr seine Seelengefährtin erkennt, gerät Ellysettas ganzes Leben aus den Fugen.

Einen Großteil der ersten beiden Bände verbringt Rain mit der Werbung um Ellysetta, um sie besser kennenzulernen und so ihren Seelenbund zu stärken. Ellysetta selbst ist hin- und hergerissen zwischen der plötzlichen und unerwarteten Zuneigung von einer lebenden Legende, die sie schon ihr ganzes Leben fasziniert hat, und den ganzen Veränderungen, die über ihr Leben und das ihrer Familie hereingebrochen sind. Zum Beispiel ist sie durch die Verlobung mit dem Feyreisen, dem König aller Fey, von der ehemaligen Untertanin der Königin von Celieria zu einer ihr gleichrangigen Person geworden. Doch nicht nur das verursacht ihr Unbehagen, denn sie wird wieder von Alpträumen heimgesucht und erleidet zudem wieder die gleichen Krampfanfälle wie schon während ihrer Kindheit. Das Fass randvoll macht die Mitteilung Rains, dass der alte Feind, die Magier von Eld, wieder am Erstarken sind und sie zudem ein starkes Interesse an Ellysetta haben. Als ihr Beschützer will Rain sie so schnell wie möglich in Sicherheit bringen, hinter die wandelnden Nebel, denn ein neuer Magierkrieg scheint unausweichlich. Doch welche Rolle ist Ellysetta darin bestimmt?

Dass sich der ganze gordische Knoten, den die Situation an sich, Ellysettas unerwartet starke magische Begabung, die politischen Bündnisse und die Intrigen der Eld, nicht einfach so in Wohlgefallen auflöst, liegt auf der Hand. Dementsprechend düsterer wird die Atmosphäre ab dem dritten Band. Die zuvor sehr viel Platz einnehmende, sich entwickelnde Liebesbeziehung zwischen Rain und Ellysetta tritt in den Hintergrund zurück (ohne völlig zu verschwinden) und sowohl politische als auch militärische Kämpfe bestimmen die Handlung. Sehr gut gefallen hat mir, dass die Autorin dabei die Entwicklung ihrer Charaktere nicht vergessen hat. Besonders deutlich wird dies an der Protagonistin Ellysetta, die nach anfänglichen Schwierigkeiten sehr schnell in die Rolle einer Königin hineinwachsen muss. Obwohl sie immer wieder von Unsicherheiten überwältigt zögert und sich hilfesuchend an Rain und ihre neugewonnenen Fey-Freunde wendet, lernt sie eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben.

Doch als Leser erfährt man nicht nur, wie es Ellysetta, Rain und den Fey ergeht, sondern durch andere Charaktere vom Königshof in Celieria-Stadt und der unterirdischen Festung des Großmagiers von Eld bleibt man ebenso darüber auf dem Laufenden, was die Menschen und die Eld umtreibt und welche Pläne sie schmieden. Allerdings liegt hierin auch der größte meiner Kritikpunkte: es gibt Pläne in Pläne um Plänen zu begegnen, die wiederum in anderen Plänen versteckt sind. Zwar ist jeder Winkelzug nachvollziehbar und fügt sich gut ins Gesamtbild ein, aber mir hätte es auch gereicht, wenn die Autorin einige Schleifen weniger gefahren wäre. Auch so ist klar, worauf alles hinauslaufen wird.

Und das ist der Stichpunkt für meinen zweiten Kritikpunkt: relativ spät führt die Autorin einen neuen POV innerhalb der Magierfestung ein, der eine entscheidende Rolle spielen wird. Doch ist für mich der Weg dorthin nicht schlüssig, denn eine wichtige Veränderung bleibt unkommentiert und damit für mich nicht erklärbar.

