Helene Hanff – 84, Charing Cross Road

Was als Bestellung einer New Yorker bibliomanen Schriftstellerin bei einem Londoner Antiquariat begann, entwickelt sich zu der im Untertitel angekündigten „Freundschaft in Briefen“.

Auf der einen Seite des Briefwechsels steht Fräulein Helene Hanff, die sich als Korrekturleserin für Drehbücher, später selbst Drehbuchautorin und Verfasserin von Lehrbüchern ihren Lebensunterhalt erarbeitet und sich davon leidenschaftlich gern Bücher kauft; aber nicht diese neumodischen Ausgaben, die ohne jegliche Leidenschaft lieblos zusammengeklebt wurden, sondern es sollen Bücher mit Geschichte sein. Besonders gern liest sie persönliche Widmungen und Randnotizen und schmökert an den Stellen des Buches, die durch das wiederholte Aufschlagen durch den Vorbesitzer einen dauerhaften Eindruck im Buch hinterlassen haben.

Auf der anderen Seite lernen wir die Mitarbeiter des Antiquariats „Marks & Co.“ in der titelgebenden Charing Cross Road kennen. Zu Beginn sind die Schreiben des Angestellten Frank Doel geschäftlich zurückhaltend, doch nach und nach wird der Umgangston persönlicher und auch andere Angestellte des Antiquariats schalten sich – bedingt durch die großzügigen Pakete der ihnen unbekannten Gönnerin – in die Korrespondenz ein und es entwickeln sich eigene Briefwechsel.

Leider sind nicht alle Briefe in diesem Buch abgedruckt (vermutlich waren sie nicht mehr auffindbar), aber es sind dennoch genug, um sich als Leser ein Bild von den Beteiligten bilden zu können. Helene Hanff war sicherlich kein einfacher Mensch, aber die unverblümt in ihren Briefen geäußerten Ansichten, Gedanken und Gefühle – sowohl positiver als auch negativer Natur – haben mich öfters Schmunzeln lassen. Diese Frau schrieb, was sie gerade dachte, ohne sich allzu große Sorgen darüber zu machen, wie es beim Empfänger ankam. Ihr ursprünglicher Briefpartner Frank Doel dagegen war insbesondere zu Beginn sehr zurückhaltend, was er später mit dem geschäftlichen Inhalt der Briefe begründet. Mit der Zeit taut er aber auf und es geht nicht mehr nur um Buchbestellungen, sondern man unterhält sich über die Rationierungen der Lebensmittel im England der späten 1940er und der 1950er Jahre, über Sportmannschaften, Franks Kinder und Helenes Pläne, England und ihrem geliebten Buchladen einen Besuch abzustatten. Zu gern hätte ich noch mehr von diesen beiden ungleichen, aber sich perfekt ergänzenden Briefpartnern gelesen, doch leider findet diese Freundschaft mit Franks Tod ein Ende.

Gerade bei den zur Zeit herrschenden eisigen Temperaturen kann ich dieses herzerwärmende Büchlein nur empfehlen – genossen mit einer guten Tasse Tee ist es die perfekte Unterhaltung für eine gemütliche Stunde auf der Couch. Ich vergebe 4 von 5 Dosen Eipulver.

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3 Kommentare zu “Helene Hanff – 84, Charing Cross Road

  1. Llyren sagt:

    Freut mich, dass Dir das Buch gefallen hat!
    Ich fand den Briefwechsel ja auch ganz nett zu lesen, aber vermutlich waren meine Erwartungen einfach etwas zu hoch. Außerdem glaube ich, dass ich es mit Briefromanen an sich nicht so wirklich habe.
    Aber zum Mal-locker-durchlesen ist das Buch definitiv geeignet!

  2. Myriel sagt:

    Das war – glaube ich – mein erster Briefroman überhaupt. Von daher bin ich dir für die Empfehlung doppelt dankbar. Einen weiteren Briefroman habe ich auf meinem SUB schon entdeckt: Mary Ann Shaffner – Deine Juliet
    Und es ist sogar Wasser auf dem Cover 😉

  3. Llyren sagt:

    Na dann 😉
    Gerade von dem habe ich auch schon viel Positives gehört!

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