Wendy Guerra – Alle gehen fort

Sowohl während ihrer Kindheit als auch durch die beschwerliche Zeit des Erwachsenwerdens hindurch hat Nieve stets ihr Tagebuch begleitet, dem sie alles anvertrauen konnte, was sie sonst niemals äußern würde oder auch dürfte. Ihr relativ unbeschwertes Leben mit ihrer Hippie-Mutter und dem schwedischen Freund nimmt ein abruptes Ende, als ihr Vater das Sorgerecht für Nieve zugesprochen erhält und sie ihn zu seiner Theatergruppe in die fernen Berge begleiten muss, wo sie unter seinen Wutausbrüchen und der Vergesslichkeit, die ihr nur unregelmäßige Nahrung einbringt, sehr zu leiden hat.

Nach einem Zwischenstopp in einem Waisenhaus darf Nieve zurück zu ihrer Mutter, wo sie während der nächsten Jahre viele Künstler kennen lernt und auch von ihnen wieder Abschied nehmen muss – alle gehen fort, verlassen das kommunistische Kuba, wo eine freie Meinung keinen Platz hat und erst recht nicht die kontroverse Tätigkeit der Künstler. Nur Nieve bleibt immer wieder zurück, selbst als ihre erste große Liebe in ein neues Leben aufbricht.

Aus ihrem Tagebuch erfährt der Leser schonungslos, wie es ihr in all den Jahren erging, erfährt von den Demütigungen, die sie durch ihren Vater erlitten hat, aber auch von den Schwierigkeiten, bei einer Hippiemutter zu leben. Später, als Nieve älter wird, tritt zunehmend auch das politische Leben im Kuba der 1970er und 1980er Jahre in den Vordergrund. Dazu gehört ebenso, dass alle Heranwachsenden eine militärische Grundausbildung erhalten müssen, wie auch die Verfolgung von opportunistischen Künstlern und sogar regelrechte Pogrome gegen Klassenfeinde.

Ihrem Tagebuch und besten Freund vertraut Nieve an, welche Auswirkungen diese Erlebnisse auf ihr Seelenleben haben. Dabei schreibt sie schnörkellos und ohne zu beschönigen und verfällt dabei nicht ins Jammern und Klagen, sondern bietet einen ehrlichen Einblick in ihre Welt. Zu dieser gehören jedoch auch unbeschwerte Kindheitstage am Strand und die erste große Liebe, die verhindern, dass das Buch in eine allzu düstere Atmosphäre rutscht.

Aufgrund der Form eines Tagebuchs besteht der Roman aus vielen kurzen Passagen, deren zeitliche Einordnung aufgrund der genauen Angabe der Datums zu Beginn jedes Eintrags nicht schwer fiel, die es für mich allerdings schwer gemacht haben, in das Geschehen einzutauchen. So blieb ich als Leser mehr ein passiver Beobachter, der zwar interessiert verfolgt hat, was der Protagonistin widerfährt, der aber niemals emotional eingebunden wurde. Ich vergebe 3 von 5 Messern aus gebranntem Ton.

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