Dies alles zugenommen ist die fünfbändige Tairen Soul-Reihe für mich ein Lesegenuss mit ausgeprägter romantischer Ader, die mit fortschreitender Handlung von Politik und Krieg überschattet wird, die sich aber dennoch nicht unterkriegen lässt. Hätte sich die Autorin an manchen Stellen kürzer gefasst und vielleicht den ein oder anderen Schachzug weggelassen, hätten mir die Bücher noch besser gefallen. Doch auch so komme ich insgesamt auf gute 3,5 von 5 Brunnen der Seelen.

Folgende Bände umfasst die Reihe:

  • Im Bann des Elfenkönigs
  • Herrin von Licht und Schatten
  • Die finstere Macht der Tairen Soul
  • Königin der Seelen
  • Das betörende Lied des Elfenkönigs
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George Mann – Affinity Bridge

Sir Maurice Newbury ist normalerweise als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Britischen Museum tätig, doch gelegentlich unterstützt er mit seiner Expertenmeinung und als Beauftragter von Queen Victoria Scotland Yard bei kniffligen Fällen. Derzeit werden die Straßen Londons, insbesondere von Whitechapel von einem unheimlichen, glühenden Polizisten unsicher gemacht, der schon mehrere Morde verübt haben soll. Doch nach dem verheerenden Absturz eines Luftschiffs werden Sir Maurice und seine neue Assistentin Miss Hobbes von der Queen persönlich auf die Aufklärung dieses Unglücks angesetzt. Bald zeichnet sich ab, dass die beiden Fälle zusammenhängen und Sir Maurice und Miss Hobbes müssen bis an ihre Grenzen gehen, um die sich daraus ergebende Bedrohung Londons abzuwenden.

Die beiden Protagonisten Sir Maurice und Miss Hobbes werden sehr sympathisch geschildert, sind aber keineswegs Übermenschen, sondern haben sehr wohl ihre Grenzen. Als Leser fiebert man mit ihnen mit und leidet auch mit, wenn sie sich über ihre Grenzen hinauswagen und alles geben, um herauszufinden, was hinter den London erschütternden Ereignissen steckt.

Das viktorianische London ist anschaulich geschildert und dank dampfbetriebener Straßenbahnen, riesiger Luftschiffe und mechanischer Roboter herrscht eine intensive Steampunk-Atmosphäre. Hinzu kommt dank der wandelnden Toten, die in Whitechapel umgehen, ein Hauch von Horror.

Dass die anfangs separaten Fälle – der glühende Polizist und das abgestürzte Luftschiff – miteinander zusammenhängen würden, war schon früh ersichtlich. Die Auflösung jedoch war nicht so leicht vorhersehbar und ist in sich stimmig. Gefallen hat mir, dass auf den Einsatz von Magie in dieser technisierten Welt verzichtet wurde und auch für die umgehenden Zombies eine wissenschaftliche Erklärung präsentiert wurde.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei diesem ersten, in sich abgeschlossenen Roman um das Ermittlerduo Sir Newbury und seine Assistentin Miss Hobbes um ein rundes Steampunk-Abenteuer, dass sich leicht weglesen lässt, was mir 3,5 von 5 Flaschen Laudanum wert ist. Der zweite Roman „Osiris Ritual“ ist auf deutsch bereits erhältlich, das dritte Abenteuer „Immorality Engine“ ist für September angekündigt.

Julian Frost – Last days on earth

In einer alternativen Version unserer Welt bevölkern nicht nur Menschen die Erde, sondern auch Vampire, Werwölfe, Banshees, Kobolde und lauter andere magische Wesen. Natürlich geht es dabei nicht reibungslos zu und so gibt es zwei Behörden, die sich mit magischen Ermittlungen beschäftigen, dabei aber völlig verschiedenen Ansätze verfolgen. Karla arbeitet als weiße Hexe für das MID, während Raoul als Chaosmagier für deren Schwesterorganisation, das schwarzmagische ZMA arbeitet. Gemeinsam werden sie auf einen Fall angesetzt, bei dem es sich anfangs nur um eine Reihe ungewöhnlicher Bücherdiebstähle handelt. Doch alles deutet darauf hin, dass die Bücher der Katalysator zur Einleitung des Weltuntergangs darstellen – und der 21. Dezember 2012 kommt immer näher.

