Gothic-Lesung in der Friedhofskapelle

Nachdem meine Cousine und ich am Samstag dem Messegelände tagsüber unsere Aufwartung gemacht hatten, standen wir abends vor der Wahl, welche Veranstaltung von leipzig.liest wir besuchen wollten. Die Alternativen bestanden aus der Präsentation des Bildbandes „Jahrhundert der Bilder“ von Gerhard Paul im Zeitgenössischen Forum oder der Gothic-Lesung in der Kapelle des Friedhofs Leipzig-Plagwitz. Wie aus der Überschrift unschwer zu erkennen ist, gewann die Gothic-Lesung.

Markus Heitz im Interview vor der Grabsteinkulisse

Markus Heitz im Interview vor der Grabsteinkulisse

„Düster-romantisch-schwarz“ versprach die Beschreibung, doch düster sah es zu Beginn nur mit Googles Fähigkeiten aus, uns den korrekten Weg zu weisen. Doch trotz leichter Irrungen und Wirrungen fanden wir das Eingangstor, an dem uns auch schon ein Aufsteller auf die Veranstaltung hinwies. Durch den mit Fackeln beleuchteten Weg wurden wir zur Friedhofskapelle geleitet, die sich schaurig-schön zwischen schemenhaft erkennbaren Bäumen und den Silhouetten von Grabsteinen gegen den dunkelblauen Nachthimmel abhob.

Der Stimmungsbruch erfolgte unmittelbar nachdem wir die Türen des Gebäudes durchschritten hatten: trotz des abseits gelegenen Ortes und der fortgeschrittenen Stunde hatten sich so viele Menschen eingefunden, dass die vorhandenen Sitzgelegenheiten bei weitem nicht ausreichten. Doch ließen sich die Veranstalter davon nicht beirren und organisierten munter weitere Bänke aus dem Nebenraum. Sogar das Podest, welches stimmungsvoll mit Kerzenschalen dekoriert war, wurde zur Sitzgelegenheit umfunktioniert, auf der wir dann auch Platz nehmen durften. Zwar saßen wir damit fast im Rücken der Vortragenden, doch ihre Stimmen konnten wir sehr gut vernehmen. Zudem bot sich hierdurch die Gelegenheit, nebenbei die Reaktionen des Publikums zu beobachten.

Unverhoffter Besucheransturm

Unverhoffter Besucheransturm

Als schließlich alles soweit möglich zur Zufriedenheit der Besucher gelöst wurden war, läutete Boris Koch als Herausgeber der Anthologie „Gothic. Dark Stories“ und zugleich als Moderator den Lesemarathon ein. Einer kurzen Vorstellung des Buches folgte dann auch gleich die erste Geschichte: Markolf Hoffmann las „Die blauen Handschuhe“, in denen ein junges Mädchen im Mittelpunkt steht, die wegen eines Makels an ihren Händen ständig Handschuhe trägt. Ihr neustes Paar in blau mit aufgestickten Perlen hat sie gekauft, weil die Perlen sie an ihren Vater erinnern, der sie und ihre Mutter vor 8 Jahren verlassen hatte. Da sie endlich selbst den Grund dafür in Erfahrung bringen wollte, setzte sie sich in den Zug und besuchte ihm an seinem Mühlweiher, wo sie sowohl die Antworten auf ihre Fragen als auch die Ursache für den Makel ihre Hände erfährt. Die Auflösung ist meiner Meinung nach zwar etwas vorhersehbar, doch fügt sie sich stimmig ins Gesamtbild ein.

Hoffmann folgte Christoph Kloeble nach, der seinen Beitrag zur Anthologie „13:24:51“ ebenfalls vollständig las. Im Wechsel zwischen der Gegenwart und Erinnerungen seines Protagonisten erfährt der Leser, dass dessen Bruder bei einem Autounfall starb und das einzige Andenken, welches dem jungen Mann blieb, ist eine Taschenuhr, die genau um 13 Uhr 24 und 51 Sekunden, dem Unfallzeitpunkt stehen blieb. Als dieser nun von einer jungen Frau überfallen wird und sie ihm neben dem Portemonnaie auch die Uhr verlangt, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Schaurig-schöne Atmosphäre

Schaurig-schöne Atmosphäre

Von einem kurzen Wortgeplänkel zwischen Moderator Boris Koch und dem nächsten Leser Christoph Hardebusch wurde die dritte Erzählung eingeläutet: „Einzelgänger“. Der junge Außenseiter, der kurz zuvor Opfer einer Jugendbande wurde und sich nun an seinen geheimen Rückzugsort auf einem alten Fabrikgelände verborgen hält, begegnet einem Mädchen, welches ihm einen Ausweg aufzeigt, während bei einbrechender Nacht die Wölfe zu heulen beginnen. An der spannenden Stelle, an der sich der Protagonist entscheiden muss, was er von dem Mädchen hält und ob er ihr vertraut, beendete Hardebusch seinen Vortrag, so dass man sich die Antworten wohl im Buch selbst anlesen muss.

