Moses Isegawa – Abessinische Chronik

Abessinien – damit ist hier nicht das Hochland in Äthopien gemeint, sondern das abyssinische Land, das Land des Abgrunds: das Uganda der Neuzeit, ab den 1960er Jahren. Seitdem es aus der Kolonialherrschaft Großbritanniens entlassen wurde, steuert es mit seinen verschiedenen Gewaltherrschern zielstrebig auf einen Abgrund zu. Die damaligen Verhältnisse schildert der 1967 geborene Ich-Erzähler Mugezi, der sowohl Idi Amins Diktatur als auch die zweite Schreckensherrschaft von Milton Obote miterlebte.

Eingeteilt ist das Buch in sieben Abschnitte, in denen Mugezi beginnend von den Tagen im Dorf, in dem er geboren wurde, über die Zeit in der Hauptstadt Kampala, sein Besuch im Priesterseminar bis zu der eintönigen Arbeit als Lehrer nach Abschluss seines Studium von seinen eigenen Erfahrungen und denen seiner Verwandtschaft berichtet.

Zu Beginn wird episodenhaft Mugezi weitläufige Familie vorgestellt, von denen sowohl sein Vater Serenity als auch seine Mutter Hängeschloss beide nicht die besten Figuren machen, wobei sich mein Eindruck in den folgenden Abschnitten noch weiter verschlechterte. Viel sympathischer erschienen mir hingegen Mugezis Opa und dessen Schwester, genannt Oma. Doch reichen die Auswirkungen von Idi Amins Putsch bis zu ihrem kleinen Dorf und jemand nutzt die Gunst der Stunde um eine alte Rechnung mit Oma zu begleichen.

Unglücklicherweise holen seine Eltern, die bereits einige Zeit zuvor in die Hauptstadt Kampala gezogen waren, Mugezi zu sich und damit beginnt sein Martyrium, denn seine Mutter ist entschlossen, ihn um jeden Preis zu brechen und sich gefügig zu machen. Obwohl ich Hängeschloss Handlungen keinesfalls gut heißen kann, wird mir doch auch Mugezi immer unsympathischer, da er langsam aber sicher immer arrogantere und verschlagenere Züge entwickelt und sich mit dem Erfolg seiner Racheaktionen an Hängeschloss vor dem Leser brüstet. Später, während er auf Druck seiner Eltern das Priesterseminar besucht, verstärkt sich mein Unbehagen angesichts Mugezis Entwicklung noch.

Da Mugezi sehr mit sich selbst und mit seinem eigenen Leben beschäftigt ist, nimmt die Diktatur Idi Amins kaum Raum ein. Von Mugezi wird er sogar als Vorbild gepriesen, da er sich selbst die Kraft und den Mut wünscht, seine eigenen Träume umzusetzen und sich nichts gefallen zu lassen – insbesondere von Hängeschloss. Seine Gräueltaten werden kaum thematisiert, wahrscheinlich auch, weil Mugezi im Priesterseminar relativ abgeschlossen von der Außenwelt aufwuchs und daher auch kaum etwas von dem mitbekam, was sich dort abspielte.

Im Gegensatz dazu erlebte er die Übergriffe der tansanischen Soldaten, die nach Amins missglücktem Angriff auf das Nachbarland in Uganda einfielen, aus nächster Nähe. Lakonisch erwähnt er dabei auch, wie er selbst seinen Teil zur Familienstatistik beitrug. Erst ab diesem Zeitpunkt stimmen meinem Empfinden nach auch Alter und Handlungsweise des Erzählers überein. Zuvor gab es immer wieder Stellen, an denen er viel älter wirkte, als er tatsächlich war (besonders im Alter zwischen 8 und ungefähr 14 Jahren) und dies nur mit rückblickender Reflexion der damaligen Geschehnisse erklärt werden kann, die jedoch nicht durchgängig vollzogen wurde. Statt dessen folgen kurz darauf wieder die kindlichen Schilderungen eines tatsächlich erst 10jährigen Jungen. Mehr Konsequenz wäre hier wünschenswert gewesen. Auch flocht Mugezi hin und wieder Episoden in seine Erzählung ein, die er nicht selbst erlebt hatte und von denen er zum Zeitpunkt des Geschehens nichts wissen konnte. Diese Brüche in der Struktur hielten bis zum Ende an und störten dabei den Lesefluss.

Nicht überflüssig, aber als unpassend empfand ich den siebten Abschnitt, in dem Mugezi von seinem neuen Leben in Amsterdam berichtet und wie es ihm als Einwanderer dort ergeht. Das ist sicherlich ein bedeutsames Thema, aber ein anderes Thema als in den sechs Abschnitten zuvor. Zudem konnte die Kürze dieses Kapitels bestimmt auch nicht der tatsächlichen Situation gerecht werden, die der Autor dieses autobiografisch inspirierten Romans selbst erlebt hat. Meiner Meinung nach wäre die Amsterdamer Zeit in einem eigenen Buch besser aufgehoben als als Anhängsel an den abyssinischen Chroniken.

Trotz der Ungereimtheiten und Brüche in der Erzählstruktur lies sich das Buch sprachlich gut lesen und ich habe mir meinen Einstieg in die afrikanische Literatur bedeutend schwieriger vorgestellt. Wer sich für die jüngere Geschichte Afrikas interessiert, dem möchte ich dieses Buch empfehlen. Allerdings sollte man sich im Vorfeld einen groben Überblick über die damaligen Geschehnisse in Uganda verschaffen, da im Buch nicht alles so deutlich herausgearbeitet ist, dass auch ein vollkommen uninformierter Leser den politischen Verhältnissen folgen kann. Ich vergebe 3,5 von 5 Guavenpeitschen.

P.S. Bezüglich Idi Amins Diktatur kann ich den preisgekrönten Film „Der letzte König von Schottland“ empfehlen, den man sich jedoch in Ruhe zu Gemüt führen sollte, da er sehr auf den Magen schlägt.

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