Jussi Adler-Olsen – Carl Mørck (1) – Erbarmen

Die seit einiger Zeit andauernde Welle von nordischer Krimiliteratur ging größtenteils an mir vorbei und ich schloss lediglich mit Stieg Larssons Millenium-Trilogie nähere Bekanntschaft. Doch als mir die ersten drei Bände der dänischen Reihe um den Ermittler des Sonderdezernats Q, Carl Mørck, billig in die Hände fielen, nahm ich sie spontan mit.

Zu Beginn lernen wir Carl Mørck als beinah gebrochenen Mann kennen, der einen seiner Kollegen bei einer Schießerei verlor, in der er selbst und ein weiterer Kollege schwer verletzt wurden. Zurück im Revier will Mørck eigentlich nur noch seine Ruhe und seine genervten Kollegen und Vorgesetzten wollen das ebenfalls. Daher kommt das neu gegründete Sonderdezernat Q genau richtig – man kann Mørck dorthin abschieben, wo er alte, hoffnungslose Fälle wieder aufrollen soll. Mit nur dem syrischen Hafez el-Assad als Assistenten sieht Mørck diese „Beförderung“ dennoch nicht als Bestrafung, denn er hofft, sich in seinem neuen Kellerbüro ausruhen und seine Zeit absitzen zu können.

Assad jedoch ist mit viel mehr Eifer bei der Sache als sein Boss und so bringt er ihn langsam aber sich dazu, sich doch mehr mit den ihnen vorgelegten alten Fällen zu befassen. Einer davon beschäftigt sich mit dem Verschwinden den Politikerin Merete Lynggaard vor beinah 5 Jahren an Bord einer Ostseefähre. Den damaligen Ermittlungen zufolge fiel sie von Bord und ertrank in der See. Mørck und Assad jedoch stoßen nach und nach auf immer mehr Ungereimtheiten, die sie in eine völlig andere Richtung führen.

Gleichzeitig erfahren wir in anderen Kapiteln von einem personalen Erzähler, wie es Merete erging. Denn wie man sich als Leser schon nach kurzer Zeit zusammenreimen kann, fiel sie keinesfalls ins Meer, sondern wurde entführt und in eine kleine Kammer gesperrt. In völliger Dunkelheit verharrt sie mehrere Monate, bevor sie von einer körperlosen Stimme aus dem Lautsprecher gefragt wird, ob sie denn wüsste, warum sie hier wäre. Als sie darauf keine Antwort weiß, ist dies erst der Beginn ihres Martyriums.

Immer abwechselnd erfahren wir vom Fortschreiten von Mørcks Ermittlungen und Meretes Qualen, wobei sich die beiden Zeitebenen – Merete verschwand 2002, Mørck begann mit seinen Ermittlungen 2007 – immer weiter aneinander annähern. Dabei lernen wir Leser nicht nur Mørck besser kennen, hinter dessen Resignation ein guter Ermittler zum Vorschein kommt, der, hat er einmal Blut geleckt, nicht locker lässt und dank seiner Intuition und langjährigen Erfahrung oftmals an sein Ziel gelangt. Merete selbst, die wir am Anfang als kühle Politikerin kennen lernen, die sich als Unnahbare gibt, offenbart mit der Zeit, welche innere Härte in ihr steckt und was ihr in ihrem Leben wirklich etwas bedeutet und ihr den Halt gibt, ihr Martyrium durchzustehen. Beide wuchsen mir zwar nicht ans Herz, aber ihre Charaktere waren lebensecht gezeichnet, mit Ecken und Kanten, die ihnen Struktur verliehen.

Auch die Geschichte selbst und der Spannungsbogen waren solide konstruiert, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob manche Patzer in den Ermittlungen so wirklich vorkommen. Allerdings brauchte ich einige Zeit, um überhaupt erst in das Buch hineinzukommen, denn gerade zu Beginn war nicht abzusehen, in welche Richtung sich alles entwickeln würde und auch, welches Verhältnis sich zwischen Assad und Mørck etablieren würde. Nach ca. einem Drittel war das Buch dann aber doch in Fahrt gekommen und ich verfolgte die Fortschritte in Mørcks und Assads Ermittlungen gespannt.

Summa summarum komme ich damit auf 3 von 5 Legofiguren und plane, den nächsten Band der Reihe bald zu lesen in der Hoffnung, dass ich dann schneller in die Geschichte hineinkomme, wenn ich die Charaktere und die Grundsituation schon kenne.

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2 Kommentare zu “Jussi Adler-Olsen – Carl Mørck (1) – Erbarmen

  1. nomadenseele sagt:

    Ich kann deiner Einschätzung nur zustimmen: Ich kam nicht richtig in die Geschichte rein und fand sie solide, aber auch nicht mehr. Den zweiten Band der Serie fand ich deutlich schlechter und habe ich auch abgebrochen.

  2. Myriel sagt:

    Na da machst Du mir ja Hoffnungen 😉
    Ich schau mal, ob ich den zweiten Band nach den „Erben der Nacht“ einschiebe. Dann weiß ich zeitnah, ob ich den dritten Band auf dem SUB lassen kann oder ob er runterfliegt.

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