Auch die vierte Geschichte, „Wolf an der Leine“ von Simon Weinert, wurde nur ausschnittsweise vorgetragen. Die Story um zwei Jungs, die in einer werwolfverseuchten Gegend versuchen, inspiriert von einer Buffy-Folge, eine Werwölfin zu fangen um daraufhin mitzuerleben, wie sie sich zurück in eine Frau verwandelt – allerdings ohne Kleidung! Das ganze Publikum brach angesichts der verzweifelten Versuche des widerwilligen Helfers, den Plan seines Freundes zum Scheitern zu bringen, in lautes Lachen aus. Anschaulich breitete Weinert die Welt pubertierender Jungs vor dem Leser aus und sparte auch nicht mit der Verwendung von Kraftausdrücken und dem typischen Slang. Einfach herzhaft amüsant.

Gespanntes Zuhören

Gespanntes Zuhören

Anschließend folgte mit „Im Nebel“ von Uwe Voehl eine Erzählung, die mir weniger lag. Verschiedene Menschen warten an der Küste auf eine Fähre, die sie zu einer Hallig bringen soll. Doch Nebel zieht auf und es ist unklar, ob die Fähre überhaupt kommt. Was die Wartenden stattdessen erwartet, muss in der Anthologie nachgelesen werden.

Der vorletzte Autor des Abendes war Christian von Aster, der mit „Das Ende der Kindheit“ eine typische Schauergeschichte erzählt, in der ein Junge, nachdem er seine erste Freundin hatte, sich entschloss, der Kindheit ein Ende zu setzen und seine Spielzeuge wegzuwerfen. Als er sieht, wie ein Obdachloser seine Spielsachen einsammelt, folgt er ihm auf dessen weiteren Weg durch die Straßen bis hin zu seinem Haus. Dort wird er von dem seltsamen Kauz überrascht, der ihm bereitwillig den Grund für sein merkwürdiges Verhalten eröffnet. Dabei verursachte mir die Wendung der ganzen Erzählung im letzten Satz eine echte Gänsehaut.

Zum Abschluss des Lesemarathons trat Markus Heitz ans Mikrofon, um einen Ausschnitt aus seiner Kurzgeschichte „Schattenspiel“ zum Besten zu geben. Sie handelt von einem jungen Mädchen und den Schatten, die in einer Straßenunterführung lauern und die offenbar ein Interesse an ihr haben. Ob die Auflösung der Verbindung zwischen ihnen das befremdliche Gefühl beseitigen kann, welches mich beim Zuhören überkam, werde ich wohl erst später erfahren, wenn das Buch seinen Weg zu mir gefunden hat.

Hardebusch, Heitz und Voehl (von links)

Hardebusch, Heitz und Voehl (von links)

Insgesamt gesehen hat sich der (dank Google etwas umständliche) Weg zum Veranstaltungsort voll und ganz gelohnt. Obwohl die Geschichten nicht immer ganz nach meinem Geschmack waren, haben sie mein Interesse an der Anthologie geweckt. Auch war das Erlebnis, düstere Schauermärchen in einer nur von Kerzen beleuchteten Friedhofskapelle zu hören, einzigartig. Für einen runden Abschluss sorgte die Bereitschaft der Schriftsteller, im Anschluss an die Lesungen Autogramme zu geben und die (vielleicht eben erst am Büchertisch erstandenen) Exemplare ihrer Werke zu signieren. Die durch und durch freundschaftliche Stimmung zwischen den Autoren und ihre Scherze sorgten dafür, dass selbst der vor der Kapelle wartende Regen uns nichts mehr anhaben konnte und wir in guter Laune den Heimweg antraten.

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Ein Kommentar zu “Gothic-Lesung in der Friedhofskapelle

  1. Grotesque sagt:

    „Ob die Auflösung der Verbindung zwischen ihnen das befremdliche Gefühl beseitigen kann, welches mich beim Zuhören überkam, werde ich wohl erst später erfahren, wenn das Buch seinen Weg zu mir gefunden hat.“

    Geschickte Anspielung. 😉 Die Stimmung in der Friedhofskapelle war wirklich einmalig, die düstere Atmosphäre unterstrich die „düster-romantisch-schwarzen“ Geschichten passend. Absolutes Highlight der Buchmesse!

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