Tobias O. Meißner – Barbarendämmerung

Wo immer er auftaucht, zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Er ist ein Hüne, muskelbepackt und kampferprobt. Er spricht nicht. Er duldet nicht. Und er nimmt sich, was er will. Er ist der Barbar, der als Kontrast zu den Städtern für das steht, was sie alles nicht mehr haben, können oder sich trauen.

Der Aufdruck „Roman“ auf dem Cover ist meiner Meinung nach irreführend, denn bei „Barbarendämmerung“ handelt es sich keinesfalls um einen konventionellen Roman. Vielmehr ist es eine chronologischen Aneinanderreihungen von Episoden rund um den bis zum Schluss namenlos bleibenden Barbaren. Obwohl die Erzählungen alle einzeln gelesen werden können, sind sie doch miteinander verbunden, sei es durch einen Gegenstand, wiederauftauchende Personen oder die Erwähnung früherer Begebenheiten.

Was während all dieser Geschehnisse im Unklaren bleibt, ist die Motivation des Barbaren. Er kennt keine Moral, unterscheidet nicht in Gut oder Böse, so wie es der Leser tut, und er bedauert kaum etwas. Als plausibelster Anreiz erscheinen mir die natürliche Bedürfnisse, die der Barbar empfindet – Hunger, Durst, Sex, … Abgesehen davon ist das einzig wiederkehrende Motiv, dass ich identifizieren konnte, die Neugier des Barbaren. Er hört von einem Propheten und möchte ihn sich ansehen. Der Besuch bei einem Gott steht später ebenfalls auf seinem Reiseplan. Und als er von einem Drachen hört, ist ebenso klar, wohin er gehen wird.

Obwohl er während der Erlebnisse, denen der Leser beiwohnt, einige Taten begeht, die ich nicht nachvollziehen konnte und die in meinen Augen unnötig bis äußerst brutal waren, so hat mich am meisten verwundert, dass ich den Barbaren trotzdem nicht als Unsympath oder gar Bösewicht empfunden habe. Vielmehr kam er mir ein Tier vor, dass sich von seinen Instinkten leiten lässt und das, was er tut, zumeist nicht mit Absicht oder Berechnung unternimmt. Zudem konnte ich den teilweise den Eindruck einer gewissen kindlichen Naivität nicht leugnen.

Worauf man sich bei diesem Buch in jedem Fall einstellen muss, ist das Blut, dass die Seiten tränkt und zwischen den Zeilen hervorquellt. Der Barbar ist ein überdurchschnittlich guter Kämpfer und das stellt er immer wieder unter Beweis. Interessanterweise ist er aber nicht immer ein Einzelgänger, sondern er lässt sich auch als Leibwächter und Söldner anheuern – nicht immer zu andauernden Freude seiner Auftraggeber, sei dazu gesagt.

Als Gegenpol zu der Gewalt enthält das Buch auch einige philosophische Überlegungen, die ich nicht erwartet hätte, aber die als Abwechslung willkommen waren. An mehreren Punkten stellt sich explizit oder implizit die Frage, wer nun wirklich ein Barbar ist – der Barbar, der sich um die Erfüllung seiner eigenen Bedürfnisse kümmert und dem Intrigen und politische Ränkespiele fremd sind, oder die Menschen, die Morden um der Lust willen, die Töten um sich zu bereichern und die zu seelischen Grausamkeiten fähig sind, die selbst nur schwarz auf weiß kaum zu ertragen sind.

Insgesamt gesehen handelt es sich bei „Barbarendämmerung“ um einen urtümlichen Roman mit ungewöhnlichem Aufbau und einer Hauptperson, die zwar kein Sympathieträger ist, aber mich als Leser dennoch für sich einnehmen konnte. Mit einem recht hohen Gewaltpegel, der kurzzeitig von einem Hauch Philosophie gesenkt werden kann, muss der Leser rechnen. Obwohl ich von Tobias O. Meißner bisher erst ein anderes Buch gelesen habe („Die Soldaten“), so habe ich den Eindruck, dass der Autor mehr kann. Deswegen komme ich für die „Barbarendämmerung“ auf soliden , aber nicht überragende 3,5 von 5 Steinlawinen.

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Ein Kommentar zu “Tobias O. Meißner – Barbarendämmerung

  1. Meara sagt:

    Ein Barbar sowie Kritik an der „höher entwickelten“ Gesellschaft, das ist Low Fantasy in ihren Anfängen.

    Aus dem Klappentext hätte ich das nicht entnommen, danke für Deine Rezension.

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