Frank Schätzing – Der Schwarm

Vor der Westküste Südamerikas verschwinden Fischer vollkommen spurlos; am Kontinentalhang vor Norwegen entdeckt eine Ölbohrfirma merkwürdige Würmer, die zu Millionen den Abhang bedecken; vor der Ostküste Nordamerikas bleiben die vorbeiziehenden Walschulen erst aus, dann greifen sie Whale-Watching-Touristen an; in Frankreich tauchen verseuchte Hummer auf, die eine Epidemie auslösen – nichts davon scheint miteinander in Verbindung zu stehen, doch im Ergebnis ist die Menschheit von dem Medium bedroht, aus dem sie sich einst entwickelt hat: dem Meer.

In mitten dieser zahllosen Ereignisse suchen der indianische Walforscher Leon Anawak, der norwegische Biologe Sigurd Johanson und eine Reihe weiterer Wissenschaftler nach dem gemeinsamen Element, das den Plan hinter all den scheinbaren Zufällen enthüllt. Dabei müssen sie sich mit nicht nur über manche eingestaubten Ansichten ihrer Kollegen hinwegsetzen und neue Pfade der Wissenschaft beschreiten, sondern sich auch mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Ängsten auseinander setzen. Während Anawak sein indianisches Erbe immer verleugnet und nichts als ein normales Leben als Verhaltensforscher führen will, zeigt ihm erst Greywolf, ein Möchtegern-Indianer, was ihm dadurch in seinem Leben verloren ging. Derweil sieht sich der Schöngeist Johanson, der guten Wein, Käse und eine attraktive, intelligente Frau als Gesellschafterin schätzt, vor der Entscheidung, inwieweit er eine Affäre mit seiner langjährigen Freundin Tina Lund eingehen möchte und was das für eine Auswirkung auf sein ungebundenes Leben hätte. Durch diese inneren Zwiespälte und Unsicherheiten wirken die Hauptpersonen nicht wie Übermenschen, die mal so nebenher die Menschheit retten, sondern es nicht Menschen, die ohne weiteres unsere Nachbarn sein könnten. Dadurch habe ich noch mehr Sympathien für sie entwickelt und ihre Fortschritte gespannt verfolgt, wobei das Schreckgespenst ihres Scheiterns und des Untergangs der Menschheit ständig präsent war.

Nicht nur die Charakterisierung der Hauptpersonen ist Schätzing gut gelungen, sondern er hat es auch verstanden, den Nebenpersonen, die teilweise nur während eines Bruchteils der beinah 1000 Seiten präsent waren, ein Gesicht zu verleihen. So konnte ich mit beinah jedem Charakter mitfiebern und hatte die meiste Zeit über auch keinen bevorzugten Handlungsstrang, da ich auf jedes weitere Puzzlestück neugierig war. Lediglich die ersten rund 200 Seiten lang hat für mich die Schilderung der Geschehnisse bei Vancouver Island einen weitaus stärkeren Sog entwickelt als die recht trockenen Diskussionen um die ominösen Würmer vor Norwegens Küste. Obwohl ich von Walen fasziniert bin, mehrere Sachbücher über diese Giganten der Meere gelesen habe und mir klar ist, dass sie keinesfalls nur die sanften Riesen sind, als die sie manchmal dargestellt werden, lief mir bei der Schilderung des Angriffs auf die Ausflugsboote der Whale Watcher ein kalter Schauer über den Rücken. Angesichts solch eindrucksvoller Szenen, die vor meinem inneren Auge wie ein Film abliefen, kann ich Schätzing auch verzeihen, dass er manchmal zu stark gefachsimpelt hat und dem Leser unbedingt die Ergebnisse seiner Recherchen unterheben wollte.

Insgesamt gesehen ist Schätzing ein mitreissender und sehr realistischer Wissenschaftsthriller gelungen, der nur hin und wieder etwas unter zu vielen wissenschaftlichen Fachsimpeleien gelitten hat. Dafür gibt es von mir 4 von 5 Zodiacs.

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