Steve Heighton – Letzte Welten

Als das amerikanische Forschungsschiff „Polaris“ auf dem Weg zum Nordpol im Packeis stecken bleibt, wird ein Teil der Besatzung vom Schiff getrennt, als sich das Eis plötzlich wieder löst. Neben den Seeleuten sind auch zwei Inuit-Familien auf der Eisscholle gefangen, die in den nächsten Monaten zu ihrem zu Hause werden soll. Als eine Meuterei unter Führung des deutschen Adligen Meyer ausbricht, trennt bald darauf eine in den Schnee gekratzte Linie die Scholle in zwei Teile. Durch den einsetzenden Frühling beginnt das Richtung Süden treibende Eisstück zu schmelzen und die Lage darauf spitzt sich zu.

Was sich im Detail auf der Scholle abgespielt hat, wird rückblickend aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Einerseits hat Lieutenant Tyson, der ranghöchste Offizier an Bord der Eisscholle, Tagebuch geführt und seine Einträge nach ihrer Rettung in einem Buch verarbeitet, aus dem des Öfteren zitiert wird. Aus seiner Sicht ist der Deutsche Kruger der schlimmste Unruhestifter und für die meisten Missstände und negativen Entwicklungen verantwortlich. Auf der anderen Seite werden die Erlebnisse auf der Scholle von einem auktorialien Erzähler wiedergegeben, bei denen Kruger weitaus besser wegkommt. Statt als auserkorener Bösewicht wird er als prinzipientreuer Einzelgänger geschildert, der versucht das Richtige zu tun und sich damit zwischen alle Fronten manövriert. Eine dritte Sichtweise bietet Tukulito, eine Inuit-Frau, die als junges Mädchen nach England gereist ist, viel von der Lebensweise der „zivilisierten“ Weißen gelernt hat, aber durch den Schiffbruch wieder zurück zu ihren Wurzeln getrieben wird.

Einen Großteil des Reizes des Buches macht der Gegensatz zwischen diesen drei Blickwinkeln aus: Tyson vs. Kruger vs. Tukulito (alias Hannah). Aus der Kombination dieser verschiedenen Darstellungen ergibt sich ein ziemlich realistisches Bild von den Geschehnissen auf der Eisscholle. Leider machen diese vom Umfang her nur gut die Hälfte des Buches aus. Die restlichen Seiten enthalten das Schicksal der drei genannten Personen, nachdem sie nach über einem halben Jahr von der Scholle gerettet wurden. Dieser Part war zwar nicht uninteressant, in meinen Augen ist er aber zu umfangreich geraten. Dadurch wird das eigentliche Thema des Buches zu sehr in den Hintergrund gerückt.

Etwas unglücklich finde ich, dass man erst in den Nachbemerkungen des Autors erfährt, dass die in diesem Buch geschilderten Vorkommnisse auf wahren Ereignissen beruhen. Inspirationsquelle für den Autor war das Buch von Lieutenant Tyson „Arctic Experiences“ und die Diskrepanzen zu seinen überlieferten Tagebucheinträgen. Mit diesem Wissen liest man das Buch anders und wertet es auch anders, vor allem in Hinblick auf den Spannungsbogen, auf den Heighton entsprechend der Natur der Sache kaum Einfluss hatte.

Insgesamt gesehen kommt ich auf 3 von 5 Robben.

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