Jules Verne – Das Geheimnis des Wilhelm Storitz

Der französische Ingenieur Henry Vidal erhält von seinem Bruder, dem Künstler Marc Vidal, einen Brief, der ihn zu dessen Hochzeit mit der bezaubernden Ungarin Myra Roderich einlädt. Nach einer gemütlichen Reise per Bahn und Donaukreuzer kommt Henry 2 Wochen später in Ragz an und freut sich bereits, die Verlobte seines Bruders kennen zu lernen, von der ihm schon so viel Positives berichtet wurde. Leichtes Unbehagen bereitet ihm jedoch die Tatsache, dass Myra, bevor sie seinen Bruder kennen lernte, bereits von einem anderen umworben wurde: Wilhelm Storitz, dem Sohn des berühmt-berüchtigten preußischen Wissenschaftlers. Als er noch an Bord des Dampfschiffs eine Stimme hört, die eine Drohung gegen Marc und Myra ausstößt, ahnt er Schreckliches.

Zuerst scheint sich seine düstere Vorahnung nicht zu bestätigen und er verbringt eine nette Zeit bei der Familie Roderich. Bei einem Ball zu Ehren seiner Ankunft beginnt die Situation allerdings außer Kontrolle zu geraten: es scheint ein Unsichtbarer in das Haus eingedrungen zu sein, denn mitten aus dem Saal erklingt eine körperlose Stimme, die erst lauthals ein preußisches Nationallied singt und anschließend den Brautkranz stiehlt. Sollte es sein, dass Wilhelm Storitz über eine Formel verfügt, die ihn nach Belieben unsichtbar und wieder sichtbar werden lässt? Und wie schützt man sich vor einem Mann, der über solches Wissen verfügt?

Der Grundgedanke des Buches ist spannend und regt zum Nachdenken an: Was wäre, wenn man sich wirklich unsichtbar machen könnte? Was wäre, wenn es Andere könnten? Wie könnte man sich jemals wieder sicher sein, dass man wirklich allein in einem Zimmer ist und man nicht Gesellschaft von einem Unsichtbaren hat? Leider dauert es für meinen Geschmack viel zu lange, bis das Buch an der Stelle angekommen ist, an dem solche Überlegungen zu Tage treten.

Das erste Viertel des Buches beschreibt erstmal in aller Ausführlichkeit die Reise des Ich-Erzählers Henry Vidal in die von Verne erfundene ungarische Stadt Ragz. Der Autor frönt hier nicht nur ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, die ich durchaus auch mal gerne lese, sondern flechtet dabei auch noch allerhand Details über die Historie der jeweiligen Gegenden und Städte ein, die er gerade erblickt. In Maßen sicherlich nicht uninteressant, aber in der Masse schier erschlagend. Nachdem Henry dann endlich in Ragz angekommen ist, nimmt die Geschichte langsam aber sicher Fahrt auf und während des letzten Drittels des Buches konnte ich kaum noch aus der Hand legen.

Die Spannung wird jedoch kaum von den handelnden Personen und ihren Interaktionen erzeugt, sondern hauptsächlich durch die bereits angesprochenen Fragen, die eine mögliche Unsichtbarkeit auslöst. Die Charaktere hingegen bleiben größtenteils blaß und konturlos. Hier haben wir die Guten, Marc, Myra und ihre Familie, und dort die Bösen, Wilhelm Storitz und sein Diener. Es gibt keine Abstufungen oder Grautöne, sondern nur diese beiden Lager. Besonders gestört hat mich, dass man kaum etwas über Storitz Motive erfährt. Es wird einfach mit Größenwahn abgetan und gut ist. Selbst den Ich-Erzähler lernt der Leser kaum kennen, er agiert eher als Protokollführer der Ereignisse und dementsprechend nüchtern fällt der Text aus.

Positiv erwähnt werden muss an dieser Stelle allerdings die Gestaltung des Buches. Es handelt sich bei dem beim Piper-Verlag erschienen Roman um die erstmals veröffentlichte ungekürzte und unveränderte Original-Fassung, wie Jules Verne sie selbst verfasst hat. In einem Vorwort wird informativ auf die Historie dieses Romans und seine verschiedenen Bearbeitungen eingegangen ebenso wie auf das Motiv des Unsichtbaren in einigen anderen Romanen der Zeit. Zudem werden in knapp 40 Anmerkungen Verweise auf historische Persönlichkeiten und Städte entschlüsselt sowie manche Eigenheiten des französischen Originals und deren Umsetzung im deutschen Text offen gelegt.

Fazit: Die dem Roman zugrunde liegende Idee ist spannend und die Reaktionen der Bevölkerung auf den Unsichtbaren in ihrer Mitte sind realistisch ausgearbeitet. Leider dauert es jedoch zu lange, bis man als Leser zu diesem Part gelangt und die Charaktere, die man in der Zwischenzeit kennen lernt, bieten wenig, das den Leser für ihr Schicksal interessiert. Insgesamt komme ich damit nur auf 2,5 von 5 Phiolen.

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2 Kommentare zu “Jules Verne – Das Geheimnis des Wilhelm Storitz

  1. Evi sagt:

    Ach, das hab ich auch grad vor kurzem gelesen und bin im Großen und Ganzen deiner Meinung. Auch ich fand den Anfang sehr schleppend und die vielen vielen Beschreibungen von Landschaften und Personen zwar interessant, aber mit der Zeit einfach zu langatmig.
    Auch finde ich, dass Herr Verne die Sache mit der Unsichtbarkeit nicht so ganz zu Ende gedacht hat, es gibt zu viele Unstimmigkeiten. Zum Beispiel, dass auch die Kleidung mit unsichtbar wird, nicht jedoch etwas, dass der Unsichtbare später in die Hand nimmt. Wie sieht es mit später gewechselter Kleidung aus – Myras Hochzeitskleid z.B.??
    Und ja – es wäre schon interessant gewesen, etwas Näheres über Storitz zu erfahren, aber das war aus der gewählten Erzählperspektive nicht möglich.
    Ich hatte den Eindruck, dass es sich hierbei um ein nicht abgeschlossenes Projekt von Jules Verne handelt.

  2. Myriel sagt:

    Hallo Evi,
    volle Zustimmung zu deinem Beitrag. Besonders die Ungereimtheiten bei der Unsichtbarkeit haben mich zusätzlich noch gestört. Z.B. beim ersten Auftritt des Unsichtbaren auf dem Ball: wie kann es sein, dass er selbst komplett unsichtbar ist, aber der Brautkranz ganz sichtbar durch die Menschenmenge schwebt? Das passt leider nicht zusammen. Stimmiger sind da schon solche Konzepte wie – sry, hab gerade kein anderes Beispiel parat – in „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, wo der Dieb Skinner um komplett unsichtbar zu sein, seine Kleidung ablegen muss.
    Bei meinem nächsten Zusammentreffen mit Herrn Verne werde ich mich wohl wieder auf altbekanntes Territorium begeben und etwas lesen, dass nicht erst vor Kurzem wieder aus einer Schublade gekramt wurde. ^^
    LG Myriel

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