J.R.R. Tolkien – Der Herr der Ringe

Der Hobbit Bilbo Beutlin, einigen Lesern bereits aus „Der Hobbit“ bekannt, ist in die Jahre gekommen und beschließt daher, seine Habseligkeiten an seinen Neffen Frodo zu vererben und sich selbst noch einmal auf die Reise zu begeben. Unter seiner Habe befindet sich auch ein Zauberring, der seinen Träger unsichtbar machen kann. Der Zauberer Gandalf findet heraus, dass es nicht nur irgendeiner der Zauberringe seiner Zeit ist, sondern der Eine Ring selbst, der vom dunklen Herrscher Sauron geschmiedet wurde und nach dem er jetzt sucht, um sein einst besiegtes Terrorregime erneut zu errichten. Seine Diener haben in Erfahrung gebracht, dass ein Hobbit namens Beutlin im Besitz des Ringes ist und suchen nun überall nach Frodo. Deswegen macht er sich gemeinsam mit seinen Freunden Sam, Merry und Pippin auf den Weg nach Bruchtal, wo ein Rat aus den Vertretern aller freien Völker Mittelerdes (Menschen, Elben, Zwerge und Hobbits) über das weitere Vorgehen entscheiden soll.

Doch bereits auf dem Weg dorthin geraden die Hobbits in arge Bedrängnis, denn die Ringgeister, Saurons gefährlichste Untergebene, sind ihnen dicht auf den Fersen und nur dank des Waldläufers Aragorn gelangen sie unter großen Mühen nach Bruchtal, in das Reich des Elben Elrond, wo schließlich beschlossen wird, den Ring zu vernichten. Dies ist jedoch nur dort möglich, wo er einst geschmiedet wurde: in den Schlünden des Schicksalsberges, tief im Reich des Feindes. Neun Gefährten machen sich auf den gefährlichen Weg, um das unmöglich Scheinende zu versuchen, doch sie geraten bald an ihre Grenzen.

Das erst als Geheimtipp unter Amerikas Studenten der 1960er Jahre bekannt gewordene Werk, welches mittlerweile Kultstatus genießt, besteht aus 6 Büchern, welche zumeist in 3 Bänden veröffentlicht wurden, sowie den Anhängen. Die von mir gelesene Fassung erschien ebenfalls in 3 Bänden und wurde von Margaret Carroux übersetzt. Die Sprache ist eher altmodisch gehalten und weist auch hauptsächlich längere Sätze auf, die teilweise in Satzungetüme ausarten. Inhaltlich werden nicht nur die Erlebnisse der Ringgemeinschaft erzählt, sondern Tolkien hat sehr viele und detaillierte Beschreibungen eingeflochten, die die Geduld mancher Leser sehr strapazieren könnten. Das beginnt bereits am Anfang des ersten Buches mit dem Kapitel „Über Hobbits“: während einige Leser vermutlich nicht am Alltagsleben und den Eigenarten der Hobbits interessiert sind und sich wünschen werden, dass die Handlung endlich in Fahrt kommt, habe ich dies sehr genossen, da hier auch die Grundlagen für spätere Geschehnisse gelegt werden bzw. man mit diesem Wissen im Hinterkopf einige Entscheidungen der Hobbits besser verstehen kann. Auch die ausführlichen Landschafts- und Personenbeschreibungen verleihen der Geschichte meiner Meinung nach mehr Tiefe und ich konnte mir die jeweilige Situation besser vorstellen.

Was die Charaktere angeht, so gibt es Positives wie Negatives aus meiner Sicht anzumerken: mit einigen Personen konnte ich sehr gut mitfühlen und sie waren mir sympathisch, wobei dies vor allem Frodo und Sam betrifft, die eine erstaunliche, aber dennoch äußerst glaubwürdige Entwicklung während ihre kräftezehrenden Reise durchmachen. Andere Mitglieder der Ringgemeinschaft waren für mich jedoch nur Statisten bzw. „Quotenelben“ und „Quotenzwerge“. Legolas und Gimli blieben für mich ziemlich flach und waren nur als Weggefährten von Aragorn präsent. Besonders ambivalent waren hingegen die Menschen aus Gondor und Rohan angelegt. Was schon in Bormirs Charakter deutlich wird, setzt sich später bei Theoden und Denethor fort, denn alle sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihrem Volk zu helfen und Sauron zu besiegen, und der Verlockung, die vom Ring ausgeht sowie der generellen Bedrohung, die die aktuelle Lage für sie und ihre Stellung bedeutet. Absolut unterrepräsentiert sind bei allen Völkern die Frauen. Abgesehen von der Elbin Arwen und Eowyn aus Rohan hat lediglich Galadriel von Lothlorien eine bedeutsame Rolle inne, die jedoch im Gegensatz zu denen der männlichen Recken verblasst. Über die Bösen gibt es nicht viel zu sagen, außer dass sie die Bösen sind. Warum, weshalb und wieso wird nur mit dem Stichwort Machtgier zu erklären versucht – reichlich dünn.