Wie man anhand der kurzen Inhaltsangabe merkt, handelt es sich bei diesem Buch mit Nichten um einen Thriller, sondern vielmehr um Urban Fantasy mit einem Hauch Krimi. Dessen sollte man sich unbedingt bewusst sein, wenn man diesen Roman zur Hand nimmt, denn wer einen typischen Thriller erwartet, dürfte arg enttäuscht werden.

Das Worldbuilding ist sehr stark an unsere Welt angelehnt, ergänzt durch die übernatürliche Komponente. Diese Kombination führt einerseits dazu, dass man sich als Leser schnell in die Örtlichkeiten einfindet, aber aufgrund der überall vorhandenen Magie bleibt genügend Fremdartiges übrig, um die Neugierde nicht versiegen zu lassen. Die grundsätzliche Unterscheidung in schwarze und weiße Magie erzeugt ein zusätzliches Spannungsfeld, doch leider blieben einige Fragen in diesem Zusammenhang unbeantwortet, die z.T. auch grundsätzliche Bedeutung haben.

Die beiden Protagonisten Karla und Raoul sind Vertreter der beiden entgegen gesetzten magischen Lehren und zu Beginn überhaupt nicht davon begeistert zusammenarbeiten zu müssen. Karla hat innerhalb ihrer Organisation aufgrund früherer Ereignisse nicht den besten Stand und zusätzlich ist ihr Liebhaber ein Vampir, was ihren Ruf und ihre Tätigkeit als weiße Hexe stark gefährden könnte, sollte es bekannt werden. Raoul hingegen hat zwar keine Schwierigkeiten mit der schwarzmagischen ZMA, da er ohnehin nur als freier Mitarbeiter für sie tätig ist, jedoch hatte er sich vor Jahren dazu entschieden, einen Daimon aufzunehmen und als dessen Wirt zu fungieren. Dieser Daimon, Brad, setzt Raoul stark zu, entzieht ihm immer wieder die Kontrolle über ihren Körper und wenn Raoul Tage oder Wochen später orientierungslos wieder an die Oberfläche gelangt, wird er mit dem Chaos konfrontiert, dass sein Daimon hinterlassen hat. Wiegen die Vorteile wirklich stärker?

Im Laufe ihrer gemeinsamen Ermittlungen müssen sich Karla und Raoul zusammenreißen und nicht nur ihre Vorurteile über den jeweils anderen revidieren, sondern sich auch über ihre eigene Situation Rechenschaft ablegen. Angesichts der zusätzlich zu Tage tretenden Schwierigkeiten im Privatleben der beiden tritt der Kriminalfall immer mehr in den Hintergrund bis er zeitweise sogar völlig aus der Handlung verschwindet.

Was es streckenweise schwierig gemacht hat, dem Fortgang der Ereignisse zu folgen, waren die Zeitsprünge. Der bedeutendste von ihnen fiel optisch unglücklich auf einen Seitenwechsel, so dass ich erst nach mehreren Abschnitten herausgefunden habe, dass überhaupt ein Zeitsprung vorkam. Schade, das wäre vermeidbar gewesen. Abgesehen davon wurden durch die Zeitsprünge auch einige potenziell interessante Szenen übersprungen, die den Protagonisten noch mehr Kontur hätten verleihen können, von denen der Leser jedoch nur den Ausgang im Rückblick erfährt.

Fazit: Abgesehen von der unglücklichen Verlagspolitik, die diesen Roman als Thriller verkauft, hat die Autorin solide Urban Fantasy mit sympathischen Charakteren hervorgebracht. Der positive Eindruck wurde leider durch einige offen gelassene Fragen und Handlungsstränge sowie für mich störende Zeitsprünge getrübt. Dank der mitreissenden Sprache habe ich das Buch dennoch nur schwer aus der Hand legen können und vermutlich werde ich mir auch ein eventuell erscheinendes zweites Abenteuer des Ermittlungsduos Karla & Raoul nicht entgehen lassen – auch in der Hoffnung auf einige Antworten und Erklärungen dieses Buch betreffend. Damit komme ich für „Last days on earth“ insgesamt auf (knapp) 3,5 von 5 Wolfsstatuen“.

