Stephan R. Bellem – Die Wächter Edens

Als die junge Journalistin Arienne im Polizeifunk vom Fund der verbrannten Leiche eines Obdachlosen hört, fällt in ihrem Puzzle ein weiteres Steinchen an seinen Platz und mehr als zuvor ist sie davon überzeugt, einem Serienkiller auf der Spur zu sein. Ihr älterer Kollege Tom, der sich dazu bereit erklärt, ihr bei ihren Ermittlungen unter die Arme zu greifen, bleibt skeptisch. Spätestens als sie aber am Fundort einer weiteren Leiche auf die zurückkehrten Täter stoßen, wird den beiden klar, in was sie da hineingestolpert sind.

Auf der anderen Seite lernt der Leser den ehemaligen Schweizer Gardisten Toni kennen, der von der Kirche nach Deutschland beordert wurde, um dort die sog. Paladine um den Engel Vincent zu unterstützen. Deren Aufgabe besteht darin, die unwissenden Menschen vor der Gefahr durch Dämonen und andere mystische Wesen zu schützen, von deren Existenz niemand etwas ahnt. Auch Toni muss erst davon überzeugt werden, u.a. mit einem Besuch bei Vlad, dem Urvater aller Vampire, der heutzutage unter Hausarrest steht und den Paladinen als Informant dient. Doch daneben haben die Paladine um Vincent auch noch einen weitaus schlimmeren Feind – den gefallenen Engel Nathaniel, der die Tore der Hölle öffnen will.

Neuartig ist nicht das Adjektiv, dass mir anhand der Inhaltsangabe einfallen würde. Die Idee, dass unbemerkt von den Menschen auch andere Wesen auf Erden wandeln, wurde schon von vielen Autoren aufgegriffen. Um zu unterhalten muss man das Rad aber auch nicht jedes Mal neu erfinden.

Was aber Ungewöhnlich ist: es handelt sich bei diesem Urban Fantasy-Roman um ein abgeschlossenes Werk und es umfasst auch nicht 800+ Seiten, sondern nur wenig über 300. Darin unterscheidet es sich in meinen Augen angenehm von der Masse der Fantasybücher, die derzeit in den Buchläden zu finden sind. Allerdings birgt gerade der geringe Seitenumfang auch eine Gefahr, der das Buch leider zum Teil tatsächlich zum Opfer gefallen ist.

Gerade in der ersten Hälfte des Romans habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Die Charaktere und das Setting – eine Stadt irgendwo in Deutschland – wurden vorgestellt und man konnte anhand der beiden eingeführten Handlungsstränge um die Journalistin Arienne und die Paladine um Vincent wunderbar über den Fortgang der Handlung spekulieren und sich zum Teil auch hervorragend über manche Charaktere aufregen.

In der zweiten Hälfte jedoch, insbesondere aber auf den letzten 50 Seiten überstürzten sich die Ereignisse und so manches, über das ich gern mehr erfahren hätte, blieb leider im Dunkeln. Auch muss ich als Atheistin zugeben, dass das biblische Thema um den Garten Eden mir nur in groben Zügen bekannt war und mir dadurch vielleicht eine zusätzliche Ebene bei den religiösen Diskussionen zwischen den Engeln entgangen ist.

Stephan Bellem hat in der autorenbegleiteten Leserunde selbst gesagt, dass dem Roman 50-100 Seiten mehr gut getan hätten. Dennoch konnte ich die Fragen, die die Charaktere umtrieben haben, auch ohne erhobenen Zeigefinger leicht erfassen und sie haben mich selbst noch eine Weile nach Beenden der Lektüre beschäftigt. Was wäre, wenn den Menschen das Paradies gegeben würde? Hätten sie es verdient? Und was würden sie mit diesem Geschenk anfangen?

Wer jetzt befürchtet, dass sich hinter der Fantasy-Fassade ein hochgestochenes religionsphilosophisches Buch verbirgt, den kann ich beruhigen. Obwohl die angesprochenen Fragen durchaus eine Rolle spielen, stehen sie nicht im Vordergrund, sondern in erster Linie erwartet den Leser ein spannender deutscher Urban Fantasy-Roman mit glaubwürdigen Charakteren und einem leider etwas überhastetem Ende, für den ich guten Gewissens 3,5 von 5 Setzlingen vergeben.

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