Javier Marías – Mein Herz so weiß

Eine ganz normale Szene: die Familie sitzt gemeinsam mit einigen Bekannten am Mittagstisch und lässt es sich schmecken. Als die älteste Tochter sich erhebt und ins Badezimmer geht, denkt sich noch niemand etwas dabei – bis der Schuss ertönt. Die herbeieilenden Familienangehörigen finden nur noch die Leiche der Tochter, die sich mit einem Schuss ins Herz das Leben nahm. Worauf jedoch keiner eine Antwort weiß, ist warum sie es getan hat.

Beinah vier Jahrzehnte später: der Witwer der Tochter hat erneut geheiratet (und zwar die zweite Tochter der Familie) und der Sohn, der aus dieser Verbindung hervorging, befindet sich selbst gerade auf der Hochzeitsreise. Dieser Ich-Erzähler macht sich Gedanken darüber, welche Auswirkung die „Änderung des Personenstands“, wie er es nennt, auf sein zukünftiges Leben haben wird, da sich nun zwei Individuen zu einem gemeinsamen Leben entschlossen haben.

Im Zuge seiner teilweise sehr philosophischen Überlegungen erinnert er sich auch daran, dass die erste Frau seines Vaters, seine Tante, sich kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Leben nahm. In den folgenden Kapiteln schildert er abwechselnd die Erinnerungen an seine Frau, wie sie sich kennen lernten und an ihre gemeinsame Arbeit als Übersetzer und Dolmetscher, während er zwischendurch immer wieder in die Gegenwart zurückkehrt und dort stückweise von verschiedenen Personen Informationen über den Tod seiner Tante erhält. Es kommt heraus, dass sein Vater ihm mehr verschwiegen hat, als er bisher annahm, denn offenbar war er vor der Hochzeit mit seiner Tante bereits einmal verheiratet gewesen. Die Frau des Ich-Erzählers fühlt sich vom Familiengeheimnis ihres Mannes angezogen und drängt ihn, mehr über die Vergangenheit herauszufinden. Schließlich wagt sie selbst den entscheidenden Schritt und fragt direkt ihren Schwiegervater, was damals wirklich geschah.

Wie deutlich geworden sein dürfte, beinhaltet dieser Roman keine aufregende Handlung, sondern auf eine subtilere Art wird hier Spannung geschaffen. Der Einstieg über den Selbstmord der jungen Frau lies mich ratlos zurück und ich fragte mich, warum sie so etwas tat, was sie dazu getrieben hat. Der anschließende Zeitsprung hat mich noch mehr verwirrt, da ich nicht wusste, in welcher Beziehung der nun auftretende Ich-Erzähler zu der Selbstmörderin steht. Durch die folgenden Kapitel wurden jedoch nach und nach Puzzlestücke aufgedeckt, die mir halfen, langsam ein Bild des großen Ganzen zu erhalten.

Marías nutzt entsprechend der ruhigen Erzählart eine unaufgeregte, beinah philosophische Sprache und spielt viel mit Gegensätzen und Aufzählungen, wobei ein Satz auch gern einmal eine halbe Seite umfasst. Dadurch muss man sich auf Lesen konzentrieren und sich wirklich auf das Buch einlassen, wobei man mit einigen wirklich schönen und nachdenklichen Passagen belohnt wird. Zum Ende hin, als der Vater des Ich-Erzählers seine „Beichte“ ablegt und seine Schwiegertochter (und unwissentlich den im Nebenraum verweilenden Sohn) darüber aufklärt, warum sich seine zweite Frau das Leben nahm, springt Marías auf zwei verschiedenen Ebenen hin und her. Einerseits hört der Ich-Erzähler seinem Vater zu, aber gleichzeitig verarbeitet er auch das Gehörte und kommt dabei auf verschiedene Gedanken zurück, die er bereits in anderen Kapiteln vor dem Leser ausgebreitet hat. Dieses zweigleisige Erzählen unter Rückgriff auf den exakten Wortlaut früherer Abschnitte hat die Wirkung, die die Antwort auf die Eingangsfrage „Warum?“ auf den Sohn hat, intensiviert und sich auf mich als Leser übertragen. Im Ergebnis blieb ich ebenso ratlos und verwirrt zurück wie der Ich-Erzähler Juan, dessen Namen man erst sehr spät erfährt.

Eine Bewertung fällt mir hier schwer, da ich noch nichts Vergleichbares gelesen habe. Auf jeden Fall war es eine Bereichung meines bisherigen Leserlebens, für die ich wohl 4 von 5 Videobändern vergebe würde und nach der ich Jedem, der experimentierfreudig auf der Suche nach der etwas anderen, anspruchsvollen Lektüre ist, empfehle, einen Blick in diesen Roman zu riskieren.

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