Sergej Lukianenko – Die Ritter der vierzig Inseln

Dieses Jugendbuch des bekannten russischen Autors ist das erste seiner Werke, die ich gelesen habe. Mit seiner Wächter-Reihe habe ich bisher noch keine Bekanntschaft geschlossen, bin jetzt aber auch nicht mehr so sicher, ob ich dies überhaupt möchte. Denn an diesem Roman haben mich einige grundlegende Dinge gestört, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie in seinen anderen Büchern nicht ebenso dargestellt sind.

Doch erstmal zu „Die Ritter der vierzig Inseln“: Der Titel passt ausnahmsweise mal sehr gut zum Inhalt und verrät, womit es der russische Jugendliche Dima zu tun bekommt, als er von einem seltsamen Mann fotografiert wird und sich kurz darauf in einer fremden Umgebung wiederfindet. Dima ist auf der 36. Insel eines Atolls von insgesamt 40 Inseln gelandet, die allesamt von Jugendlichen aus aller Welt bewohnt werden. Auf jeder Insel befindet sich eine Burg, die durch 3 Brücken mit den Burgen der Nachbarinseln verbunden ist. Die einzige Möglichkeit, um wieder nach Hause zu gelangen, ist es, alle anderen Inseln zu erobern. Diese Aussicht reicht aus, um die zwischen 10 und 17 Jahre alten „Ritter der vierzig Inseln“ in einen schon seit Jahrzehnten andauernden Kampf gegeneinander zu hetzen. Stirbt eines der Kinder, landet wenig später ein Neuzugang wie Dima auf der jeweiligen Insel und stellt sicher, dass das Kräftegleichgewicht nicht allzu sehr aus den Fugen geraten kann.

Zu Beginn ist der Ich-Erzähler Dima von seiner Entführung und der neuen Umgebung samt ihrer grausamen und teils undurchsichtigen Regeln geschockt, doch schon bald scheint er sich einzugewöhnen und ebenso abzustumpfen wie diejenigen, die schon seit Monaten oder gar Jahren an diesem unwirtlichen Ort ausharren müssen. Doch Dima erkennt in einer Bewohnerin der Nachbarinsel seine Kindheitsfreundin Inga wieder und sie ist es, der zu liebe er versucht, einen Rest von Menschlichkeit zu bewahren und die ihn zu immer neuen Ideen motiviert, wie sie es zurück nach Hause schaffen könnten. Doch ob dies ausreicht?

Die Idee, die diesem Szenario zu Grunde liegt, ist keineswegs neu und leider hat Lukianenko es in meinen Augen auch nicht geschafft, ihr neue Facetten abzugewinnen. Unser „Held“ Dima wird bereits relativ früh in diesem Buch als etwas Besonderes vorgestellt, ohne das er etwas dazu beigetragen hätte. Diese unverdiente Aura bleibt während der folgenden Ereignisse durchweg an ihm haften und obwohl es schon viele Hundert oder gar Tausend Kinder auf die Inseln verschlagen hat, ist er es, der neue Tatsachen entdeckt oder neue Strategien entwickelt, auf die noch keiner vor ihm gekommen ist.

Sehr gestört hat mich außerdem, welche Rolle die Mädchen in dieser Welt einnehmen: die der Köchinnen, Putzfrauen und Krankenschwestern – und die der Opfer. Es ist schon lange her, seit ich so eine veraltete Sicht auf die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gelesen habe. Noch mehr verstimmt es mich, dass dieses Buch dabei erst vor ein paar Jahren geschrieben wurde, als die Emanzipation sich schon längst in den Industrieländern, zu denen ich Russland trotz allem zähle, durchgesetzt hat.

Die Auflösung des ganzen Rätsels schließlich hat dem Buch auch keine Pluspunkte mehr bescheren können, zumal die Protagonisten dabei noch durch einige Logiklöcher in der Handlung gefallen sind, die weder ihnen noch dem Showdown gut getan haben.

Angesichts dieser meiner Kritikpunkte komme ich gerade mal auf 1,5 von 5 Holzschwertern.

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6 Kommentare zu “Sergej Lukianenko – Die Ritter der vierzig Inseln

  1. Llyren sagt:

    Autsch.
    Da stellt sich die Frage, ob ich das Buch nicht gleich bei mir aussortiere… Evtl. lese ich nur mal kurz rein.
    Ich fände es aber schade, wenn Du den Wächtern nicht doch noch eine Chance gibst, denn der erste, den ich gelesen habe, hat mir sehr gut gefallen.

  2. Dreystein sagt:

    Hab es auch vor einiger Zeit gelesen und stimme dem voll zu.

    Grüße
    Dreystein

  3. Myriel sagt:

    @Llyren: Na mal schauen, vielleicht bekommt Lukianenko eine zweite Chance mit den Wächtern. Bis dahin muss aber erst mal eine Menge Zeit ins Land gehen, damit ich dieses Buch genügend verdrängt habe, um halbwegs neutral an das Buch herangehen zu können.

    @Dreystein: Da bin ich aber froh, dass es nicht nur mir so ging. Bisher hatte ich über Lukianenko nur Gutes gehört (wenn auch nicht immer völlig überschwenglich, aber dennoch gut) – und dann diese Enttäuschung! Schade um die Lesezeit.

  4. Aeria sagt:

    Das war Lukianenkos erste Veröffentlichung Anfang der Neunziger (geschrieben Ende der Achtziger).
    Das Buch hat all die von Myriel genannte Schwächen und allzu begeistert war ich davon auch nicht. Aber im Vergleich zu so manch anderem SL-Buch ist es geradezu super *fg*.

    Über die Rolle der Frauen und Mädchen in Lukianenkos Romanen sage ich lieber nichts, außer: Alter Macho!
    Liegt aber an der Gesellschaft in Russland, leider.

    ***
    Aeria

  5. Christina sagt:

    Also, für mich hat Lukianenko gleich nach meinem ersten Kontakt mit ihm, dem Lesen von „Wächter der Nacht“, keine Chance mehr, jemals weitere Bücher zu lesen. Und dieses Buch habe ich nur in der Hoffnung zu Ende gelesen, dass doch noch so etwas wie Spannung oder Lesefluss aufkommt. Diese Hoffnung hat sich für mich nicht erfüllt. Ich bin überhaupt nicht in die Geschichte ‚rein gekommen. Die Liebesgeschichte, die es dort anscheinend gab, habe ich lange gar nicht als solche erkannt. Für mich war es eines der langweiligsten Bücher, die ich je gelesen habe.

  6. Myriel sagt:

    Hmm, so unterschiedlich können die Meinungen sein. Falls mir der erste Wächter-Band mal in die Finger fällt, werde ich die ersten Seiten anlesen und dann entscheiden. Wenn die Ähnlichkeit zu den Rittern zu groß ist, dann werde ich mir die Mühe sparen.

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