Lorenz Schröter – Venuspassage

Guillaume Joseph Hyacinthe Jean Baptiste Le Gentil de la Galaisière, meist Le Gentil genannt, ist Mitglied der französischen Académie Royal des Sciences in Paris. Im Rahmen einer nationenübergreifenden Zusammenarbeit mit der britischen Royal Academy ist er als einer von mehreren Wissenschaftlern unterwegs zu einem vorher festgelegten Ort, um die Venuspassage des Jahres 1761 zu beobachten, um aus den gewonnenen Erkenntnissen den Anstand zwischen Erde und Sonne berechnen zu können.

Da die Reisemethoden des 18. Jahrhunderts bei Weitem zeitaufwendiger waren, als wir es uns heute vorstellen können, brach Le Gentil schon über ein Jahr vor dem entscheidenden Termin auf, um ja rechtzeitig in Pondichery, Indien, anzukommen. Doch der andauernde Krieg zwischen Frankreich und England, der auf die Zusammenarbeit der beiden wissenschaftlichen Akademien keine große Rücksicht nimmt, und weitere unvorhersehbare Unannehmlichkeiten verzögern Le Gentils Ankunft und er verpasst die Venuspassage. Zu seinem Trost wiederholt sich das Ereignis nach 8 Jahren und gibt ihm so eine zweite Chance, seinen Lebenstraum zu erfüllen. Bis es allerdings soweit ist, muss sich Le Gentil jedoch im indischen Ozean die Zeit vertreiben, da er es als zu aufwendig erachtet, in der Zwischenzeit nach Frankreich zurück zu kehren.

Immer wieder führt ihn sein Weg nach Port Louis auf der Insel Mauritius, auf der ihn die Haushälterin des örtlichen Gouverneurs in ihren Bann zieht. Doch nie hält es ihn lange auf der Insel und er segelt mit verschiedenen Schiffen auf dem indischen Ozean umher und erlebt unterschiedlichste Abenteuer.

Während all seiner Erlebnisse blieb mir Le Gentil jedoch immer sehr fremd. Ich konnte nie nachvollziehen, was er warum tat oder was er empfand. Abgesehen davon, dass die Sitten der damaligen Zeit sich grundlegend von unseren heute unterscheiden und der Autor kaum darauf einging, was damals für „richtig“ oder „falsch“ erachtet wurde, bot die distanzierte Erzählweise ebenfalls keine Möglichkeit, sich mit Le Gentil zu identifizieren. Das einzige, was ich eindeutig über ihn sagen kann, ist dass er von der Venuspassage geradezu besessen war und sich kaum um das kümmerte, was auf der Erde vorging. Ansonsten ist er für mich ein Buch mit sieben Siegeln.

Was das übrige Personal angeht, sieht es recht mau aus. Es gibt keine konstanten Nebencharaktere, sondern nur einige wenige, die ab und zu mal für ein paar Seiten auftauchen, dann jedoch wieder aus der Story verschwinden. Selbst über Juliette, die Haushälterin des Gouverneurs von Port Louis, in die sich Le Gentil langsam aber sicher verliebt, erfährt man nichts. Und Le Gentils Liebe zu ihr wird erst auf den letzten paar Seiten erwähnt, vorher nahm er ihre Existenz lediglich zur Kenntnis.

Die Schilderungen von Le Gentils Erlebnissen während seiner Jahre im indischen Ozean erschienen mir ziemlich klischeehaft – die ungebildeten, aber edlen Wilden, die brutalen Kannibalen, der Weiße, der sich zum Häuptling über einen Stamm unzivilisierter Eingeborener gemacht hat, der raue Schiffskapitän mit düsterer Vergangenheit – und zudem blieb selbst die spannendste Szene merkwürdig flach und farblos. Selbst diverse Todesfälle haben weder mich noch Le Gentil selbst auf irgendeine Art und Weise emotional berührt oder gar mitgenommen.

Eigentlich habe ich mir den Roman wegen des astronomischen Grundthemas und in der Hoffnung auf eine nette Reiseerzählung gekauft, aber diese Hoffnung habe ich bereits nach wenigen Seiten begraben. Dennoch habe ich das Buch zu Ende gelesen und dabei eine flache und emotionslose Schilderung einer Aneinanderreihung von Episoden verfolgt. Mehr als 1 von 5 Teleskopen ist mir das nicht wert.

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