Éric Liberge – Monsieur Mardi-Gras: Unter Knochen

Nachdem ich bereits hier über den ersten Band dieser vierteiligen Comic-Reihe berichtet habe, gibt es nun eine Sammelrezi zur gesamten Serie, bestehend aus:

  • Band 1: Willkommen
  • Band 2: Das Teleskop von Charon
  • Band 3: Das Land der Tränen
  • Band 4: Die Formel der Wiederauferstehung

Der Kartograf Victor Tourterelle stirbt in der Nacht zwischen Mardi-Gras und Aschermittwoch, als er im Bad auf einem Modellauto seines Sohnes ausrutscht und sich auf dem Badewannenrand das Genick bricht. Das Jenseits, in dem er sich wieder findet, hat er sich allerdings anders vorgestellt, nicht wie eine endlose graue Wüste unter einem tintenschwarzen Himmel, in dem eine blasse Lichtquelle schwebt. Der Postbote 23, welcher ihm seine postmortale Registriernummer aufstempelt, kann ihm keine Antworten auf seine drängenden Fragen geben, aber immerhin nimmt er ihn in die Stadt mit. Dort wird er immer weiterer Illusionen beraubt, wogegen er mit einer leidenschaftlichen Rede aufbegehrt. Abgesehen vom Verlust seiner Schädeldecke, die er mit der Abdeckung einer Kaffeemühle ersetzt, bringt ihm das die Aufmerksamkeit einer Geheimorganisation ein, die sich dem Verbot widersetzen und eine Karte ihres Aufenthaltsortes anfertigen möchte.

In der Folge versucht die Organisation mit ihren weitreichenden Kontakten seine Wünsche nach Arbeitsmaterial zu erfüllen, wozu sie ihm unter anderem das große Teleskop von Charon zur Verfügung stellen. Rebellisch wie Mardi-Gras allerdings ist, nimmt er bald das Angebot des Seelenbestatters Nr. 67 an und begleitet ihn auf einen Drink zu seinen Kollegen. Die Seelenbestatter sind diejenigen, die heimlich mit ihren Schiffen den schwarzen Himmel durchqueren und die Seelen einsammeln, die sich von der Erde aus auf die Reise gemacht haben. Während alle anderen in der grauen Einöde gefangen sind, haben sie mit ihren Schiffen noch die größte Bewegungsfreiheit, allerdings um den Preis der Geheimhaltung ihrer Arbeit.

Währenddessen kommt in der Stadt eine Lawine ins Rollen, die Mardi-Gras, mittlerweile gesuchter Revolutionär, unwissentlich mit seinem Aufbegehren gegen das untote Leben ins Rollen gebracht hat. Die Verschwörer, die ihn auf ihre Seite ziehen wollen, planen den Umsturz des Septuagesimae, des Oberhaupts der Stadt, wozu sie die Bevölkerung aufwiegeln und bürgerkriegsähnliche Zustände auf den Straßen fördern. Als Mardi-Gras und der Seelenbestatter Nr. 67 von dieser Entwicklung erfahren, beschließen sie mit dem Schiff des Seelenbestatters und dem Teleskop von Charon an Bord von der Station der Seelenbestatter zu fliehen. Ein mysteriöser Brief, der Mardi-Gras erreicht, lenkt sie dabei zum Fluss Lethe, dem Mardi-Gras folgen muss, um seine Seele, die ihm zu Beginn seines Aufenthalts in der Totenwelt gestohlen wurde, wiederzuerlangen. Unter dem Einfluss von Kaffee, der auf die Skelette wie eine halluzinogene Droge wirkt, hat er eine Vision vom Aufbau des Jenseits, die aus 7 Tränenkreisen besteht. Der Weg zu seiner Seele führt ihn auf eine Reise durch diese Kreise in sein Bewusstsein und seine Vergangenheit, bei der er mit seinen Verfehlungen und Charakterschwächen konfrontiert wird, immer auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Fegefeuer.

Die vielschichtige Handlung kann ich mit diesen groben Zusammenfassungen nicht annähernd korrekt wiedergeben. Die verschiedenen Parteien agieren selbst im Fegefeuer noch zutiefst menschlich, indem sie ihre eigenen Interessen verfolgen, die entweder in Machtzuwachs oder im Erhalt des Status Quo liegen. Das große Geheimnis, um das sich letztendlich alles dreht, ist dabei die Wahrheit über das Fegefeuer. Warum ist es so anders, als  die konventionelle Vorstellung davon? Warum ähnelt es weder Paradies noch Hölle, sondern ist nichts außer einer grauen Einöde? Und warum sind die ältesten Seelen erst seit ungefähr 400 Jahren dort, wo es die Menschheit doch schon seit Jahrzehntausenden gibt?

Der Wandel der Erzählung von ihren humoristischen Anfängen hin zu philosophischen Betrachtungen über die Unsterblichkeit der Seele und das, was auf sie nach dem Tod wartet, wird von einer Veränderung der Zeichnungen begleitet. Zu Beginn dominierten klare Zeichnungen in Grautönen, während später das Farbschema schrittweise aufgelockert wird durch Hinzunahme von Beige- und Blautönen, ebenso wie die klaren Konturen in den Passagen von Mardi-Gras Visionen zugunsten von feineren Zeichnungen zurücktreten.

Éric Liberges Comic ist insgesamt eine anspruchsvolle und vielschichtige Geschichte, bei der ich beim ersten Lesen noch weit nicht alle Anspielungen und Zusammenhänge verstanden habe und die ich noch mehrmals lesen muss, um sie gebührend würdigen zu können. Doch schon jetzt kann ich sagen, dass sie sowohl inhaltlich als auch stilistisch zu beeindrucken weiß, sobald man sich auf den Comic einlässt. Das ist mir 4 von 5 Prisen leuchtenden Staubs wert, mit der Aussicht, dass diese Bewertung sich nach einem Re-read noch verbessert könnte.

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