Kettly Mars – Fado

Die bürgerliche Anaïse wird von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen, mit der er eine Familie gründet, was ihm Anaïse immer verweigert hat. Doch damit verlässt er ihr Leben nicht, denn er fühlt sich nach der Trennung umso mehr von ihr angezogen. Der Grund, den er nicht erahnt, liegt darin, dass sich Anaïse als Prostituierte Frida eine zweite Identität erschaffen hat, mit der sie das Leben neu entdeckt und wieder an die Liebe glaubt, die sie in ihrem Zuhälter gefunden zu haben meint. Durch das, was sie als Frida erfährt, betört Anaïse ihren Ex-Mann auf’s Neue. Doch nicht von allen Seiten wird die Beziehung zwischen der geschiedenen Frau und dem verheirateten Mann gern gesehen. Doch kann Anaïse ihn überhaupt auf Dauer halten, jetzt, wo er endlich einen Sohn hat? Über all dem schweben die Klänge des Fado durch die schwüle haitianische Luft.

Dem auf der Rückseite abgedruckten Kommentar des Verlags „litradukt“ kann ich in diesem Fall einmal völlig zustimmen: „Seiten von mitreißender Poesie und kurze Sätze, die man singen könnte“ Der Klang des Fado, der immer wieder erwähnt wird und der leise als Begleitmusik ständig im Hintergrund läuft, bildet eine der Schichten dieser Erzählung, die auf einer anderen Ebene von der sommerlichen Wärme und der fremdartigen Atmosphäre von Haitis Hauptstadt beherrscht wird.

Die Fremdartigkeit, die die Beschreibungen von Port-au-Prince für mich durchzieht, spiegelt sich in der Fremdartigkeit wieder, mit der Anaïse von ihrem Mann betrachtet wird, der seine eigene Frau nicht wieder erkennt. Die Wandlung, die sie durchlaufen hat und von der er nichts ahnt, wird in einigen Rückblenden enthüllt. Diese sind jedoch lose in die Erzählung eingewoben, die aufgrund vieler kurzer Abschnitte, die meist nur 1 bis 2 Seiten lang sind, keine richtige Struktur aufweist und mehr Episodencharakter annimmt.

Diese Sprunghaftigkeit sorgt in Verbindung mit der der Situation innewohnenden Fremdartigkeit für eine gewisse Irrealität, die stellenweise an einen Wahntraum erinnert, zu der die Geschichte mutiert. Dadurch, dass Anaïse und Frida wechselseitig aus ihrem Leben erzählen, wird auch nicht unbedingt mehr Klarheit geschaffen, so dass am Ende einige Dinge offen bleiben.

Dem Gesamteindruck dieses kleinen Büchleins von nicht einmal 100 Seiten Umfang tut dies jedoch keinen Abbruch, so dass ich auf 4 von 5 Flakons komme. Zudem habe ich durch diese Etappe des ANDEREn Literaturklubs einen neuen Verlag kennen gelernt, dessen Programm viel versprechend erscheint, auch in Hinblick auf die literarische Weltreise.

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