Claudia Piñeiro – Die Donnerstagswitwen

Während sich im Argentinien zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Auswirkungen der Wirtschaftskrise bemerkbar machen, geht das Leben in Altos de la Cascada, einer sog. Gated Community, seinen ruhigen Gang weiter. Ein umlaufender Zaun und Wachposten am Haupt- und Hintereingang der Community sorgen dafür, dass das Leben und seine Sorgen draußen und die Bewohner unter sich bleiben. Hat man sich erstmal für das Leben in La Cascada entschieden, dann hat man sich damit auch gegen seine Familie und alle Freunde entschieden, die außerhalb des Zauns leben, und die Nachbarn werden zu neuen Freunden.

Diesen Prozess hat Virginia oftmals beobachtet und auch sie und ihre Familie konnten sich diesem schleichenden Prozess nicht auf Dauer entziehen. So kommt es, dass ihr Mann Ronie wie jeden Donnerstag mit einigen Freunden umherzieht, während ihre Frauen, die titelgebenden Donnerstagswitwen, sich ihrerseits gemeinsam die Zeit vertreiben. Virginia, die sich aus dieser illustren Runde zurückgezogen hat, staunt nicht schlecht, als ihr Mann eines Donnerstags frühzeitig nach Hause zurückkehrt. Etwas scheint ihn verstört zu haben, doch was, kann Virginia aus ihm nicht herausbringen. Später am Abend stürzt Ronie die Treppe herab und bricht sich ein Bein. Während Virginia bei ihrem Mann im Krankenhaus ist, werden im Pool ihrer Nachbarn drei Mitglieder der Herrenrunde tot aufgefunden – ein tragischer Unfall?

Was genau an diesem Abend im Haus der Scaglias vorgefallen ist, welchen Einfluss diese Tragödie auf das Leben in La Cascada hat und welche Zustände dort zuvor geherrscht haben, erfährt man in der Folge teilweise von der Ich-Erzählerin Virginia und teilweise von einem personellen Wir-Erzähler, der die Sichtweise der Gesamtheit der Bewohner von La Cascada vertritt.

Dank den Einblicken, die Virginia durch ihre Arbeit als Immobilienmaklerin in die Lebens- und Finanzverhältnisse ihrer Nachbarn erhält, merkt man sehr schnell, dass unter dem Schleier eines sorglosen Lebens tiefe Abgründe verborgen sind. Vor den Augen der Nachbarn wird mit allen Mitteln versucht, das Bild einer zufriedenen Familie zu erhalten, während hinter der Fassade mit Arbeitslosigkeit, Alkoholismus oder auch familiärer Gewalt gekämpft wird. Da jedoch die Fixierung auf gewisse Wohlstandssymbole wie die Mitgliedschaft im Tennisclub, die exklusive Schule für die Kinder und mindestens zwei Autos vor der Haustür, nicht verzichtet werden kann, entpuppt sich die im Zuge der Wirtschaftskrise um sich greifende Arbeitslosigkeit als Teufelskreis, der immer tiefer in finanzielle Not führt. Welche z.T. abseitigen Lösungsmöglichkeiten für diese Problematik auftauchen und ernsthaft bedacht werden, zeigt, wie weit sich die Bewohner von La Cascada schon von der Realität außerhalb ihrer behüteten Community entfernt haben und wie weit zu gehen sie bereit sind, nur um ihre Zufluchtsstätte nicht wieder verlassen zu müssen.

Durch den sprunghaften Aufbau der Handlung, der zwischen Virginias Sicht und der der Community-Bewohner wechselt sowie zwischen verschiedenen Episoden in der Vergangenheit und der Gegenwart, ist es nicht immer ganz leicht, den Faden zu behalten. Dadurch ergibt sich jedoch auch ein recht umfassendes Bild des Lebens in so einer Gated Community und der Mechanismen, die darin ablaufen. Zum Personal des Buches gehören mindestens ein halbes Dutzend Familien von La Cascada, die zwar nicht umfassend charakterisiert werden, aber doch alle ihre Rolle in dieser Tragödie spielen. Wer jetzt genau mit wem verheiratet war und sich mit welchen Problemchen herumschlug, konnte ich mir nicht immer merken, doch empfand ich das nicht als negativ, da es vor allem das Gesamtbild war, welches ich mit morbider Faszination betrachtet habe.

Der Roman an sich wird durch einige Anmerkungen der Autorin zu „Die Donnerstagswitwen“ ergänzt, in welchen sie z.B. erzählt, dass sie selbst in solch einer Gated Community wohnt und daher auch weiß, worüber sie schreibt. Ich vergebe 4 von 5 leeren Sektgläsern.

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