Nathacha Appanah – Der letzte Bruder

Der kleine Raj ist der mittlere von drei Brüdern. Gemeinsam mit ihren Eltern leben sie im Norden der Insel Mauritius und der Vater ernährt die Familie mit dem, was er auf den Zuckerrohrfeldern verdient. Doch bei einem Unwetter sterben Rajs beide Brüder und nur er, der schwächste der drei, überlebt – er ist der letzte Bruder. Daraufhin zieht die kleine Familie weg nach Beau-Bassin, wo Rajs Vater eine Stelle im örtlichen Gefängnis erhält. Nach einem der Wutausbrüche seines Vaters ist Raj schwer verletzt und muss im Krankenhaus des Gefängnisses behandelt werden. Dort trifft er auf den Jungen David, einen erst 10 Jahre alten Blondschopf, von dessen goldenen Locken er völlig fasziniert ist. Während seines Krankenhausaufenthaltes freunden sie sich miteinander an und Raj findet in David einen neuen Bruder, mit dem er alles teilen kann. Doch nachdem Raj wieder gesund ist, steht der Stacheldrahtzaun des Gefängnisses zwischen den beiden Jungs und Raj kann nur ab und zu einen Blick auf David erhaschen. Erst ein furchtbarer Sturm, der unter anderem auch den Gefängniszaun beschädigt, bringt beide Jungs wieder zusammen und gemeinsam fliehen sie vor den Polizisten, die nach David suchen, und Raj rachsüchtigem Vater, der sich durch die Taten seines Sohns gedemütigt fühlt. Doch David leidet an Malaria, die ihn schwächt und jeden Schritt schwerer macht, bis er nicht mehr weiter kann.

An all dies erinnert sich der alte Raj, nachdem ihm David in einem Traum erschienen ist. Er überwindet seine Furcht und besucht den Friedhof bei Beau-Bassin, wo David neben anderen Juden begraben wurde. Erst spät erfuhr Raj, warum David und die anderen Juden in Beau-Bassin festgehalten wurden, warum sie überhaupt nach Mauritius gekommen waren und woher sie geflohen sind. Für seine Erzählung von der Freundschaft, die ihn mit David verbunden hat, sind diese Dinge jedoch von untergeordneter Bedeutung. Einen wesentlich größeren Einfluss auf sein Verhalten haben der Verlust seiner Brüder, die dadurch entstandene Lücke in seinem Leben und das ganze familiäre Umfeld mit dem gewalttätigen Vater, welche Raj überhaupt erst dazu verleitet haben, in Davids Gesellschaft ein erfüllteres Leben zu suchen, einen Ersatz für seine Brüder. Dass er mit seinen Wünschen, die für ihn in seinem kindlichen Egoismus oberste Priorität haben, keine Rücksicht auf Davids eigene Bedürfnisse nimmt und ihn damit indirekt in den Tod getrieben hat, lastet schwer auf Rajs Gewissen. Diese Schuldgefühle überschatten die ganze Erzählung und verleihen selbst den wenigen positiven Momenten eine melancholische Note, was das Buch zu keiner leicht verdaulichen Lektüre macht.

Erwähnenswert ist noch der geschichtliche Hintergrund der Geschichte, von dem man hier selten etwas vernimmt: auf Mauritius waren ab 1940 über 1.500 Männer, Frauen und Kinder als „illegale“ Einwanderer im Gefängnis untergebracht, welchen zuvor von der britischen Mandatsmacht die Einreise nach Palästina versagt worden war. Obwohl die Unterbringung der Juden nicht absichtlich menschenunwürdig war, litten viele unter den Repressionen, denen sie ausgesetzt waren. Erst im Sommer 1945 endete die Internierung der überlebenden Juden und ihnen wurde die lang ersehnte Einreise nach Palästina gestattet, wo die ersten im August 1945 eintrafen.

Fazit: Obwohl das Buch nur knapp 200 Seiten umfasst, besitzt es mehr Substanz als viele umfangreichere Romane und damit hat es einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dafür vergebe ich 5 von 5 Mangos.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s