Mahi Binebine – Kannibalen

An einem marokkanischen Strand in der Nähe von Tanger wartet eine Handvoll Flüchtlinge darauf, dass ihr Schlepper endlich grünes Licht gibt und sie das Boot in Richtung verheißungsvolles Europa besteigen können. Zu den Wartenden gehört der junge Azûz, der während der langen Nacht die Geschichten seiner Mitreisenden und über seine eigene Vergangenheit erzählt und damit die verschiedensten Motive für die Flucht aus Marokko aufdeckt.

Neben dem Erzähler, dem ehemaligen Klosterschüler Azûz, gehören unter anderem auch dessen Cousin Reda, die junge Mutter Nuarâ samt ihrem Baby und der Riese Pafadnam zu der verängstigen Gruppe. Während die Nacht immer weiter voranschreitet, warten alle nur auf das erlösende Signal des Schleppers, dass die Luft rein sei und das Unternehmen starten könne. Dabei sind sie sich der Gefahren mehr als nur bewusst, denn abgesehen von Polizeipatrouillen entlang des Strands lauern auf dem Meer weitere Patrouillen, die sich streckenweise für harmlose Fischer oder andere Schlepper ausgeben und so die wahren Schlepper in eine Falle locken wollen. Und keineswegs dürfen die Gefahren der Natur vergessen werden, die eine Überfahrt übers offene Meer in einer Nussschale zum reinen Glückspiel werden lässt.

Um sich von all dem abzulenken und die Zeit totzuschlagen, sinniert Azûz darüber, was ihn selbst an diesen Punkt geführt hat und rekapituliert, was er über seine Mitreisenden weiß. Während ihn deren Erlebnisse zwar keinesfalls kalt lassen und er seinen Emotionen angesichts ihrer Vergangenheit und erlittenen Schicksalsschläge Ausdruck verleiht, so wird er am eindringlichsten, wenn er seinen eigenen Hoffnungen, die er mit der Flucht nach Europa verbindet, vor dem Leser ausbreitet. Welche Bedeutung allein dem Pass beigemessen wird – für uns ist es nur ein Stück bedrucktes Papier, in Folie geschweißt, dass man ständig mit sich führen muss, doch für Azûz und seine Leidensgenossen verkörpert er die Eintrittskarte ins Paradies.

Obwohl mir dieses Buch durch seinen Kontrast deutlich gemacht hat, wie gut es uns hier doch eigentlich geht, konnte es keinen tiefergehenden Eindruck hinterlassen. Die Episodenhaftigkeit des Romans, der zu viele Schicksale gleichzeitig beleuchten will, sorgt eher dafür, dass ich mich als Leser überfahren fühlte von zu vielen Leben und Leiden. Insgesamt war der Inhalt des Buches zu zersplittert, um mich darin eintauchen zu lassen und deshalb komme ich nur auf 2,5 von 5 Dünen.

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