Keineswegs dünn ist hingegen das mythologische und historische Gerüst, auf dem der Herr der Ringe ruht. Durch viele Lieder, Gedichte und Sagen erhält man einen bruchstückhaften Einblick in die Vergangenheit Mittelerdes, über die sich Tolkien teilweise schon lange vor der Niederschrift des Herrn der Ringe Gedanken gemacht hat und was man auch beim Lesen spürt. Auch seine Passion als Sprachwissenschaftler findet in den verschiedenen Sprachen Niederschlag, welche im Roman vertreten sind und selbst hinter diversen Ortsnamen steckt eine Geschichte. Diese werden allerdings selten erwähnt, sondern maximal angedeutet, so dass die Handlung nicht allzu sehr ins Stocken gerät. Wer sich näher mit den Hintergründen Mittelerdes auseinandersetzen möchte, dem stehen mehrere weitere Veröffentlichungen Tolkiens (u.a. das Silmarillion, Nachrichten aus Mittelerde oder das Buch der verschollenen Geschichten) zur Verfügung, in denen sie sich vertiefen können. Alle anderen können diese Andeutungen im Herrn der Ringe allerdings auch einfach übergehen und sich auf die Queste konzentrieren, die Frodo und seine Gefährten unternehmen.

Was die Handlung an sich angeht, so ist deren Fortgang in seinen Grundzügen vorhersehbar, aber wie genau die einzelnen Ereignisse ineinander greifen und schließlich zum großen Finale führen, ist spannend zu verfolgen. Gewöhnungsbedürftig ist, dass sich Tolkien nach dem Zerfall der Ringgemeinschaft dazu entschlossen hat, sein Augenmerk nicht aller paar Seiten wieder anderen Protagonisten zu schenken, sondern er widmet das gesamte 3. und 5. Buch den verbleibenden Gefährten, während er im 4. und dem Großteil des 6. Buches einzig und allein Frodos und Sams Weg nach Mordor folgt. Für mich war das eine erfreuliche Abwechslung von der Angewohnheit einiger zeitgenössischer Fantasyautoren, durch schnelle Perspektivwechsel mit zahlreichen Cliffhangern künstlich Spannung erzeugen zu wollen.

Insgesamt gesehen scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: man liebt Tolkiens Monumentalwerk – oder man kann ihm nichts abgewinnen. Ich kann zwar verstehen, dass sich manche Leser von den vielen Beschreibungen gelangweilt fühlen und auch die Handlung als stereotyp ansehen. Allerdings muss man bedenken, dass der erste Band des Herrn der Ringe schon 1954 veröffentlich wurde. Ich selbst zähle eindeutig zu den Liebhabern des Herrn der Ringe, denn trotz der angesprochenen Schwächen bei den Charakteren und des ungewöhnlichen Aufbaus bin ich fasziniert von Tolkiens Schöpfung Mittelerde und den dort stattfindenden Ereignissen. Während ich also mit Frodo und Aragorn mitfieberte, habe ich mich gleichzeitig über jede Möglichkeit gefreut, einen Blick hinter den Vorhang werfen zu können und etwas über die früheren Zeitalter zu erfahren. Von mir gibt es daher (wohl nicht verwunderlich) 5 von 5 neu geschmiedete Schwerter.

P.S. Wem sich mit den Büchern schwer tut, dem seien die Adaptionen von Peter Jackson ans Herz gelegt. Zwar weicht er in einigen Punkten von der Romanvorlage z.T. sogar sehr deutlich ab, aber sie sind dennoch ein Augenschmaus und der Soundtrack, komponiert von Howard Shore, ergänzt die Filmbilder und Stimmungen hervorragend.

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Ein Kommentar zu “J.R.R. Tolkien – Der Herr der Ringe

  1. Kaddl sagt:

    Hallo Myriel,
    ich habe den Herrn der Ringe zweimal gelesen; was mich ganz besonders fasziniert, ist die Parallele zu der eigenen Innenwelt mit dem Kampf zwischen Gut und Böse und der Hauptperson Frodo, die gerade in seiner Einfachgestrickheit erst würdig ist, den gefährlichen Ring auf sich zu nehmen. Dieser Roman hat mich sicher durch meine gefährliche Jugend getragen. Er hat mir Zuversicht, Mut und Trost gegeben. Wahrlich ein Stück Lebensbegleitung!
    Was die Verfilmung betrifft, finde ich die verschiedenen Szenen sehr korrekt umgesetzt, nur die Musik paßt leider gar nicht.
    Gruß, Kaddl

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