Christoph Hardebusch – Die Werwölfe

Im Italien des Jahres 1816 führt der junge Adlige Niccolo Vivante ein angenehmes Leben, während dessen er seine jüngere Schwester Marcella sowie die bei ihnen lebende Valentine, Tochter eines befreundeten Schweizer Kaufmanns, mit seinen selbst verfassten Geschichten unterhält und zuweilen auch gruselt. Doch als ihm sein Vater eröffnet, dass er ihn erst zu einer „Grand Tour“ durch Europa schicken will und er anschließend eine Offizierslaufbahn einschlagen wird, ist es mit dem Müßiggang vorbei. Das Letzte, was Niccolo anstrebt, ist eine Karriere beim Militär, dessen Strenge seinem Freigeist diametral entgegengesetzt ist. Gegen seinen Vater kommt er jedoch nicht an, so dass er gemeinsam mit Valentine, in die er heimlich verliebt ist, aufbricht, um sie zu Beginn seiner Europareise zurück zu ihrer Familie nach Genf zu begleiten. Dort angekommen lernt er durch Zufall den Dichter Lord Byron kennen, der sich in der Gegend aufhält. Obwohl im von allen Seiten von einem Umgang mit dem verrufenen Engländer und seinen Freunden abgeraten wird, verheddert sich Niccolo angezogen vom Charme des viel erfahreneren Poeten in dessen Netz. Als er durch Zufall Zeuge eines dunklen Rituals wird, flieht Niccolo zuerst vor Lord Byron, doch er kann dessen Anziehungskraft nicht lange widerstehen und gerät damit in den Kreis derjenigen, die aus Sicht der christlichen Kirche dem Untergang geweiht sind.

Obwohl es lange dauert, bis die titelgebenden Werwölfe endlich eine Rolle spielen und nicht nur Randerscheinungen darstellen, konnte ich die Zeit bis dahin gut damit ausfüllen, dass ich Niccolo gefolgt bin. Sein jugendlich-unbeschwerter Charakter war mir sympathisch und ich konnte seine Reaktionen gut nachvollziehen. Auch seine Wandlung während der insgesamt 8 Jahre, die die Handlung umfasst, machte einen stimmigen Eindruck und wirkte nicht aus der Luft gegriffen. Besonders seine Ratlosigkeit und der verzweifelte Wunsch, mehr zu erfahren, haben in mir zu einem der liebsten Charaktere gemacht.

Auf der anderen Seite habe ich jedoch auch gerne von Conte Ludovico gelesen, der von seinen Charakterzügen her mit Niccolo nur sehr wenig gemein hatte. Die düstere und geheimnisvolle Aura, die den älteren Mann umgab, wusste mich trotz der wenigen Dinge, die über ihn enthüllt wurden, zu faszinieren.

Zwar nimmt sie bedeutend weniger Raum in diesem Roman ein als diese beiden Herren, doch Valentine selbst bildet als starke Frau einen positiven Gegenpart zu der sonst eher von Männern dominierten Handlung und darf deswegen nicht unerwähnt bleiben.

Die Handlung selbst beginnt eher ruhig und gemächlich. Nachdem Niccolo selbst und seine Familie vorgestellt wurden und die Reise nach Genf überstanden war, war bereits ein Viertel der rund 500 Seiten dahin. Mit dem Auftreten Lord Byrons zog die Spannungskurve langsam an, nur um nach dem Eingreifen der Inquisition erstmal wieder abzufallen. Der Szenenwechsel wird durch den Beginn des „Zweiten Buches“ unterstrichen und dem Leser damit verdeutlicht, dass er sich nun auf eine neue Situation einstellen muss. Niccolos folgende Suche nach Antworten war zwar bei Weitem nicht so actionreich wie das Gefecht mit den christlichen Wolfsjägern, doch machte es mir trotzdem Freude, ihn auf seiner Schnitzeljagd quer durch Europa zu begleiten und die Puzzlestücke langsam zusammen zu fügen. Die letzten Fragen werden jedoch erst während des nun wieder sehr spannungsreichen letzten Abschnitts beantwortet, der die Handlung zu einem für mich stimmigen Ende führt.

Punktabzug gibt es von mir allerdings für die Darstellung des „Bösen“. Das war mir einfach zu vage und viel zu mythisch und vor dem sonst eher realitätsnahen Weltenbau einfach nur störend. Wer das Buch gelesen hat, wird hoffentlich verstehen, worauf ich hier anspiele. Weniger störend, dafür im Zusammenhang mit der Handlung um Niccolo als völlig überflüssig empfand ich die Intrigenspielereien im Vatikan. Dass die Inquisition Werwölfe und andere „widernatürliche“ Kreaturen verfolgt, ist für mich aus der Geschichte heraus völlig verständlich. Welche Pläne der Leiter einer geheimen Organisation innerhalb der Kirche hinsichtlich der Papstwürde hat, ist da für mich irrelevant und hat meinen Lesefluss gehemmt.

Insgesamt gesehen hat mir die Mischung aus ruhigeren Passagen und actionreichen Kämpfen, bei denen das Blut auch mal reichlich spritzte, gut gefallen. Eine Karte sowie ein mehrseitiges Personenverzeichnis runden den Roman ab und erleichtern das Zurechtfinden. Ich vergebe 3,5 von 5 Archiven.

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