Marcel Reich-Ranicki – Mein Leben

Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, welcher vor einem Jahr bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Schlagzeilen machte, indem er den Preis für sein Lebenswerk unter Verweis auf die Qualität des deutschen Fernsehens ausschlug, hat unter dem Titel „Mein Leben“ seine Autobiografie verfasst.

Geboren wurde Marcel Reich 1920 im polnischen Włocławek, wo er auch seine ersten Lebensjahre verbrachte. Nach dem Bankrott des Vaters siedelte die Familie nach Berlin um, wo Reich das Gymnasium besuchte und trotz der zunehmenden antisemitischen Repressalien der Nazis 1938 sein Abitur machen konnte. Sein Immatrikulationsantrag an der Berliner Universität wurde jedoch abgelehnt und Ende 1938 wurde Reich nach Polen ausgewiesen.

In Warschau wurde er 1940 zur Umsiedlung ins Getto gezwungen, wo er seine spätere Frau Tosia kennen lernte. Aufgrund seiner Arbeit für den Ältestenrat, welcher das Getto regierte, wurde er von den ersten Deportationen verschont, doch als absehbar war, dass das gesamte Getto aufgelöst werden und alle Einwohner verschleppt werden sollten, wagte er mit seiner Frau die Flucht. Bis zum Einmarsch der Roten Armee in Polen versteckten sie sich bei einem arbeitslosen Schriftsetzer.

Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitete Reich für die polnische Geheimpolizei, später wurde er an die polnische Botschaft nach London entsandt. Wegen der negativen Assoziationen mit seinem Nachnamen Reich nannte er sich Marceli Ranicki. Ende 1949 wurde er aus London abberufen und wegen angeblicher ideologischer Entfremdungen diversen Repressalien ausgesetzt, u.a. der Ausschluss aus der kommunistischen Partei und zeitweiliger Einzelhaft.  Er beschloss, sich nach seiner Entlassung seiner großen Liebe, der Literatur zu widmen und betätigte sich als Schriftsteller, was ihm jedoch durch ein mehrjähriges Publikationsverbot erschwert wurde. Wegen der widrigen Umstände entschloss sich Ranicki zur Aussiedlung in die BRD, wohin ihn seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn aus einem London-Urlaub folgten.

Aufgrund früherer Kontakte mit westdeutschen Schriftstellern, welche er bei ihren Besuchen in Warschau betreut hatte, konnte Reich-Ranicki rasch Fuß fassen und eine Stelle als Literaturkritiker bei der FAZ antreten. Sein lang gehegter Traum hatte sich endlich erfüllt. Später wechselte Reich-Ranicki von der FAZ zur Zeit und initiierte im ZDF die Sendung „Das literarische Quartett“, mit der er zum bekanntesten deutschen Literaturkritiker wurde.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich meine Bedenken ob der Schwierigkeit des Textes, die sich zum Glück nicht bestätigt haben. Reich-Ranicki schreibt gut verständlich und anschaulich. Schon seit seiner Kindheit und Jugend in Berlin fühlt er sich den deutschen Schriftstellern verbunden. Dies wird schon allein daran deutlich, wie er seine ersten Begegnungen mit den Texten von May, Kästner und Hauptmann schilderte, wobei er zugegebenermaßen mit May wenig anfangen konnte.

Obwohl sich Reich-Ranicki um eine chronologische Schilderung bemüht, wird diese oft von Vorausblicken unterbrochen, in denen er meist spätere Begegnungen mit seinen jugendlichen Idolen beschreibt. Manchmal erfährt die frühere Begeisterung neuen Auftrieb, doch manchmal folgt auch eine Ernüchterung. Auf jeden Fall bietet Reich-Ranicki so interessante Einblicke in die Welt der Schriftsteller und ihre Wesenszüge ebenso wie in das Reich des Feuilletons, in dem er später tätig wird.

Als einzige Phase, in der die Literatur zurücktritt, fällt die Zeit im Warschauer Getto und die Jahre der Besatzung Polens durch die Nazis auf. Obwohl seine Begeisterung für deutsche Schriftsteller, insbesondere die alten und modernen Klassiker, keinen Abbruch erfährt, steht die Sorge um sein eigenes Überleben und das seiner Frau höher als sein Hunger nach Literatur und seiner zweiten Leidenschaft, dem Theater. Durch seine Tätigkeit im Ältestenrat kann Reich-Ranicki wertvolle Einblicke in die Verwaltung des Gettos geben und auch in die Geschehnisse während der Vorbereitung der Auflösung des Gettos.

Insgesamt gesehen waren meine Befürchtung angesichts dieses Buches unzutreffend, denn Reich-Ranicki hat eine meist spannende Biografie vorgelegt, in der er auch seiner Begeisterung für Literatur eine Stimme gibt. Insbesondere Bücherwürmer werden von der Lektüre zahlreiche Lesetipps mitnehmen können. Ich vergebe 4 von 5 Manuskripte.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s