David Benioff – Stadt der Diebe

Im belagerten St. Petersburg des zweiten Weltkriegs wird der Jugendliche Lew von Soldaten dabei erwischt, wie er einen toten deutschen Fallschirmjäger von seinen Habseligkeiten befreit. Als Plünderer ist ihm damit eigentlich das sofortige Todesurteil sicher, doch nach einer Nacht im Gefängnis wird er gemeinsam mit dem Deserteur Kolja vor den Chef des städtischen Geheimdienstes geführt, der ihnen erklärt, dass seine Tochter nächste Woche heiraten wird und sich eine richtige Hochzeitstorte wünscht. Folgenden Deal schlägt er den beiden jungen Männern vor: ein Dutzend Eier für die Hochzeitstorte für ihr Leben und ihre Freiheit. Sie haben eine Woche Zeit!

Obwohl dieser Vorschlag wie ein schlechter Witz klingt, nehmen ihn Lew und Kolja an – was haben sie schon zu verlieren? Ohne große Hoffnung beginnen sie die Stadt zu durchstreifen, in der selbst Gläser voller Erde, in die etwas geschmolzener Zuckersirup eingesickert ist, teuer verkauft werden. Beide sind sich darüber im Klaren, dass nur ein Wunder ihnen helfen kann, das Dutzend Eier aufzutreiben, doch statt auf Heilige treffen sie nur auf ausgehungerte Menschen, die streckenweise nicht einmal vor Kannibalismus zurückschrecken.

Zum Glück behält der Ich-Erzähler Lew seinen lakonischen Tonfall bei und lässt auf dieser Art und Weise die grausamen Details nicht an sich und dadurch auch nicht an den Leser heran. Dennoch reicht das, was man erfährt dazu aus, die Schrecknisse des Krieges und der Belagerung deutlich zu erkennen und man ist froh, dass man in einer anderen Zeit und einem anderen Ort lebt.

Für einen Lichtblick in dieser Finsternis sorgen Lew und Kolja. Lew ist ein mürrischer und schweigsamer Junge, der mit seiner jüdischen Herkunft hadert, während Kolja ein geschwätziger und äußerst selbstbewusster Frauenheld ist, der heimlich an seinem ersten Roman arbeitet. Beide für sich genommen haben wenig Aussicht auf Erfolg, aber gemeinsam ergeben sie ein ausgewogenes Team, deren Stärken und Schwächen sich gegenseitig ausgleichen. Es ist rührend zu verfolgen, wie Lew nach und nach seine Schutzschichten lockert und Kolja an sich heran lässt, bis die beiden eine tiefe Freundschaft verbindet.

Eingebettet ist die Erzählung in ein Gespräch zwischen Großvater und Enkel. Der Enkel soll einen autobiografischen Essay schreiben, doch da er sein Leben für wenig ereignisreich hält, bittet er seinen Großvater, ihm die Geschichte von damals zu erzählen, vom Winter 1942.

Obwohl einige Details im Buch dafür sprechen, dass Benioff die Geschichte seines eigenen Großvaters erzählt, hat er in diesem Interview klar gesagt, dass die Story zu 99,99% erfunden ist. Aber allein die Möglichkeit, dass es hätte sein können, verleiht dem Buch viel mehr Dramatik. Leser meiner Generation wissen zwar, dass im zweiten Weltkrieg das Grauen herrschte, aber erst dadurch, dass man es anhand einer (eventuell) wahren Geschichte erfährt, wird es viel eindringlicher als es allgemeine Geschichtsbücher jemals sein könnten. Allein deswegen ist das Buch schon lesenswert, aber in Kombination mit den beiden unterschiedlichen, aber gleich sympathischen Hauptpersonen und dem szenischen Humor wird ein echter Buchtipp daraus. Ich vergebe 4 von 5 Messern.

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