Amélie Nothomb – Metaphysik der Röhren

Die Ich-Erzählerin berichtet von ihren ersten Lebensjahren, wie sie sie selbst wahrgenommen hat. Die ersten zwei Jahre war sie Gott und Gott verhielt sich wie eine Röhre: oben wurde Essen hinein gegeben, im Inneren der Röhre wurde die Nahrung verarbeitet und am unteren Ende wurden die Abfälle ausgeschieden. Während dieser Zeit ließ sie sich durch nichts aus der absoluten Ruhe bringen, weder durch die verzweifelten Versuche der Eltern, ihre jüngste Tochter durch Nahrungsentzug zu einer Reaktion – und sei es nur ein protestierender Schrei – zu bewegen, noch durch die in Kansai beinah wöchentlich vorkommenden Erdbeben. Doch im Alter von 2 Jahren wurde der Zorn Gottes geweckt und die nächsten Monate hatte ihre Familie keine Ruhe mehr. Erst der Besuch der Großmutter, die aus Frankreich eingereist war, und ihr kostbares Geschenk der weißen, belgischen Schokolade ließ den Zorn Gottes verrauchen und läuteten damit das Leben des Kindes ein.

In den folgenden Monaten entdeckte das Mädchen die Welt um sich herum: ihre Eltern, die beiden älteren Geschwister, ihr Haus mit dem großen Garten und die nähere Umgebung außerhalb des Gartens. Wie sie dabei ihre Beobachtungen wiedergibt und was sie in das Verhalten der Menschen in ihrer Umgebung hineindeutet, ist herrlich vergnüglich zu lesen. Obwohl das Mädchen außergewöhnlich intelligent ist (sie versteht, was die Menschen ihrer Umgebung sagen und kann sich der Sprachen bedienen, die sie selbst gehört hat), missdeutet sie einige Ereignisse aufgrund ihres Mangels an Erfahrung. Besonders amüsant war die Episode, als die Ich-Erzählerin mit ihrem Vater kurz nach starken Regenfällen spazieren war und der Vater in einen offenen Abflussschacht stürzt, den er unter der Wasseroberfläche nicht sehen konnte. Die Kleine, die nicht verstand, was man als Diplomat beruflich tut, dachte ihr Vater sei auf Arbeit und ist erst nach weiterem Herumtollen nach Hause gegangen, wo ihre Mutter stutzig wurde. Diese kindliche Unschuld in Verbindung mit der naiven Meinung, die Welt zu verstehen, ließ mich beim Lesen beinah durchgängig schmunzeln.

Das Buch endet zu einer Zeit, als die Ich-Erzählerin 3 Jahre alt ist und ihr unbeschwertes Leben sich dem Ende neigt. Schließlich ist sie jetzt kein kleines Kind mehr, sondern soll schon bald einen Kindergarten besuchen. Über ihre weiteren Erlebnisse berichtet die Autorin, die hier ihre eigenen Kindheitserinnerungen als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan verarbeitet hat, u.a. in den autobiografischen Romanen „Liebessabotage“ und „Biografie des Hungers“, welche sich genauso einen Platz auf meiner gedanklichen Merkliste erobert haben wie die Neugier auf die sonstigen Romane der französischen Schriftstellerin. Für die „Metaphysik der Röhren“ gibt es von mir aufgrund des etwas verwirrenden Beginn des Buches 3,5 von 5 Karpfen.

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