Robert Anton Wilson – Masken der Illuminaten

Eines Abends, an dem Albert Einstein und James Joyce in einer Züricher Kneipe eingekehrt waren, stürzte ein junger Mann zur Tür herein und brach dann ohnmächtig zusammen. Angelockt durch dieses Spektakel nehmen sich Einstein und Joyce des Engländers an und versuchen herauszubringen, was diesem solche eine Mordsangst einjagt, dass er quer durch Europa flieht. Sir John Babock, so der Name des jungen Mannes, beschäftigte sich mit der Geschichte der Rosenkreuzer und im Zuge seiner Recherchen knüpfte er Kontakte zu einem der Nachfolger-Orden der Rosenkreuzer. Dort wird er in die Geheimnisse der jüdischen Kabbala eingewiesen und beginnt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Als er durch Zufall auf einen kleinen Gedichtband stößt, der nur so vor Beschreibungen von Ritualen der schwarzen kabbalistischen Mystik strotzt, kommt eine Lawine ins Rollen, die ihn an seinem Verstand zweifeln und um sein Leben fürchten lässt. Während er Einstein und Joyce von seinen Erlebnissen berichtet, versuchen die beiden zu ergründen, was oder wer hinter den zunehmend mysteriöseren Ereignissen steckt.

Im Gegensatz zu meiner vorherigen Lektüre des gleichen Autors, „Schrödingers Katze“, habe ich hier keine Probleme, den Inhalt zusammen zu fassen und auch die Charaktere sind deutlich fassbarer. Sir Babock ist die unbestreitbare Hauptperson der Geschichte und mit seiner manchmal etwas unbeholfenen Art, aber dem innigen Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, ist er mir sehr sympathisch und ich habe mit ihm gerätselt, gezweifelt und gefürchtet. Einstein und Joyce, obwohl beide nicht als Unsympathen dargestellt sind, blieben mir hingegen relativ fern, da sie eher als Beobachter agieren und ihnen von Sir Babock erst rückblickend seine Erlebnisse geschildert werden. Von daher sind sie nur wenig in die Handlung integriert und man lernt sie kaum kennen.

Die Geschichte selbst wird im Klappentext als „spannender Okkult-Thriller“ bezeichnet, was meiner Meinung nach vollkommen zutreffend ist. Während Sir Babocks Geschichte erst etwas zögernd Fahrt aufnimmt und er seine ersten Schritte beim Studium der kabbalistischen Mystik beschreibt, konnte ich später das Buch nur noch schwer aus der Hand legen, da ich unbedingt wissen wollte, wie sich alles auflöst. Positiv zu vermerken ist, dass es immer wieder kleine Hinweise gibt, auf deren Grundlage der Leser sich selbst seine Gedanken machen und miträtseln kann. Ich selbst habe zugegebenermaßen diese Hinweise erst bemerkt, als sie während der Auflösung von Einstein und Joyce als Indizien präsentiert wurden.

Einen Kritikpunkt muss ich allerdings auch anbringen: Was hat sich Wilson bei den letzten 30 Seiten gedacht? Völlig wirr und zusammenhanglos erinnert diese Passage eher an „Schrödingers Katze“ als dass sie zu diesem sonst sehr geradlinig und eindeutig geschriebenem Thriller passen würde.

Insgesamt gesehen ist dieses Buch deutlich leichter zugänglich als meine vorherige Lektüre des Autors („Schrödingers Katze“) und als Einstieg in Wilsons Werk zu empfehlen. Wer auch nur geringe Vorkenntnisse im Bereich der Rosenkreuzer und ihrer Ableger-Orden hat, wird sicherlich Einiges wieder erkennen, aber auch unbedarften Lesern dürfte das Buch zusagen. Von mir gibt es dafür 4 von 5 Talismanen.

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3 Kommentare zu “Robert Anton Wilson – Masken der Illuminaten

  1. Rene Pichl sagt:

    Zitat: „Was hat sich Wilson bei den letzten 30 Seiten gedacht? Völlig wirr und zusammenhanglos erinnert diese Passage eher an „Schrödingers Katze“ als dass sie zu diesem sonst sehr geradlinig und eindeutig geschriebenem Thriller passen würde.“

    Ganz einfach: Nachdem Crowley mit seinem Gastgeschenk, der Flasche Champagner „Die Pforten der Wahrnehmung“ geöffnet hatte, verlor das Bewusstsein der Beteiligten natürlich an Ordnung und Struktur. So ist es stark anzunehmen, dass Crowley in dieser Flasche Meskalin vom Peyote-Kaktus hatte, und die vier (vielleicht aber auch nur die drei, ohne Crowley) auf eine bewusstseinserweiternde, drogeninduzierte Reise gegangen sind. Auch taucht in diesen Seiten „Mescalito“ kurz auf, der Geist des Meskalin.

    Initiationrituale vieler Kulturen und Religionen beinhalten nunmal die Einnahme von bewusstseinserweiternden Substanzen.

    Ich finde den Schluss ehrlich gesagt sehr gelungen, da so auch Joyce und Einstein eine Initiation erfahren. Die „Reflexschleusen im Gehirn“, wie Joyce es dann nennt, werden weniger starr. Joyce entwickelt so laut dem Autor seine Idee für das Buch „Ulysses“ und Einstein entdeckt so die Idee für seine spätere „Relativitätstheorie“.

  2. Myriel sagt:

    Hallo Rene,
    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Mit deinen Anmerkungen ergibt das Ende jetzt für mich auch mehr Sinn. Allerdings wäre für meinen Geschmack hier weniger mehr gewesen. Anstatt die Halluzinationen auf 30 Seiten auszuwälzen, hätten 10 Seiten wahrscheinlich auch gereicht, um den Lesern seinen Punkt klar zu machen. Das ist aber wohl Ansichtssache. 🙂
    LG Myriel

  3. Rene Pichl sagt:

    Hi Myriel!

    Da gebe ich dir recht. Das war ehrlich gesagt auch für mich die langwierigste Phase des Buches…

    Robert Anton Wilson hat dabei wohl in dem Motto: „Tu was du willst soll das ganze Gesetz sein“ ein bisschen übertrieben, und selbst getan was er wollte – nämlich die Hallus in 30 Seiten gepackt. 😉

    Liebe Grüsse!

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