Sinan Antoon – Irakische Rhapsodie

Das Ministerium des Innern, Direktion der Staatssicherheit, Sektion Bagdad, hat ein Manuskript gefunden, welches zum Teil in einer Art Geheimschrift verfasst wurde. Der mit der Entschlüsselung des Texts beauftragte Genosse taucht dabei in die Erlebnisse von Furât, der  sich den weißen Blättern anvertraut hat, die ihm von einem Mitgefangenem zugesteckt wurden.

Als Ich-Erzähler nimmt Furât den Leser mit auf eine Odyssee durch seine Gedanken, wobei er immer wieder wirr in der Zeit hin- und herspringt und so ein Panorama seine Welt zeichnet. Furât ist Anglistikstudent an der Universität Bagdad, wo er mit abstrusen Verordnungen und zahlreichen angeordneten Massenversammlungen zu kämpfen hat. Er will sich nicht dem totalitärem Regime unterordnen und verfasst daher einige regimekritische Artikel und gibt auch hin und wieder Witze auf Kosten der Diktatur zum besten. Einerseits lernt er so seine Geliebte kennen, die ihn für seinen Mut und seine Offenheit bewundert. Andererseits bringt er sich selbst dadurch in größte Gefahr, denn selbstverständlich sind seine kritischen Äußerungen alles andere als erwünscht. So kommt es, dass eines Tages der Sicherheitsoffizier und ein weiterer Genosse Furât bitten, sie zu einer Befragung zu begleiten. Natürlich ist allen Beteiligten klar, was das bedeutet, doch welche andere Chance hat Furât, als ihrer Bitte folge zu leisten? Er landet im berüchtigten Gefängnisses der Staatssicherheit, wo er erniedrigt und gefoltert wird – sowohl seelisch als auch körperlich. Das einzige, was ihn aufrecht hält, sind die Blätter, denen er seinen Schmerz und seine ohnmächtige Wut anvertrauen kann. Doch auch in dieser Hinsicht lebt er in dauernder Angst, dass die Blätter entdeckt werden könnten und ihm nur noch weitere Folter bevorsteht.

Vieles in diesem Roman wird nicht ausdrücklich gesagt und doch ist immer klar, was gemeint ist. So werden weder die Folter noch andere Grausamkeiten explizit oder gar detailliert geschildert und doch weiß der Leser, was Furât alles ertragen muss. Die Wechsel zwischen den Erinnerungen Furâts und seinen Erlebnissen in der Gegenwart sind, obwohl ebenfalls nicht ausdrücklich kenntlich gemacht, eindeutig erkennbar, da ein solcher Zeitsprung häufig mit der gleichen Formulierung eingeleitet wird.

Positiv aufgefallen ist mir, dass zu Beginn des Buches in einer Vorbemerkung der Übersetzer das arabische Schriftsystem erläutert und die Bedeutung der Hinzufügung und Auslassung von Punkten für die verschiedenen Bedeutungen von Schriftzeichen dargestellt wird. Für europäische Leser ist das eine sehr wichtige Ergänzung des Buches, ohne die nicht deutlich geworden wäre, auf welche Art und Weise Furât seine Aufzeichnungen verschlüsselt hat. Die Anmerkungen zu einigen bedeutenden arabischen Schriftstellern und ihren Werken, die hierzulande weitestgehend unbekannt sein dürften, haben Furâts Aufzeichnungen ergänzt.

Obwohl das Thema alles andere als leichte Lektüre ist und ich beim Lesen oft schlucken musste angesichts der Gräueltaten und der Selbstverständlichkeit, mit der diese begangen wurden, habe ich das Buch mit seinen 133 Seiten in einem Zug gelesen. Es ist ein sehr bedrückendes Zeugnis der heute noch existierenden Mechanismen einer Diktatur für welches ich 4 von 5 Rosen vergebe.

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