Vincent Voss – Faulfleisch

Liam und seine Familie sind der Kinder wegen vom geschäftigen Hamburg aufs ruhige Land gezogen. Doch dort kann sich Liam nur langsam eingewöhnen, denn die Ehe mit Sandra steckt in einer Krise und zusätzlich hat der kreative Freiberufler eine Blockade. Auf seinen langen Erkundungsspaziergängen durch die Gegend kommt er auch am abseits gelegenen alten Königshof vorbei und beobachtet dort merkwürdige Szenen. Einmal meint er, eine blutige Hand hinter einer Fensterscheibe gesehen zu haben und ein anderes Mal wird er durch lautes Stöhnen angelockt Zeuge, wie der derzeitige Besitzer des Hofes, ein Gerichtsmediziner, einen nackten, gefesselten und mit einem Gummiball geknebelten Mann aus der Scheune ins Haus holt. Bedingt durch die Unsicherheit hinsichtlich seiner beruflichen Zukunft und der Zukunft seiner Ehe ist er nicht sicher, ob die Angst, die ihn angesichts seiner Beobachtungen beschleicht, nur auf seinem angespannten psychischen Zustand beruht oder ob da nicht doch etwas im Gange ist. Doch als er sich mit seinen Befürchtungen endlich einem Freund anvertraut, hat das Unheil schon längst begonnen.

Dieses Buch, das ich als Rezi-Exemplar vom Verlag erhalten habe, hat mich über eine längere Zeit begleitet, als ich angenommen hatte, denn die Umzugsvorbereitungen, der Umzug selbst und das anschließende Einrichten der neuen Wohnung haben mich so sehr in Beschlag genommen, dass das Lesen völlig hinten runter fiel. Doch als ich nach beinahe einem Monat, in dem ich keine einzige Seite gelesen hatte, das Buch wieder aufschlug, hatte ich keine Probleme, wieder in die Geschichte reinzukommen.

Die Hauptperson Liam, aus dessen Sicht der Großteil der Geschehnisse erzählt wird, ist nicht unbedingt der sympathischste Protagonist, aber er wirkt sehr realistisch, gezeichnet mit Stärken und Schwächen. Auch die anderen Personen erschienen mir aus dem Leben gegriffen, auch wenn mir keiner davon übermäßig ans Herz gewachsen ist. Abneigungen habe ich hingegen deutlicher ausgebildet – nicht nur gegen den Gerichtsmediziner, den Auslöser der ganzen Geschehnisse, sondern auch gegen manchen Bewohner des Dorfes, insbesondere Hübi, einen kraftstrotzenden Grobian, den ich nicht bösartig nennen möchte, der aber einen aufbrausenden Charakter hat und damit geschlossene Türen einrennt. Doch auch solche Charaktere können das Salz in der Suppe sein.

Wo ich den Gerichtsmediziner schon mal erwähnt habe: die wenigen Passagen zu Beginn des Romans, die von ihm handeln, sind die einzigen, die aus der Ich-Perspektive geschrieben sind. Dieser vermutlich beabsichtigte Stilbruch hat zwar diese Kapitel deutlich von den anderen abgehoben, mich aber auch jedes Mal aus dem Lesefluss gerissen.

Etwas Mühe gekostet hat mich im Allgemeinen die kleine erste Hälfte des Buches, bis – ich lass die Katze aus dem Sack – die Zombies endlich die Bildfläche betreten. Gut gefallen hat mir der Spannungsaufbau, wie die ersten Anzeichen des drohenden Unheils sich abzeichnen und keiner außer dem sich selbst nicht vertrauenden Liam sie erkennen. Doch mancher Schlenker auf dem Weg dorthin kam mir unnötig vor. Dies wurde wieder wettgemacht durch die auftretende Zombieseuche. Das Verhalten der Untoten ist für das Genre äußerst typisch und genau wie ich es mag – sie reden und fühlen nicht, sondern sind einfach nur auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit. Auch die Ausbreitung vom ersten Infizierten ausgehend ist stimmig und lässt erahnen, wie ein kleines Dorf in der Nähe Hamburgs zum Ausgangspunkt für die Apokalypse wird. Spätestens als sich dies abzeichnet, konnte ich Liams unbestimmbare Existenzangst voll und ganz nachvollziehen und auch, dass obwohl er den starken Verdacht hatte, dass Zombies hinter all dem stecken könnten, er sich nicht traut, diesen Verdacht laut auszusprechen. Wie sollte man auch in unserer aufgeklärten Welt? Diesen Aspekt fand ich außerordentlich gut dargestellt. Neuland war für mich auch die Erklärung zur Entstehung von Zombies. So hatte ich das noch nie gehört und plausibel war es obendrein.

Um ein Fazit zu ziehen: nach einem etwas langsamen Start nahm die Handlung dann doch noch Fahrt auf und zeichnet ein stimmiges Bild, wie sich von einem unscheinbaren Punkt ausgehend die Apokalypse entwickeln kann und wie wenig die Menschen dem entgegensetzen kann. Als Leser sollte man jedoch starke Nerven haben, da manche Szenen mir förmlich eine Gänsehaut beschert haben und dies kurz vor dem Schlafengehen eher für unruhige Träume sorgen kann. Wer dies abkann und mal etwas von Zombies in unserer Heimat lesen möchte, der sollte bei diesem Buch ruhig einen Blick riskieren. Von mir gibt es 3,5 von 5 Vogelbeobachter.

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