Thomas Plischke – Die zerrissenen Reiche (1) – Die Zwerge von Amboss

Im Bund steht nicht unbedingt alles zum Besten: die einfache Bevölkerung wird langsam unruhig, da immer mehr Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt werden, die Arbeitslosigkeit und die Armut zunehmen und ein ständiger Strom aus dem von verschiedenen Glaubensgruppen umkämpften Süden zumeist mittellose Flüchtlinge in das Reich spült. Klingt bekannt? Nicht ganz, denn die Bewohner des Bundes sind Zwerge und Halblinge, die stolz auf ihr Fortschrittsdenken und die Ablehnung von Religion zu Gunsten der Logik sind. Im Gegensatz dazu kämpfen in den zerrissenen Reichen der Menschen verschiedene religiöse Sekten und Orden um die Vorherrschaft, um ihre – natürlich einzig richtige – Interpretation des heiligen Buches durchzusetzen.

Zeitlich gesehen wäre die Handlung ungefähr am Ende des 19. / zu Beginn des 20. Jahrhunderts im europäischen Raum einzuordnen, als die industrielle Revolution ihre besten Zeiten bereits hinter sich gebracht hat und der Aufschwung, den sie der Wirtschaft beschert hat, bereits am abklingen ist. In dieser Umgebung wird vieles, was dem Leser aus der realen Geschichte bekannt sein dürfte, vom Autor aufgegriffen und abgewandelt wiedergegeben. Dadurch ist es ihm möglich, manche Entwicklungen besonders hervorzuheben, z.B. die Ablehnung, die manche Zwerge gegen die menschlichen Flüchtlinge empfinden und die Hetze, die Vertreter dieser Gruppen in der Bevölkerung verbreiten, und den Leser dazu zu ermutigen, sich näher mit den Parallelen zwischen der Fantasywelt und der Realität (insbesondere auch der heutigen Zeit!) auseinander zu setzen.

Die Protagonisten, die in dieser gespannten Situation agieren, entstammen verschiedensten Rassen und Schichten. Auf der einen Seite steht der Sucher Garep Schmied, der gemeinsam mit seinem Gehilfen Bugeg den Mord an einem Zwerg aufklären soll, während auf der anderen Seite gleichzeitig von einem machthungrigem Zwerg in einer geheimen Klinik Experimente an Angehörigen des „Brudervolkes“ der Halblinge vorgenommen werden, um deren schlummernde magische Fähigkeiten zu erwecken. Inwieweit diese Handlungsstränge mit dem von Siris, einem menschlichen Bestienjäger zusammenhängen, der seinen Lebensunterhalt in den zerrissenen Reichen durch das Töten von Greifen und anderen Ungeheuern verdient, wird an dieser Stelle nicht verraten. Das Zusammenführen der verschiedenen Aspekte gelingt dem Autor jedoch sehr gut und nur an einer Stelle ist mir der Einfluss des Zufalls etwas zu groß.

Auch sind die Protagonisten plastisch gestaltet mit Ecken und Kanten, aber nicht so absurd, dass man nicht mit ihnen mitfühlen könnte: mit Garep, dem gebrochenem Zweifler, mit Arisascha von Wolfenfurt, der gerissenen Menschenfrau mit zweifelhaften Motiven, mit der mysteriösen Patientin 23 oder mit dem toughen Siris – für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Auch der Humor kommt keinesfalls zu kurz. Einerseits haben mir zwergische Redensarten und Bezeichnungen – z.B. Kiesel für Kinder und Jugendliche – ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert. Andererseits war es äußerst amüsant mitzuerleben, wie die Reaktionen der technisch nicht sonderlich bewanderten Menschen auf die Errungenschaften im Zwergenbund ausfielen. Da wird schnell mal eine Magenverstimmung auf die hohe Geschwindigkeit eines Zuges geschoben, weil hierdurch der Magen zusammengepresst wird. :mrgreen:

Dass ich das Buch an nur 1 ½ Tagen durchgelesen habe, spricht für sich. Mir hat der Auftaktband zu den zerrissenen Reichen sehr gut gefallen, da er insgesamt eine ausgewogene Mischung zwischen Humor und politischer und Gesellschaftskritik sowie dem Schicksal der Gesellschaft und des Einzelnen gefunden hat. Ich vergebe 4,5 von 5 bodenlose Brunnen.

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