Koushun Takami – Battle Royale

In einer alternativen Geschichtsschreibung haben sich mehrere asiatische Länder um China und Japan zur Republik Großostasien zusammengeschlossen. In diesem totalitär regiertem Staat veranstaltet die Regierung jährlich das „Programm“, bei dem die Schüler einer zufällig ausgewählten Klasse des 9. Jahrgangs auf Leben und Tod gegeneinander antreten müssen, bis nur noch einer am Leben ist.

Dieses Mal trifft es die 9-B der Shiroiwa Junior High, die auf die Insel Okishima verschleppt wird, wo den 42 Schülern ihr Schicksal offenbart wird. Zu Beginn sitzt der Schock tief, denn keiner kann sich vorstellen, seine Klassenkameraden zu ermorden. Doch als es schon kurz nach dem Start des Programms die ersten Toten gibt, setzt ein tiefes Misstrauen ein. Wem kann man trauen und wer spielt das Spiel?

Nachdem die deutsche Übersetzung dieses japanischen Bestsellers lange vergriffen war, hat sich Heyne im Zuge der „Tribute von Panem“-Welle zu einer Neuauflage entschieden. Dementsprechend verkündet ein Aufkleber auf dem Cover auch „Battle Royale macht weiter, wo Die Tribute von Panem aufhören …“ So ganz kann ich dem nicht zustimmen, doch es weist in die richtige Richtung. Denn Battle Royale geht von der Grundidee her zwar nicht weiter, doch es stellt diese kompromiss- und schonungsloser dar.

Während bei den „Tributen von Panem“ größtenteils Fremde gegeneinander kämpfen, so kennen sich die Protagonisten von „Battle Royale“ zum Teil schon seit der jüngsten Kindheit. Die Bindungen zwischen ihnen sind viel stärker als zwischen Fremden und dementsprechend schwerer dürfte es ihnen fallen, sich gegenseitig umzubringen, nur weil es ihnen befohlen wird. Doch ist dies tatsächlich so? Mitzuerleben, wie sich langjährige Freunde nicht mehr trauen, sondern dem anderen die schlimmsten Absichten unterstellen und dementsprechend reagieren, geht tief unter die Haut. Besonders schlimm ist es auch mitzuerleben, wie schnell gesellschaftliche Konventionen und Moral verschwinden. Es dauert nicht Tage oder Stunden, sondern nur Minuten, bis es den ersten kaltblütigen Mord gibt.

Obwohl während des „Programms“ die Erzählperspektive immer wieder zwischen den einzelnen Schüler wechselt und der Tod jedes einzelnen porträtiert wird, gibt es einige Schüler, zu denen die Perspektive immer wieder zurück wechselt und deren Erlebnisse auf der Insel man bis zum bitteren Ende mitverfolgen kann. Selbst bei einigen der Sympathieträger, bei denen ich hoffte, dass sie es schaffen, musste ich miterleben, wie die Unbarmherzigkeit dieses grausamen Spiels ihren Tribut forderte. Doch die Brutalität, mit der einzelne Schüler handelten, wurde nicht um ihrer selbst Willen dargestellt, sondern sie veranschaulicht die Sinnlosigkeit des ganzen Programms. Denn so gnadenlos einige Schüler auch sein mögen, so müssen sie doch – bis auf einen – alle mit ihrem Leben dafür bezahlen. Und wofür dies alles? Für nichts und wieder nichts, wie einer der Schüler realistisch und ohne Hoffnung darauf äußert, dass sich etwas ändern wird. Die Sinnlosigkeit wird weiterhin durch die Ausrüstung der Schüler verdeutlicht: während manche mit Pistolen oder sogar automatische Waffen starten, so finden andere als einzige Verteidigungsmöglichkeit eine Gabel in ihrer Ausrüstung.

Um auf den Vergleich mit der Trilogie „Die Tribute von Panem“ zurückzukommen: Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen diesen Büchern und „Battle Royale“, doch sie beschränken sich auf die grundsätzliche Idee der „Spiele“. Im Gegensatz zu Panem wird das Programm nicht als öffentliche Unterhaltung veranstaltet, es dient nicht der Einschüchterung der Bevölkerung und es wird längst nicht so stark „moderiert“. Vielmehr werden die Teilnehmer des Programms eingezogen und nach der Einführungsveranstaltung sich selbst überlassen. Es braucht nicht das Eingreifen einer steuernden Macht, um die Jugendlichen dazu zu bringen, sich gegenseitig abzuschlachten. Am Ende wird der Sieger kurz in den Medien verkündet, bevor er in der Versenkung verschwindet und man nichts wieder von ihm hört. Wozu dann das Ganze?

Positiv erwähnen möchte ich bei der aktuellen Ausgabe des Heyne-Verlags die zu Beginn des Buches abgedruckten Extras: u.a. eine Karte der Insel, auf der das Programm stattfindet, und eine Liste der Schüler der Klasse 9-B. Diese Liste erleichtert es dem Leser, bei der Vielzahl der ungewohnten Namen nicht vollkommen den Überblick zu verlieren, sondern nachverfolgen zu können, wer noch unter den Lebenden weilt, deren Anzahl jeweils am Ende eines Kapitels unter dem Motto „… Schüler übrig“ verkündet wird.

Sehr negativ aufgestossen ist mir jedoch die Übersetzung, die Heyne dem Leser hier vorsetzt. Normalerweise überlese ich Fehler leichter, wenn mich die Handlung gepackt hat – und dieses Potential hat „Battle Royale“ durchaus. Doch hier häufen sich nicht nur Rechtschreibfehler, sondern es fehlen Wörter, unvollständige Sätze sind abgedruckt und es kommen ebenso überflüssige Wörter vor wie auch Namensverwechslungen. Alles in allem hinterlässt diese Übersetzung einen sehr negativen Eindruck, als ob man sich das Lektorat gespart hätte. Deswegen wurde ich immer wieder aus dem Lesefluss gerissen und mit der Zeit wartete ich fast mehr auf den nächsten Patzer in der Übersetzung als ich mich auf den Fortgang der Handlung konzentrieren konnte. Schade, dass hätte ich von einem so renommierten Verlag wie Heyne nicht erwartet. Da es sich bei dieser Übersetzung um eine direkt aus dem Japanischen handelt, könnte man mit der englischen Ausgabe ggf. besser beraten sein.

Alles in allem komme ich insgesamt auf 4 von 5 silbernen Halsbändern und ich kann diesen Roman nur all jenen empfehlen, die auch „Die Tribute von Panem“ mochten. Beim Vergleich beider Romane miteinander sollte man jedoch wissen, dass „Battle Royale“ bereits 1999 erschienen ist (nicht dass man falsche Schlussfolgerungen zieht ;-)).

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2 Kommentare zu “Koushun Takami – Battle Royale

  1. Hallo Myriel,

    bis jetzt kenne ich Panem als Buch und Film und Battle Royale nur als Film. Der Battle Royal Film war ordentlich brutal wenn man das mal mit Panem vergleicht. Ich würde sagen Panem ist eher ein Jugendbuch im Gegensatz zu Battle Royal.

  2. Myriel sagt:

    Hallo,
    ich kann deiner Einschätzung voll zustimmen. Battle Royale würde ich nicht als Jugendbuch einschätzen, wohingegen Suzanne Collins immer noch die Grenze wahrt und damit im Jugendbuchbereich bleibt.

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