Carlos Ruiz Zafón – Der Schatten des Windes

Der Buchhändler Sempere nimmt seinen Sohn Daniel mit in den Friedhof der Bücher, auf das er sich dort ein Buch aussuchen und sein Andenken bewahren möge. Von den vielen tausend Büchern, die dort vergessen von der Welt ihr trauriges Dasein fristen, entscheidet sich Daniel für „Der Schatten des Windes“ von Julián Carax. Begeistert verschlingt er den Roman innerhalb einer Nacht und ist danach besessen davon, mehr über den Autor herauszufinden und wenn möglich weitere seiner Romane aufzutreiben und zu lesen. Doch Carax Schicksal liegt unter einer dicken Schicht von teils vergessenen Geheimnissen begraben und während Daniel unerbittlich immer tiefer gräbt, wächst er von einem Jungen zum Mann heran, lernt die Liebe kennen und macht unerfreuliche Bekanntschaft mit der Polizei im Barcelona der 1940er und 50er Jahre.

Zu Beginn konnte ich die Begeisterung des Ich-Erzählers Daniel für das von ihm adoptierte Buch nicht nachvollziehen, da dem Leser außer einer knappen Inhaltsbeschreibung nichts geliefert wird. Doch je weiter die Handlung voranschritt und je mehr Daniel über den Autor Carax herausfindet, desto mehr wurde ich von diesem Buch gefesselt.

Alles beginnt ganz harmlos mit Daniels Suche nach weiteren Büchern von Carax, doch ein mit seinem Vater befreundeter Antiquar erklärt ihm, dass es von Carax kaum noch Bücher gibt. Fast alle Exemplare wurden verbrannt und als ein mysteriöser Mann in schwarz an Daniel herantritt und ihm erst Geld für sein Buch bietet und ihm danach droht, wird Daniels Neugier geweckt und erst allein und später mit Hilfe einiger Freunde stellt er Nachforschungen an.

Genau wie Daniel auch steht der Leser vor einigen Puzzlestücken ohne zu ahnen, wie sie zusammengehören und erst nach und nach rutschen einige Teile an ihren Platz, aber nicht ohne dass neue ihre Stelle einnehmen. Die Faszination des Ratespiels wird aber bald zu blutigem Ernst, als ein berüchtigter Polizist auftaucht und sich für Daniels Nachforschungen zu interessieren beginnt. Spätestens ab dieser Stelle hat mich Zafón völlig gefangen genommen und ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Als gelungen empfand ich auch die Parallelen, die sich zwischen Daniels Leben und seinen Erkenntnissen über Carax Vergangenheit abzeichnen. Dadurch ergab sich eine Vielzahl von Spekulationsmöglichkeiten über den Fortgang der Handlung, trotz derer ich das Ende lange Zeit nicht erahnen konnte. Dieses fügte sich aber stimmig in die verschiedenen Handlungsstränge ein und hat mich völlig zufrieden gestellt.

Insgesamt gesehen hat Zafón einen spannenden Roman nicht nur für Leseratten und Bücherliebhaber geschrieben, der mit seinen verschiedenen Handlungsebenen zum Miträtseln einlädt. Lediglich aufgrund des etwas zähen Beginns gibt es einen kleinen Abzug, so dass ich auf beeindruckende 4,5 von 5 Manuskripte komme.

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