Charles Dickens – Oliver Twist

In einem Armenhaus geboren bestimmt der Tod seiner Mutter im Kindbett das zukünftige Leben des Waisenjungen Oliver Twist. Vom Dauerzustand des Hungers und der Willkür der Armenhausverwalterin geprägt ist Oliver zu einem dünnen, zurückhaltenden Jungen herangewachsen, der zu einem Sargbauer in die Lehre gegeben wird. Doch die Schikanen der Bediensteten hält er nicht lange aus und flieht nach London. Dort gerät er ausgerechnet an den Juden Fagin, welcher ihn für seine Diebesbande rekrutieren will. Zwar sträubt sich in Oliver alles dagegen, doch hat er kaum eine andere Chance, als den Befehlen Fagins Folge zu leisten.

Dadurch, dass Oliver von den meisten Geschehnissen förmlich überfahren wird und daher nur als passiver Charakter auftritt, hatte ich meine Mühe mit dem Buch. Ständig war nur zu lesen, welches Unheil nun wieder über Oliver hereinbrach. Auch nachdem er von Fagins Bande loskam und von Mr. Brownlow aufgenommen wurde, blieb die Hoffnung auf einen Wandel in der Erzählung nicht lange bestehen.

Neben dieser Passivität störte mich vor allem auch die Charakterisierung des Jungen. Ständig war nur von seiner abgemagerten Gestalt und seinem lieben Gesicht zu lesen sowie von seiner Liebenswürdigkeit, mit der er sich bei seinen „Rettern“ bedankte. Als Hauptperson ist er mir eindeutig zu eindimensional, selbst unter dem Gesichtspunkt, dass er kaum 10 Jahre alt ist. Zum Glück bieten da andere Personen wesentlich mehr Graupunkte und Identifikationspotential, z.B. die Gehilfin von Fagins Geschäftspartner Sikes, Nancy. Ihre Rolle ist die wohl mit Abstand tragischste in der gesamten Erzählung und sie macht auch deutlich, was Dickens mit diesem Roman im Sinn hatte:

Er wollte keineswegs ein Kinderbuch schreiben, wie man anhand des Alters des Protagonisten vermuten könne. Dazu ist das Thema viel zu düster und trübsinnig. Vielmehr hat er zahlreiche Kritikpunkte an der Gesellschaft untergebracht, allem voran der Umgang bzw. die Verwaltung der Armenhäuser. Ständig waren die Bewohner kurz vor dem Verhungern und anstatt wirksame Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, betrachteten die Leiter und Betreiber die Armen als faule Plagegeister, die bis ins Mark verdorben waren und an ihrem Schicksal selbst Schuld waren. Diese Schilderung der Zustände ist sehr erschütternd und aufwühlend. Einerseits sind seitdem über 100 Jahre vergangen, aber manche Vorurteile haben leider auch in der heutigen Gesellschaft noch Bestand.

Von mir gibt es aufgrund der schwächeren ersten Hälfte insgesamt 3 von 5 Taschentücher.

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