Jung Chang, Jon Halliday – Mao. Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes

Nachdem ich Jung Changs teils autobiografisches Buch „Wilde Schwäne“ gelesen habe und mir bewusst geworden ist, welche Bildungslücken in der Hinsicht bei mir noch klaffen, habe ich mir diese Biografie über den „Großen Vorsitzenden“ Mao ausgeliehen.

Auf der Grundlage zahlreicher Interviews, historischer Dokumente und überlieferter Aussagen von Zeitzeugen hat Jung Chang gemeinsam mit ihrem britischen Ehemann Jon Halliday das Leben des Mannes rekonstruiert, der wie kein anderer Einfluss auf die junge chinesische Geschichte genommen hat.

Geboren 1893 in der Provinz Hunan hat er sich von der bäuerlichen Tradition der Familie losgesagt und unter anderem als Gelehrter sein Glück versucht. Anfang der 1920er Jahre trat Mao der Kommunistischen Partei Chinas bei und wurde beim zweiten Parteikongress 1923 ins Zentralkomitee gewählt. Seitdem beherrscht einzig das Streben nach Macht und die Verteidigung dieser sein ganzes Denken. So zwang er unter anderem auf dem Langen Marsch die Rote Armee zu langen, qualvollen Umwegen voller Kämpfe gegen die Kuomintang, nur um mittels der dadurch gewonnenen Zeit seine Rivalen in der eigenen Partei auszubooten.

Selbst nachdem Mao am 1. Oktober 1949 auf dem Platz des himmlischen Friedens in Beijing die Volksrepublik China ausgerufen hat, war seine Macht keineswegs zementiert. Um sich selbst in Sicherheit zu wiegen, war er bemüht, die Bevölkerung durch anhaltenden Terror zu unterdrücken und seine politischen Gegner zu verleumden und entmachten. Zu den von ihm angestoßenen Bewegungen zählen vor allem die „Hundert-Blumen-Bewegung“, der „Große Sprung nach vorn“ sowie die Kulturrevolution.

In zunehmendem Maße wurde während dieser Jahre der Personenkult um den „Großen Vorsitzenden“ intensiviert und Mao über jegliche Kritik erhaben gemacht. So hat denn auch niemand der Bevölkerung es gewagt, während der langen Jahre der Hungernot 1958 bis 1962 während des „Großen Sprungs nach vorn“ Unmut zu äußern aus Angst vor Folter und Tod. So ist denn auch aufgrund des im Folgenden noch intensivierten Personenkults kaum bekannt geworden, dass Mao einen traurigen Rekord aufgestellt hat: er ist das Staatsoberhaupt, welches während Friedenszeiten die meisten Menschen auf dem Gewissen hat. Allein durch die erwähnte Hungersnot verloren geschätzte 30 Millionen Menschen ihr Leben, weitere 7 Millionen starben durch den Terror der Kulturrevolution, welcher anfänglich durch die Roten Garden verbreitet wurde. Schätzungen für den gesamten Zeitraum von Maos Regentschaft belaufen sich auf bis zu 76 Millionen Tote. Zum Vergleich: während des Zweiten Weltkriegs verloren „nur“ circa 55 bis 60 Millionen Menschen ihr Leben!

Erst nach Maos Tod am 9. September 1976 im Alter von 82 Jahren hat sich die Situation der chinesischen Bevölkerung unter seinem indirektem Nachfolger Deng Xiaoping gebessert. Dieser Teil der Geschichte findet jedoch keinen Platz mehr in dieser Biografie, die entsprechend mit Maos Tod endete. Doch auch so bieten die über 800 Textseiten sowie der mehr als 150 Seiten umfassende Anhang mit zahlreichen Quellenangaben zum weiteren Studium mehr als genug Stoff zum Nachdenken.

Obwohl das Erscheinen dieses Buches insbesondere in Amerika nicht unumstritten war und einige Historiker und Journalisten insbesondere der Autorin „too much hate, too little understanding“ vorwarfen, bot es für mich persönlich einen sehr guten Abriss vom Leben des Großen Vorsitzenden. In einer gut verständlichen Sprache ohne den exzessiven Gebrauch von Fremdwörtern gelingt es den Autoren, spannende und aufrüttelnde Einblicke in das Leben des chinesischen Diktators zu geben. Anhand der beigefügten Karten lässt sich nebenbei gut nachverfolgen, wohin Maos Weg ihn insbesondere während des Bürgerkriegs gegen die Kuomintang geführt hat. Was mir jedoch gefehlt hat, war ein Personenverzeichnis, in dem zumindest die wichtigsten Politiker sowie weitere Menschen, die einen größeren Einfluss auf Mao ausübten, Erwähnung finden.

Alles in allem vergebe ich 4,5 von 5 Schwimmzügen und kann dieses Buch als ideale Ergänzung zu Jung Changs „Wilden Schwänen“ allen Lesern ans Herz legen.

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2 Kommentare zu “Jung Chang, Jon Halliday – Mao. Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes

  1. eltragalibros sagt:

    Nachdem ich gerade „Wilde Schwäne“ ertauscht habe, werde ich mir aber die Mao-Biographie noch etwas überlegen. Leider (oder Gott sei Dank?) hat mich deine Rezi schon wieder fast überzeugt es mir auch anzuschaffen… mein SuB explodiert, ich seh’s schon *gg*

  2. Myriel sagt:

    Ich habe mir das Buch auch nur ausgeliehen. Mit seinen 16,95 € ist es nicht gerade ein billiges TB, aber dafür würde man auch einen Ziegelstein bekommen.
    Bezüglich des explodierenden SUBs wasche ich meine Hände in Unschuld. 8)

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