Tobias O. Meißner – Barbarendämmerung (Zitat)

In den Städten herrschten andere Gesetze als draußen in den Wäldern, Sümpfen, Bergen und Steppen.

Menschen gaben sich diese Gesetze. Sie gaben sie sich selbst.

Aber sie brachen sie auch. Nach eigenem Gutdünken.

Wenn du reich warst, konntest du auf einem Schiff mitten im See tun und lassen, was du wolltest. Sogar Töten war dann kein Problem mehr. Also näherten sich die Gesetze, je wohlhabender jemand war, wieder den Gesetzen der Wälder und Steppen an. Er hatte erwartet, dass das anders sein würde. Genau umgekehrt. Je vornehmer, desto weiter entfernt von den Wäldern. Er fragte sich, wozu man die Wälder dann überhaupt verließ.

Meißner, Tobias O.: Barbarendämmerung, 2012, Piper, Seite 258

Tobias O. Meißner – Barbarendämmerung

Wo immer er auftaucht, zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Er ist ein Hüne, muskelbepackt und kampferprobt. Er spricht nicht. Er duldet nicht. Und er nimmt sich, was er will. Er ist der Barbar, der als Kontrast zu den Städtern für das steht, was sie alles nicht mehr haben, können oder sich trauen.

Der Aufdruck „Roman“ auf dem Cover ist meiner Meinung nach irreführend, denn bei „Barbarendämmerung“ handelt es sich keinesfalls um einen konventionellen Roman. Vielmehr ist es eine chronologischen Aneinanderreihungen von Episoden rund um den bis zum Schluss namenlos bleibenden Barbaren. Obwohl die Erzählungen alle einzeln gelesen werden können, sind sie doch miteinander verbunden, sei es durch einen Gegenstand, wiederauftauchende Personen oder die Erwähnung früherer Begebenheiten.

Was während all dieser Geschehnisse im Unklaren bleibt, ist die Motivation des Barbaren. Er kennt keine Moral, unterscheidet nicht in Gut oder Böse, so wie es der Leser tut, und er bedauert kaum etwas. Als plausibelster Anreiz erscheinen mir die natürliche Bedürfnisse, die der Barbar empfindet – Hunger, Durst, Sex, … Abgesehen davon ist das einzig wiederkehrende Motiv, dass ich identifizieren konnte, die Neugier des Barbaren. Er hört von einem Propheten und möchte ihn sich ansehen. Der Besuch bei einem Gott steht später ebenfalls auf seinem Reiseplan. Und als er von einem Drachen hört, ist ebenso klar, wohin er gehen wird.

Obwohl er während der Erlebnisse, denen der Leser beiwohnt, einige Taten begeht, die ich nicht nachvollziehen konnte und die in meinen Augen unnötig bis äußerst brutal waren, so hat mich am meisten verwundert, dass ich den Barbaren trotzdem nicht als Unsympath oder gar Bösewicht empfunden habe. Vielmehr kam er mir ein Tier vor, dass sich von seinen Instinkten leiten lässt und das, was er tut, zumeist nicht mit Absicht oder Berechnung unternimmt. Zudem konnte ich den teilweise den Eindruck einer gewissen kindlichen Naivität nicht leugnen.

Worauf man sich bei diesem Buch in jedem Fall einstellen muss, ist das Blut, dass die Seiten tränkt und zwischen den Zeilen hervorquellt. Der Barbar ist ein überdurchschnittlich guter Kämpfer und das stellt er immer wieder unter Beweis. Interessanterweise ist er aber nicht immer ein Einzelgänger, sondern er lässt sich auch als Leibwächter und Söldner anheuern – nicht immer zu andauernden Freude seiner Auftraggeber, sei dazu gesagt.

