Michael Marcus Thurner – Turils Reise

Wie der Titel des Buches schon suggeriert, ist der Thanatologe Turil die Hauptperson dieses Romans. Als interstellarer Bestattungsunternehmer im Kahlsack sorgt er nicht nur für ein angemessenes Begräbnis seiner „Kunden“, sondern fallweise sogar erst für ihr Ableben. An Bord seiner intelligenten Schiffssphäre und dank seines technisch besonders ausgeklügelten Mantels stehen ihm alle dafür notwendigen Mittel und Wege zur Verfügung. Doch insgeheim widerstrebt Turil dieses Leben und die gesamte verschworene Gemeinschaft der Thanatologen. Als die Kitar, ein fremdes und besonders brutales Volk, mehrere Planeten des Kahlsacks angreifen und zerstören, scheint sein Schicksal sich zu ändern.

Zu Beginn fiel es mir noch ziemlich schwer, für Turil Sympathien zu empfinden oder ihn auch nur zu verstehen – er wirkte zu überheblich und abgehoben, stand zu sehr über den Dingen und dank seines Wundermantels musste er sich um nichts Sorgen machen. Zum Glück ändert sich das im Laufe des Buches und je mehr man über seine Vergangenheit erfährt und über die Hintergründe hinter der Gesellschaft der Thanatologen, desto verständlicher wurde mir Turils Art, seine Reaktionen und Empfindungen.

Ebenso wie Turil mir zu Beginn noch fremd war, konnte ich mich auch noch nicht so gut mit seiner Welt anfreunden. Die Idee des Kahlsacks als abgeschlossene Region im Weltall ist genial und bietet viele Möglichkeiten, von denen der Autor uns einige auch vorstellt. Doch hatte ich (aus welchen Gründen auch immer, im Nachhinein kann ich es nicht mehr nachvollziehen) die Erwartung, dass das Buch mehr in Richtung von Adams‘ Anhalter-Reihe tendiert. Von Humor war jedoch nicht viel zu sehen, statt dessen herrscht eine bedrückende Atmosphäre, in der nur die Stärksten überleben. Der Autor scheut dabei auch nicht davor zurück, das Scheitern der Schwachen darzustellen, so dass es etliche brutale Szenen gibt, auf die man gefasst sein muss. Diese fügten sich aber stimmig in den Weltenentwurf ein und waren nicht nur Mittel zum Selbstzweck.

Sehr gut gefallen hat mir, dass am Ende nichts so ist, wie es erst erschien. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern jeder hat Gründe für sein Handeln. Selbst die Kitar, die mit unglaublicher Brutalität über die Welten des Kahlsacks herfallen, tun dies nicht einfach aus Lust an der Grausamkeit, sondern sind selbst aus einem gewissen Blickwinkel Opfer.

Wie ich bereits geschrieben habe, bietet der Kahlsack reichlich Raum für den Autor, seine Fantasie zu entfalten. „Turils Reise“ gibt nur einen kleinen Einblick in diesen weiten Raum und obwohl seine Geschichte abgeschlossen ist, wurden einige weiter greifende Aspekte angeschnitten, für die es in diesem Buch noch keine Auflösung gibt. Möglicherweise werden in „Plasmawelt“, einem weiteren Roman aus dem Kahlsack, einige dieser losen Fäden wieder aufgegriffen und weiter gesponnen. Vielleicht muss man aber auch noch länger gedulden, bis der Autor seine Karten vollständig auf den Tisch legt und enthüllt, was hinter dem Kahlsack wirklich steckt. Solange er dabei die einzelne Geschichte wie in „Turils Reise“ zu einem stimmigen Ende bringt, kann ich damit sehr gut leben.

Fazit: Zu Beginn mag man vom Ideenreichtum und der Fremdartigkeit des Kahlsacks überfordert sein und Turil selbst bietet erstmal nur wenig Identifikationspotential, dass einem durch die ersten Seiten helfen kann. Durchbeissen lohnt sich aber, denn was im Laufe des Buches enthüllt wird, lässt einen atemlos weiter lesen und das Buch erst nach dem letzten Satz wieder zur Seite legen. Dafür vergebe ich 3,5 von 5 Bewusstseinssparten.

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