Justin Cronin – Der Übergang

Bevor sie das Mädchen von Nirgendwo wurde – das Mädchen, das plötzlich auftauchte, die Erste und Letzte und Einzige, die tausend Jahre lebte – war sie nur ein kleines Mädchen aus Iowa und hieß Amy. Amy Harper Bellafonte.

Mit diesem Auftakt hat mich Cronin sofort gefangen genommen und über einen Großteil der über 1000 Seiten auch meine Aufmerksamkeit fesseln können.

Alles beginnt in naher Zukunft in einer Welt, die vom Terror gebeutelt ist und in der sich die USA in einen fast vollkommenen Überwachungsstaat verwandelt haben. Durch Zufall entdeckt ein Wissenschaftler im südamerikanischen Dschungel ein Virus, dass ein unglaubliches Heilpotential hat. Um es erforschen zu können, geht er ein verhängnisvolles Bündnis mit dem Militär ein, das seine Erkenntnisse für ihre eigenen Zwecke nutzen will. An Todeskandidaten aus den staatlichen Gefängnissen erproben sie das Virus in der Anfangsphase, bis der Forschungsleiter die erst 6jährige Amy als Probandin verlangt. Nach einer nervenaufreibenden Entführung mit anschließender Verfolgungsjagd trifft das Mädchen Tage später endlich in der geheimen Militärbasis ein, doch damit fangen die Probleme erst so richtig an. Denn ob das Virus bei Amy wie gewünscht wirkt, kann keiner mehr feststellen, da die ersten 12 Versuchspersonen, die sich in telepathisch begabte, blutdürstige Raubtiere verwandelt haben, ausbrechen und ihnen das hochgradig ansteckende Virus auf den blutigen Krallen folgt.

Ein knappes Jahrhundert später ist von den einst so hoch entwickelten Vereinigten Staaten kaum noch etwas übrig. Einige Überlebende konnten sich in eine, noch kurz vor Untergang der USA etablierte Kolonie in Kalifornien retten, wo einzig starke Scheinwerfer die Menschen während der Nächte vor den Virals schützen. Obwohl die Technik wundersamer Weise bisher durchgehalten hat, steht sie kurz vor dem Ausfall – und was dann? Als plötzlich ein kleines Mädchen aus dem Nichts kommt und vor den Toren der Kolonie auftaucht, ist die Verwunderung groß. Wie kann sie allein dort draußen überlebt haben? Oder gibt es vielleicht doch noch andere Menschen? Kommt endlich die Army zurück und rettet sie alle? Besteht Grund zur Hoffnung?

Das Bindeglied zwischen den beiden Zeitabschnitten des Buches ist das Mädchen Amy, die damit zur Hauptperson des Buches avanciert. Doch leider habe ich dies beim Lesen nicht so empfunden. Man erfährt kaum etwas über ihre Gedanken und Gefühle, weiß nicht, was in ihr vorgeht, ob und was sie von den Vorgängen in ihrer Umwelt mitbekommt und wie sie selbst darauf reagieren wird. Statt eines Menschen habe ich sie eher wie einen Gegenstand  mit begrenztem Aktionsvermögen empfunden.

Im Gegensatz dazu standen mir ihre Wegbegleiter viel plastischer vor Augen. Im ersten Teil handelt es sich insbesondere um den FBI-Agent Wolgast, der sich von Amys Entführer zu ihrem Beschützer wandelt, und die Nonne Lacey, die beide durch die Sorge um Amys Wohlergehen verbunden sind, obwohl sie sonst ziemlich unterschiedliche Persönlichkeiten aufweisen. In der zweiten Hälfte ist das Personal wesentlich zahlreicher, da man zuerst einen ziemlich ausführlichen Einblick in das Leben in der Kolonie erhält und viele der dort lebenden Menschen kennen lernt. Nach dem Zeitsprung fiel es mir erst schwer, mich in der völlig veränderten Lage einzufinden und die ganzen Personen auseinander zu halten, doch im Laufe der Seiten hat sich dies gebessert und gemeinsam mit den Identifikationsfiguren fand ich in die Situation hinein. Ein Personenverzeichnis wäre aber trotzdem eine wünschenswerte Hilfestellung gewesen, genau wie eine Karte. Zwar wusste ich immer ungefähr, wo in den USA wir uns gerade aufhalten, aber die vielen im Text vorkommenden Straßen- und Städtenamen boten sich geradezu für eine grafische Umsetzung an.

Generell hatte ich während des Lesens öfters das Gefühl, das Drehbuch für einen Film vor mir zu haben. Nachdem ich übrigens am Abend nach Beendigung der Lektüre den Film „I am Legend“ gesehen hatte, war mir auch klar, woher der Autor seine Inspiration für die Virals und einige andere Elemente genommen haben dürfte.

Die bildhaften Beschreibungen und die flüssige Sprache haben mich auf jeden Fall das Buch beinah inhalieren lassen, da ich schnell wieder in den Sog der Geschichte geriet. Dadurch sind mir erst im Nachhinein einige Fehler und Ungereimtheiten aufgefallen, die ich beim Lesen selbst nicht wahrgenommen habe. Einerseits spricht das für einen handwerklich guten Schriftsteller, aber es gibt Abzüge in der B-Note.

Obwohl es sich bei „Der Übergang“ um den Auftaktband zu einer Trilogie handelt, ist das Ende kein haarsträubender Cliffhanger. Ohne das Vorwissen, dass es sich um einen Mehrteiler handelt, hätte ich den Abschluss des Romans vermutlich auch so hingenommen, denn die Grundzüge für die Lösung des Viral-Problems sind dem Leser nun bekannt und es lässt sich an einer Hand abzählen, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Dennoch hat mich die Story ausreichend neugierig gemacht, dass ich genau wissen möchte, wie es der Gruppe um Amy ergehen wird. Zudem ist noch unklar, warum Amy als die Erste und Letzte und Einzige bezeichnet wird, die tausend Jahre lebte – schließlich ist sie gerade mal etwas über einhundert Jahre alt. Ich vergebe 4 von 5 Ampullen.

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