Jacqueline Carey – Kushiel (1) – Das Zeichen

Im Land Terre d’Ange leben die Nachfahren Eluas, deren Motto lautet „Liebe wie es dir gefällt.“ Dementsprechend werden in den 13 Häusern des Nachtpalais Adepten und Adeptinnen dazu ausgebildet, ihre Freier in allen Belangen des Liebesspiels zu befriedigen. Auch die junge Phèdre wächst in einem dieser Häuser auf, doch sie ist zwar ebenso unglaublich schön und anmutig wie die anderen d’Angelines, doch ihr linkes Auge ist mit einem leuchtend roten Flecken entstellt. Erst der Edelmann Anafiel Delauney erkennt in ihr, was sie wirklich ist: eine echte Anguisette, die dazu fähig ist, im Schmerz Lust zu empfinden. In seiner Obhut lernt sie nicht nur die Fähigkeiten, die eine echte Adeptin auszeichnen, sondern auch das genaue Beobachten und Hinsehen. Als seine Spionin trägt sie Delauney wichtige Informationen zu, die ihre Freier im Liebesspiel preisgegeben haben. Doch eines Tages stolpert Phèdre über eine Intrige, die den ohnehin wackligen Thron stürzen könnte und das ganze Land in Gefahr bringt.

In diesem Auftaktband zur Kushiel-Trilogie breitet Carey vor dem Leser eine bekannte, aber doch fremde Welt aus. Schon anhand der im Buch enthaltenen Karte wird deutlich, dass sie sich an unserem Europa orientiert, doch verschiebt sie die Realität ein Stück. Das Land Terre d’Ange liegt auf dem Gebiet Frankreichs und auch einige Wörter der Sprache erinnern stark an das Französische. Dennoch besitzt es eine gänzlich andere politische Struktur mit seinen Provinzen, die die Namen von Eluas Gefährten, ihren Vorfahren tragen. Auch andere Details, wie das fahrende Volk der Tsingani mit ihrer Sehergabe und überaus geschickten Händen im Glücksspiel, sowie Yeschau ben Yosef, der Sohn Gottes, der einst am Kreuz starb, sind unserer Wirklichkeit entlehnt. Aufgrund dieser Umgebung fällt es dem Leser leicht, sich einzugewöhnen und sein Hauptaugenmerk auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken: die Personen.

Zwar unterteilt die Autorin die auftretenden Völker in Barbaren und Zivilisierte, von denen die Barbaren natürlich nicht annähernd so schön sind wie die Zivilisierten, doch sie spielt mit den gängigen Klischees indem sie ihre Protagonistin Phèdre erkennen lässt, dass es selbst unter den Barbaren Schönheit gibt und dass das Äußere rein gar nichts über den Charakter aussagt. Es gibt in allen Völkern, Häusern und Stämmen Aufrichtige, Tapfere, Lügner und Mörder – ohne Ausnahme – und so kann man sich nie sicher sein, was Phèdre als nächstes widerfährt und wer sich als Freund oder als Feind entpuppt.

In diesem weitreichenden Intrigenspiel liegt dann auch der Reiz und ein Teil des Problems des Buches. Wer blutige Schlachten sucht, wird hier zwar auch fündig, doch werden diese eher kurz abgehandelt und es wird auch nicht verschwiegen, was nach den Kämpfen auf die Überlebenden wartet. Doch im Mittelpunkt stehen die Ränkespiele der d’angelinischen Adligen, von denen Melisande Shahrizai bei Weitem das größte und verzweigteste Spinnennetz gesponnen hat, an dessen zahlreichen Enden zahlreiche Marionetten und Spielfiguren zappeln. So neugierig man selbst ist, wer auf welcher Seite steht und welche Pläne hinter wieder anderen Plänen verborgen sind, so schwierig war es für mich, den Überblick zu behalten. Zwar hilft das abgedruckte Personenregister, zumindest über die wichtigsten Menschen einen Überblick zu behalten, doch dazu musste ich im weiteren Verlauf des Buches ständig zwischen dem Text und der Dramatis Personae hin- und herblättern. Wie gerne hätte ich an solchen Stellen Phèdres Gedächtnis gehabt, in dem viel des Wissens gespeichert war, was mir des Öfteren fehlte.

Hauptsächlich wollte ich jedoch nicht in Phèdres Haut stecken. Da sie als Anguisette Lust im Schmerz empfindet, gehen ihre Freier nicht gerade sanft mit ihr um. Von einigen recht detaillierten Sex-Szenen abgesehen prasseln immer wieder Peitschenhiebe auf sie nieder oder ihr werden andere Gewalttätigkeiten angetan. Aufgrund der Ich-Perspektive wird dem Leser zwar vor Augen geführt, dass sie dies die meiste Zeit über genießt, doch nachvollziehbar ist dies für mich dennoch nicht. Zum Glück nehmen diese Szenen nur einen sehr kleinen Teil der Geschehnisse ein. Dennoch sollte man als Leser weder sehr zart besaitet noch prüde sein, da man sich sonst schnell abgestoßen fühlen könnte.

Obwohl dieser Band nur der Auftakt zur Kushiel-Trilogie ist, ist er dennoch in sich abgeschlossen und man kann ihn problemlos als Einzelband lesen. Zwar bleiben am Ende einige Fragen offen, die es im Folgeband „Der Verrat“ zu lösen gilt, doch diese sind nicht so drängend, dass man nägelkauend zurückbleibt. Neben der inhaltlichen Ebene bietet auch die charakterliche Entwicklung ein rundes Bild, in dem die Protagonisten eine glaubwürdige Veränderung durchlaufen und niemals nur als Schablonen daherkommen.

Lange Rede, kurzer Schluss: ich vergebe 3,5 von 5 Flechettes.

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