Giovanni Boccaccio – Das Dekameron

Florenz im Jahre 1348: Die Pestepidemie, welche in ganz Europa insgesamt geschätzte 25 Millionen Menschenleben kostete – ein Drittel der ganzen Bevölkerung – wütet auch in der italienischen Stadt. Sieben junge Damen finden sich in einer Kirche zusammen und entscheiden sich, der Stadt für einige Tage den Rücken zu kehren, um einerseits der Krankheit an sich, andererseits aber auch der trübseligen und egoistischen Grundstimmung zu entkommen. Begleitet werden sie von 3 ebenfalls jungen Männern, die alle irgendwie mit den jungen Damen in Verbindung stehen.

Gemeinsam macht sich die Gruppe auf zu einem Landgut, welches nur wenige Meilen vor der Stadtmauer liegt. Dort verbringen sie zunächst die ersten beiden Tage des Dekamerons, bevor sie zu einer weiteren Villa nahe ihrer ersten Unterkunft weiter ziehen, wo sie die restlichen 8 Tage des Dekamerons verbringen. Während der insgesamt 14 Tage, die die jungen Leute außerhalb von Florenz verbringen, werden an 10 Tagen je 10 Geschichten erzählt und jeweils an Samstag und Sonntag wird dieser Tagesablauf ausgesetzt. Abgesehen vom ersten und neunten Tag stehen alle anderen Tage unter einem Motto, welches vom „König“ / von der „Königin“ bestimmt wird. Da die Krone am Ende eines jeden Tages von einem zum anderen weiter gereicht wird, hat somit jeder einmal die Möglichkeit, ein Tagesmotto auszuwählen, so dass sich die folgenden Themenkomplexe ergeben:

  • 1. Tag: Es wird von dem Gesprochen, „was ein Jeder am liebsten hat“ (kein Motto)
  • 2. Tag: Geschichten von Menschen, „die nach dem Kampfe mit mancherlei Ungemach wider alles Hoffen zu fröhlichem Ende gediehen sind“
  • 3. Tag: Begebenheiten, bei denen durch „Scharfsinn etwas Heißersehntes erlangt oder Verlorenes wiedergewonnen [wurde]“
  • 4. Tag: die Schicksale Derjenigen, deren Liebe ein unglückliches Ende nahm
  • 5. Tag: Glücksfälle, „die nach widrigen und betrübenden Ereignissen Liebende betroffen haben“
  • 6. Tag: Erzählungen über Menschen, „die durch ein geschicktes Wort fremde Neckereien zurückgegeben oder durch kühnes Erwidern und schnellen Entschluss einem Verlust, einer Gefahr oder Kränkung entgangen sind“
  • 7. Tag: Streiche, die, „sei es aus Liebe oder um sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, Frauen ihren Männern gespielt haben, mögen diese es nun gewahr geworden sein oder nicht“
  • 8. Tag: Streiche, die „tagtäglich die Frau dem Manne oder der Mann der Frau oder auch ein Mann dem anderen spielt“
  • 9. Tag: „Jeder erzählt, was ihm gefällt und am meisten behagt.“ (kein Motto)
  • 10. Tag: Man spricht von Menschen, „die in Liebesangelegenheiten oder anderen Dingen Großmut oder Edelsinn bewiesen haben.“

Obwohl die Mottos durchaus recht abwechslungsreich klingen, waren sich die meisten Erzählungen sehr ähnlich. Beliebte Topoi waren die Geistlichen mit ihrem sündhaften Lebenswandel sowie alle Arten von Ehebruch, Fremdgängerei und andern Bettgeschichten. Die Länge der Erzählungen variierte dabei teilweise stark. Während am 6. Tag entsprechend dem Motto eher kurze Wortwechsel wiedergegeben wurden, die in der Länge ihre Würze verloren hätten, enthielt der 10. Tag die beiden längsten Geschichten des Dekamerons.

Auch die Charakteristika der Handelnden sind nicht sonderlich differenziert. Zumeist sind die Frauen schwache Geschöpfe, die die starke Führung der Männer brauchen – obwohl immer wieder gezeigt wird, dass es Ausnahmen gibt – während es bei den Herren der Schöpfung immerhin neben den strahlenden Helden auch verliebte Burschen und einfältige Tölpel gibt. Über die 10 jungen Erzähler erfährt man von einigen allgemeinen Ansichten, die in den Reaktionen auf die Geschichten sichtbar werden, fast nichts. Bei einigen Anlässen kann zwar gerätselt werden, welcher der 3 Herren (wie in der Einleitung angedeutet) ein Auge auf welche Dame geworfen hat, doch weder führt Boccaccio diese Andeutungen konsequent fort, noch haben sie am Ende irgendeine Bedeutung.

Obwohl diese Kurzgeschichtensammlung bereits über 600 Jahre alt ist, ist es doch wie mit den modernen Sammlungen auch: Es gibt interessante und weniger interessante, lustige und traurige, verdammt laaaange (und langweilige) und kurze sowie spannende Geschichten. In der Mehrzahl gefielen mir die Geschichten jedoch nicht und hätte ich das Buch nicht in einer Leserunde gelesen, wäre die Versuchung, es wieder ins Regal zurück zu stellen, wahrscheinlich zu groß gewesen. So gibt es von mir nur 2,5 von 5 Liedern und ich habe immerhin das Erfolgserlebnis, wieder einen Klassiker gelesen zu haben.

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