Als Gegenpol zu der Gewalt enthält das Buch auch einige philosophische Überlegungen, die ich nicht erwartet hätte, aber die als Abwechslung willkommen waren. An mehreren Punkten stellt sich explizit oder implizit die Frage, wer nun wirklich ein Barbar ist – der Barbar, der sich um die Erfüllung seiner eigenen Bedürfnisse kümmert und dem Intrigen und politische Ränkespiele fremd sind, oder die Menschen, die Morden um der Lust willen, die Töten um sich zu bereichern und die zu seelischen Grausamkeiten fähig sind, die selbst nur schwarz auf weiß kaum zu ertragen sind.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei „Barbarendämmerung“ um einen urtümlichen Roman mit ungewöhnlichem Aufbau und einer Hauptperson, die zwar kein Sympathieträger ist, aber mich als Leser dennoch für sich einnehmen konnte. Mit einem recht hohen Gewaltpegel, der kurzzeitig von einem Hauch Philosophie gesenkt werden kann, muss der Leser rechnen. Obwohl ich von Tobias O. Meißner bisher erst ein anderes Buch gelesen habe („Die Soldaten“), so habe ich den Eindruck, dass der Autor mehr kann. Deswegen komme ich für die „Barbarendämmerung“ auf soliden , aber nicht überragende 3,5 von 5 Steinlawinen.

Fabienne Siegmund – Das zerbrochene Mädchen und andere Erzählungen

Diese Sammlung der deutschen Autorin beinhaltet 5 kürzere und 1 längere Erzählung, die allesamt durch eine bittersüß melancholische Atmosphäre gefangen nehmen.

In „Londons Nebel“ besucht Stella, die als Kind vom Koboldkönig geküsst wurde und seitdem unter dem Schutz der Pixies steht, die Herrin der Nebel um über die Rückgabe ihrer besten Freundin zu verhandeln. Doch dorthin, wo Mylady Muerte residiert, können ihr ihre Beschützer nicht folgen.

Um ein „Orangenbäumchen“ drehen sich alle Gedanken des ehemaligen Illusionisten, der seine Fähigkeiten verloren hat, in der gleichnamigen Erzählung. Als er Julie, die Stimme aus dem Radio kennenlernt, die allabendlich den Sorgen und Nöten der Menschen zugehört und sie von ihnen befreit hat, wendet sich auch sein Leben wieder zum Besseren. Doch er überschreitet eine unsichtbare Grenze und verlangt mehr von Julies Aufmerksamkeit, als sie geben kann.

Ins „Lichtermeer“ gehen die Seelen aller Verstorbenen ein, so auch die von Martens Verlobter. Um sie noch einmal sehen zu können, würde er jeden Preis bezahlen, doch was er letztendlich geben wird, um mir ihr wiedervereint zu sein, ist selbst für ihn, der er sie über alles liebt, zu viel.

Was die Beute der Töchter des Schattenkönigs ist, verrät der Titel der Kurzgeschichte „Die Seelenjagd“. Dieses Mal sind sie hinter Shi her, der sich in einer nebligen Nacht aus der sicheren Hütte am Rande des Moors herauswagt und den Weg zum Kloster wagt, um seine geliebte Mila zu retten. Ausgestattet mit der schützenden Drachenmünze stellt er sich den Schrecken, die die Nebel bereithalten.

Dem Engel, der seit Jahrhunderten als Statue auf der Karlsbrücke in Prag sein Dasein fristet, hat seit dem Verschwinden Gottes aus dem Leben der Menschen keinen Lichtblick mehr, bis die junge Zeichnerin Katia auftaucht. Als ihm von einem Fremden 3 „Zaubernächte“ geboten werden, die er mit Katia verbringen könnte, beginnt das steinerne Herz des Engels erneut zu schlagen.

