Charlotte Brontë – Jane Eyre

Als Waise wächst die titelgebende Heldin dieses Klassikers bei ihrer Tante und ihren Cousins und Cousinen auf, von denen sie jedoch keine Wärme erfährt, sondern nur schikaniert wird. Obwohl sie eher ruhig und besonnen ist, bekommt sie ihrer Tante gegenüber eines Tages einen Wutanfall, aufgrund dessen diese Jane in eine Erziehungsanstalt gibt, in der künftige Gouvernanten herangezogen werden. Nachdem sie dort viele Jahre als Schülerin und später noch einige als Lehrerin verbracht hat, zieht es Jane hinaus in die Welt und sie nimmt eine Anstellung auf Thornfield Hall an. Trotz des schwierigen Charakters des düsteren Hausherrn Mr. Rochester verliebt sich Jane in ihren Brotgeber. Dieser jedoch hat nur Augen für die adrette Blanche.

Zu Beginn hatte ich einige Schwierigkeiten, in Jane Eyre eine Bezugsperson zu finden. Die Zeit im Haus ihrer Tante und auch die erste Zeit in Lowood, der Erziehungsanstalt, haben mich nicht gerade mitgerissen und mich ließ Janes Schicksal ziemlich kalt. Ihre wenn auch nicht kindlich-naive, aber unterwürfige und selbstkasteiende Art war mir von meinem heutigen Standpunkt aus unverständlich und schuf eine Distanz zwischen uns.

Der folgende Zeitsprung von einigen Jahren, in denen Jane zu einer jungen Frau heranwuchs, veränderte die Situation zum Glück grundlegend. Sie hatte sich zwar ihr ruhiges Gemüt bewahrt, aber auch ihr inneres Gleichgewicht gefunden und ließ sich nicht mehr ohne weiteres herumschubsen oder Minderwertigkeitskomplexe einreden, obwohl sie mit diesen weiterhin zu kämpfen hatte. Besonders in Gegenwart von Mr. Rochester bewies Jane einen wachen Verstand und eine spitze Zunge, die sie jedoch immer unter Kontrolle hatte. Die Gespräche mit ihrem Arbeitgeber habe ich deswegen sehr gern verfolgt.

Mr. Rochester bildet den Gegenpol zu Janes Charakter: er ist ziemlich düster, mürrisch und hart. Erst nach und nach taut er auf und es blitzt immer mehr der weiche Kern durch seine harte Schale. Diese Wandlung bzw. die Öffnung seiner Seele ist wunderbar einfühlsam dargestellt, so dass ich völlig nachvollziehen konnte, wie sich Jane zu ihm hingezogen fühlt.

Der Roman besteht jedoch nicht völlig aus Janes Schwärmereien für ihren adligen Dienstherrn, der für sie unerreichbar scheint, sondern es gibt auch eine mysteriöse Komponente: auf Thornfield Hall geschehen nachts seltsame Dinge, Jane hört ein irres Lachen und es wird sogar ein Mordanschlag auf Mr. Rochester verübt. Obwohl dieser Part der Geschichte nicht mit der sich anbahnenden Romantik mithalten kann, bleibt er stets präsent und wird zu einer grausamen Wende führen, die ich so nicht habe kommen sehen.

Die Verwicklungen, die hierauf folgen, führen zu einer völlig neuen Figurenkonstellation, angesichts derer ich gezweifelt hat, wie die Autorin dieses Knäuel wieder auflösen will. Dies gelingt ihr jedoch beinah mühelos und der für meinen Geschmack an einer Stelle übertrieben bemühte Zufall hat mich auch nicht lange gestört angesichts der gelungenen Zusammenführung aller losen Fäden.

Insgesamt gesehen kann ich mich dem Ausspruch der Berliner Zeitung nur anschließen: „’Jane Eyre’, das ist einfach tolle Literatur.“ – und das trotz der über einhundertfünfzig Jahre, die seit der Entstehung dieses Romans vergangen sind. Ich vergebe 4,5 von 5 Perlenhalsbändern.

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