Peter V. Brett – Das Lied der Dunkelheit

Jede Nacht steigen die Horclinge aus dem Boden – grausame Dämonen, die sich über alle Menschen hermachen, die sie finden können. Der einzige Schutz gegen sie sind geheimnisvolle Siegel aus alten Zeiten, die zwar überliefert wurden, aber das Wissen um deren Magie ging verloren. So bleibt den Menschen nur die Möglichkeit, sich jede Nacht in ihren Häusern zu verbarrikadieren und darauf zu achten, dass die Siegel, die ihr Haus schützen, intakt sind.

Arlen ist ein 11jähriger Junge, der eine besondere Begabung hat, Siegel zu zeichnen. Doch seine Kunst hilft ihm nicht dabei, als seine Mutter eines abends kurz nach Sonnenuntergang außerhalb des sicheren Hauses angegriffen wird und sein Vater nichts zu ihrer Rettung unternimmt. Daraufhin beschließt er, sich auf die Suche nach Menschen zu machen, die noch nicht aufgegeben haben sondern in denen der Kampfgeist noch existiert. Der Kurier Ragen findet ihn und nimmt ihn mit in eine der freien Städte, wo Arlen ebenfalls zum Kurier ausgebildet werden will, weil sie die einzigen Menschen darstellen, die genügend Mut haben, um die langen Wege zu den verstreut liegenden Dörfern und die damit verbundene Gefahr auf sich zu nehmen.

In einem anderen Dorf wird die 13jährige Leesha von ihrem Freund Gared hintergangen, der eine Lüge über sie verbreitet. Aus Gram über diesen Verrat nimmt sie das Angebot der Heilerin Bruna an und beginnt eine Ausbildung bei der sonderbaren Frau.

Die dritte Hauptperson des Buches ist der zu Beginn erst 3jährige Rojer. Beinah das gesamte Dorf, in dem er gelebt hat, wird aufgrund der Unachtsamkeit des örtlichen Bannzeichners während einer Nacht von den Horclingen ausgelöscht und nur der Junge und der den gerade durchreisenden Kurier begleitende Jongleur Arrick überleben das Gemetzel. Dieser nimmt Rojer bei sich auf und der Junge tritt bald in dessen Fußstapfen und beginnt eine Ausbildung zum Jongleur.

Jahre später sind alle drei herangewachsen und (fast) erwachsen geworden. Arlen hat sich seinen Traum erfüllt und ist als Kurier in der Welt unterwegs, immer auf der Suche nach Freiheit und den sagenumwobenen alten Kampfsiegeln, mit denen man die Horclinge besiegen kann. Gleichzeitig ist Leesha zu einer talentierten Kräutersammlerin geworden, die von ihrer Ausbilderin in eine der freien Städte geschickt wurde, wo sie ihr Wissen vervollständigen soll. Rojer ist derweilen ein begnadeter Musiker geworden, doch der Neid eines anderen Jongleurs macht ihm und seinem Meister zu schaffen.

Bis sich die drei getrennten Handlungsstränge endlich treffen dauert es über 600 Seiten – 600 Seiten, die zwar dank des flüssigen Schreibstils des Autors recht schnell dahin ziehen, aber dennoch weit über zwei Drittel des Buches ausmachen. Obwohl man als Leser während der Zeit einiges über die drei Hauptcharaktere erfährt und sie streckenweise beim Erwachsenwerden begleiten kann, dauerte es mir einfach zu lange. Zudem stand bereits sehr früh fest, welchen Weg Arlen, Leesha und Rojer jeweils einschlagen würden, so dass sich die Zeit, bis sie an ihren vorbestimmten Positionen eintrafen, für meinen Geschmack zu sehr in die Länge zog. Insbesondere in Rojers Fall wirkten einige Verwicklungen aufgesetzt und sollten offenbar dazu dienen, Spannung aufzubauen – für mich waren sie jedoch eher ermüdend.

Die Zeitsprünge, die hin und wieder vorkommen, ersparen es dem Leser zum Glück, jede Kleinigkeit während der gut 1 ½ Jahrzehnten mitzuerleben, die während des Buches ins Land gehen. Statt dessen schildert Brett verschiedene Stationen im Leben seiner Hauptpersonen – meist solche, die eine Bedeutung für ihren weiteren Lebensweg besitzen. Während der rastlose Arlen, der seinen Träumen mit einer grenzenlosen Verbissenheit hinterher jagte, noch sympathisch war, konnte mich die verbitterte Version seines erwachsenen Selbst nicht mehr berühren. Die Entwicklung, die er durchgemacht hat, ist zwar in gewissen Grenzen nachvollziehbar, aber was Brett in den ersten zwei Dritteln seines Buches zu ausführlich war, hat mir hier gefehlt. Störend empfand ich auch, dass Arlen gegen Ende hin nicht mehr mit seinem Namen angesprochen wird, sondern nur noch als der „tätowierte Mann“ bzw. der Mann auftritt. In Gesprächen mit Dorfbewohnern ist es noch verständlich, aber warum verzichtet Brett darauf, ihn in seinen Beschreibungen bei seinem Namen zu nennen, vor allem wo die Leser doch um seine Identität wissen?

Einen Pluspunkt gibt es von mir für die Karte, die am Anfang und Ende des Buches abgedruckt ist. Sie bietet einen guten Überblick über die Gegend der Welt, in denen sich die Handlung abspielt und man kann als Leser gut nachvollziehen, wohin es die Personen gerade verschlägt. Die Idee, die der ganzen Geschichte zugrunde liegt, ist ebenfalls interessant: die Menschen haben einst die Horclinge unter der Führung eines Messias besiegt und wurden daraufhin von ihren nächtlichen Angriffen verschont. Sie entwickelten eine fortschrittliche Zivilisation, in der die Wissenschaften blühten, aber das Wissen um die Magie der Siegel beinah komplett verloren ging. Als die Horclinge dann plötzlich wiederkamen, waren die schutzlosen Menschen eine leichte Beute. Schade, dass man bisher kaum etwas über die Siegel erfahren hat – es gibt sie einfach und sie funktionieren, wenn sie korrekt gezeichnet sind. Hoffentlich geht Brett in den beiden nächsten Bänden seiner Trilogie näher darauf ein.

Das Ende des Buches deutet sich ein weiterer Konflikt an, der wohl im Folgeroman „Das Flüstern der Nacht“ das Geschehen bestimmen wird. Da ich trotz der genannten Kritikpunkte neugierig bin, wie es mit Arlen, Leesha und Rojer weiter geht und die langwierige Phase der Einführung der Charaktere abgeschlossen ist, werde ich den Nachfolger auf alle Fälle lesen, wenn er den Weg zu mir findet. Für diesen Roman gibt es von mir 3 von 5 Speeren.

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