Leon Uris – Exodus

Der Untertitel „Das große Epos um die Gründung Israels“ sagt eigentlich sehr deutlich aus, worum es in diesem Buch geht. Trotzdem war mir nicht klar, worauf genau ich mich mit der Lektüre einlasse und aus diesem Grund war ich auch positiv überrascht. Erwartet hatte ich einen eher trockenen Roman, der vor historischen Fakten nur so wimmelt und den Leser letztendlich mit Wissen erschlägt. Bekommen habe ich einen spannenden und mitreissenden Roman, der anschaulich anhand einiger weniger Personen das Schicksal eines ganzen Volkes und ihre Rückkehr in die Heimat beschreibt.

Zu Beginn, im November 1946, treffen sich der Journalist Mark und die Kinderpflegerin Kitty, beides Amerikaner und alte Kindheitsfreunde, auf Zypern wieder, wo Mark gerade Urlaub macht. Das britische Militär, dass das Palästina-Mandat der Vereinten Nationen innehat und auf dieser Grundlage die Einwanderung der überlebenden Juden überwacht, hat eine Blockade um Palästina errichtet, um die guten Beziehungen zu den Arabern, die angesichts der zuströmenden Juden beunruhigt sind, nicht aufs Spiel zu setzen. Die Juden, die sich hingegen nach allem, was sie in den vergangenen Jahren durchmachen mussten, nichts sehnlicher wünschen als eine Rückkehr in ihre biblische Heimat, versuchen mit allen Mitteln nach Palästina zu gelangen. Maßgeblich für die Koordination der legalen und illegalen Einreise nach Palästina ist die Organisation Mossad Aliyah Bet und einer ihrer besten Männer, Ari ben Kanaan, ist gerade dabei, die Pläne für eine Aufsehen erregende Flucht aus einem britischen Internierungslager auf Zypern zu organisieren, wo diejenigen Juden festgehalten werden, deren illegale Einreise nach Palästina gescheitert ist. Dazu braucht er jedoch die Hilfe des Journalisten Mark und auch von Kitty, die als Kinderpflegerin ungehinderten Zugang zu den Lagern auf Zypern erhalten würde.

Während Aris Plan nach sorgsamer Vorbereitung umgesetzt wird und sogar von Erfolg gekrönt ist, entwickelt sich zwischen Kitty und Ari eine merkwürdige Zuneigung, die beide nicht ganz verstehen und vor der sie sich verschließen. Kitty, die nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Tochter in einer Lebenskrise steckte, wird durch das junge Mädchen Karen und ihr Schicksal berührt und in ihr sieht sie einen neuen Lebenszweck, der sie sogar soweit bringt, ebenfalls nach Palästina zu reisen und sich dort um jüdische Flüchtlingskinder zu kümmern.

In der folgenden Zeit nehmen die Spannungen zwischen Juden und Arabern immer weiter zu und die britische Armee, die offiziell für die Ordnung in Palästina zuständig ist, wird von politischen Erwägungen geleitet. Von daher müssen es die Juden selbst in die Hand nehmen, sich gegen die Übergriffe der Araber zu wehren und Ari ist dabei stets in der vordersten Reihe zu finden. Der einzige Weg, um den Juden eine dauerhafte Heimat in Palästina zu sichern, ist die Gründung eines souveränen Staates Israel. Doch bis dieses Ziel erreicht wird, müssen noch viele Hindernisse überwunden werden und kaum wurde die Staatsgründung ausgerufen, bricht der erste Krieg herein.