Die mit Abstand längste und deswegen am detailreichsten ausgearbeitete Erzählung ist diejenige von Coralie, dem „zerbrochenen Mädchen“. Wie in den alten Märchen kann sich Coralie in einen Schwan verwandeln, jedoch wurde ihr während einer ihrer Verwandlungen ihr Schwanenherz gestohlen und zerstört – es ist in hunderte Federn zersplittert. Ohne ihr Herz kann Coralie sich nicht nur nicht mehr in einen Schwan verwandeln, sondern es bedeutet ihren sicheren Tod. Doch in Jordan und seinen Freunden findet sie wieder Hoffnung, denn für Jordan ist sie diejenige, auf die er immer gewartet hat und die sein Leben erst vervollkommnet – und für ihr Wohlergehen würde er alles tun.

Neben der bereits angesprochenen Stimmung, die allen Geschichten zueigen ist und die besonders stark in „Das zerbrochene Mädchen“ zum Tragen kommt (und mich zu Tränen gerührt hat), werden alle Erzählungen auch durch das wiederkehrende Motiv der Aufopferung für einen geliebten Menschen verbunden. Für diese gefühlvolle Sammlung, die von wundervollen und sehr passenden Zeichnungen ergänzt wird, für deren Lektüre man jedoch in der richtigen Stimmung sein sollte, vergebe ich starke 4,5 von 5 Daunen.

Suzanne Collins – Hunger Games (3) – Mockingjay

Katniss Everdeen, das Mädchen, das in Flammen steht und in dieser Rolle der Funke war, der die Feuer der Rebellion in Panem entfacht hat, hat auch die zweiten Hungerspiele überlebt, denn die Rebellen konnten sie gerade noch rechtzeitig schwer verletzt aus der Arena retten. Nun soll sie in ihren Reihen die Rolle einnehmen, für die sie bestimmt ist: Katniss ist der Mockingjay, das Symbol der Rebellion, ihre Gallionsfigur und die größte Gefahr für ihre Anführer, sollte sie sich gegen sie stellen. Doch hat die Rebellion ihre Loyalität verdient oder ist sie wieder nur Teil irgendwelcher Spiele?

Die Wunden, die Katniss Körper in der Arena davongetragen hat, heilen und dank der hervorragenden medizinischen Technik bleiben zumeist keine Narben zurück. Doch mit Katniss Seele sieht es ganz anders aus – sie ist zerfressen von zahlreichen unverheilten Wunden und ständig kommen neue hinzu. Diese psychische Labilität wird durch die Ich-Perspektive verstärkt und wirkt dadurch noch bedrückender auf den Leser. Man wird förmlich in Katniss Seelenleben hineingezogen und kann gut nachvollziehen, wie sie immer mehr den Halt verliert, zumal sie Peeta als Stütze verloren hat, denn er befindet sich in der Gewalt des Kapitols und muss seine eigenen Kämpfe bestehen.

Die politischen Intrigen, die zuvor zwar präsent waren, aber eher im Hintergrund rangierten, nehmen immer mehr Raum ein. Während die heile Fassade der freiheitsliebenden Rebellen Risse bekommt, gibt es im Kapitol auch noch Menschlichkeit. Die Fronten zwischen den sich mittlerweile offen bekriegenden Parteien verschwimmen immer mehr und Freund und Feind unterscheiden sich nicht mehr anhand der Uniform, die sie tragen, sondern ausschließlich durch ihre Taten.

Während ich beim ersten Band noch kritisiert habe, dass Collins die moralisch schwierigsten Entscheidungen umschifft hat und Katniss eher unbeschadet durch die Arena gehen ließ, so hat sie dies in diesem Abschlussband mehr als wettgemacht. Katniss wird nicht nur Zeugin weiterer, immer schlimmerer Gräueltaten, sondern sie ist auch selbst gezwungen, sich über die Moral ihrer eigener Taten Rechenschaft abzulegen.

Fazit: Obwohl das Finale der Hunger Games-Trilogie dreckig und blutig ist und kein heroischer Schimmer herrscht, so ist es gerade diese bittere Realitätsnähe, die ein Happy End nach all dem, was Katniss durchmachen musste, verhindert, die mich beeindruckt hat. Ich komme auf 4 von 5 eigensinnigen Katern.