In insgesamt 5 Büchern auf beinah 850 Seiten breitet Leon Uris das zeitliche Panorama von nur wenigen Jahren in der Gegenwart vor dem Leser aus, in dem er jedoch immer wieder anhand der Lebensgeschichte einer seiner Romanfiguren zurück in die Vergangenheit blickt, teilweise sogar mehrere Generationen. Während mich die Gegenwartsabschnitte teilweise nicht wirklich mitreissen konnten – die Amerikanerin Kitty blieb mir lange Zeit ein Rätsel, auch wenn sie in ihrer Rolle als Christin eine wichtige relativierende Position zum Eifer der Juden einnahm und so manches in ein anderes Licht gerückt hat – entwickelten die Rückblenden in die Vergangenheit einen sehr starken Sog. Diese reichen von den 1880er Jahren in russischen Judengettos, aus denen Aris Vater und Onkel stammen, über die Erlebnisse von Karen, die als junges Mädchen von ihren Eltern nach Dänemark geschickt und dort von einer einheimischen Familie versteckt wurde, bis zur Vergangenheit von Dov Landau, einem polnischen Jungen, der sowohl das Warschauer Getto als auch das KZ Auschwitz überlebt hatte. Diese Erlebnisse sind die Wurzeln des Muts und des Überlebenswillens der Juden, die sich nun in Palästina eine neue Heimat erschaffen. Völlig unbegreiflich ist mir in diesem Zusammenhang der Widerstand der Briten, die ihnen das zugunsten ihrer zweifelhaften arabischen Verbündeten verwehren wollen. Es ist nach Ende des zweiten Weltkriegs offenkundig, welche Verbrechen in den vergangenen Jahren u.a. an den Juden begangen wurden und anstatt alles zu tun, um den Überlebenden zu helfen, grassieren selbst in den Reihen der Befreier der Konzentrationslagern antisemitische Gedanken, die leider nicht immer nur Gedanken bleiben. Doch Uris verfällt keineswegs in pauschale Anklagen und Verurteilungen ganzer Völker, sondern er zeigt, dass es sowohl auf Seiten der Araber als auch bei den Briten Sympathisanten und Unterstützer der jüdischen Sache gibt und nicht jeder die Taten seiner Landsleute gut gehießen oder gar unterstützt hat – auch wenn die Sympathie ganz klar auf Seiten der Juden liegt.

Während Uris all diese Geschehnisse anhand seiner erfundenen Romanfiguren darstellt, beruht die Handlung jedoch auf verbürgten historischen Ereignissen und daher nimmt dieses Buch eine besondere Mittelstellung zwischen Roman und Sachbuch ein und vereint das Beste von beidem in sich. Herausgekommen ist ein spannender und einfühlsamer Roman, der dem Leser anschaulich die historische Vergangenheit des Staates Israels und die Umstände seiner Gründung näher bringt. Trotz einiger etwas zäher Passagen, die sich vornehmlich um die Amerikanerin Kitty drehten, kann ich das Buch nur uneingeschränkt weiterempfehlen. Gerade angesichts der Tatsache, dass diesen Ereignissen in unserem Lehrplan keinerlei Raum eingeräumt wurde, kommt diesem Roman für mich eine erhöhte Bedeutung zu, auch als Mittel, um den Ursprung des bis heute andauernden Nahostkonflikts besser zu verstehen. Ich vergebe 4,5 von 5 Dunam.

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3 Kommentare zu “Leon Uris – Exodus

  1. […] einer palästinensischen Version der Exodus die Rede, wenn das Leon Uris, dem Autoren jenes großen „Epos um die Gründung Israels“ noch erlebt […]

  2. Sara Kreuter sagt:

    Hallo…
    ich suche Sekundärliteratur zu diesem Buch (Leon Uris, Exodus).
    Bin ziemlich verzweifelt, weil ich nichts finden kann…
    Wäre nett, wenn Sie mir da weiterhelfen könnten,
    vielen Dank,
    Sara

  3. Myriel sagt:

    Hallo Sara,
    selbst gelesen habe ich noch keine Sekundärliteratur zu diesem Buch. Falls Sie sich speziell für das Schiff „Exodus“ und sein Schicksal interessieren, dann listet der Wikipedia-Artikel dazu einige Literatur auf. Hinsichtlich der Geschichte der Gründung Israels gibt es drei Bücher von Tom Segev, die vielversprechend erscheinen. Sie sind alle beim Pantheon-Verlag erschienen, wo es jeweils eine recht umfangreiche Leseprobe gibt.
    Ich hoffe, dass hilft Ihnen etwas weiter.

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