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Archiv für die Kategorie ‘sonstige Belletristik’

Als Nikolaus Telemarker an einem einsamen Bahnsteig mitten im Wald in einen Zug steigt, ahnt er weder, wohin in der Zug bringt noch wie er das Leben dort auf den Kopf stellen wird. Denn das Ziel des Zugs ist das kleine Dörfchen Morgentau mitten in Niederösterreich, das eine Mischung aus verkapptem Sozialprojekt und Aussteigerkommune darstellt. Sobald Niko dort ankommt, will er gleich weiterreisen. Unterwegs auf der dunklen Straße in den Nachbarort wird er von einem entgegenkommenden Auto übersehen. Bilanz des Unfalls: zwei Tote Insassen, darunter der Sohn des Bürgermeisters des Nachbarorts, zwei weitere verletzte Insassen und ein ebenfalls verletzter Nikolaus Telemarker.

Der Leiter des Projekts „Morgentau“ sieht in dem Vorfall seine Chance, Morgentau ein paar positive Schlagzeilen zu verschaffen, indem er Telemarker zu einem Gefallenen stilisiert, den Morgentau wieder auf die rechte Spur zurück bringt. Doch Telemarker bringt Morgentau nicht die erhoffte Publicity, sondern als Fremdkörper in der verschlossenen, wenn auch längst nicht verschworenen Gemeinschaft entwickelt er sich zu einem Unruheherd, der sowohl schwelende Konflikte entfacht als auch ganz neue Verwerfungen produziert. Vom ehemaligen Rückzugsort für Aussteiger entwickelt sich Morgentau für seine Bewohner zur Hölle auf Erden.

Dieses Buch hat mich eine ganze Weile beschäftigt. Zu Beginn hatte ich mit der Vielzahl der Namen ein wenig zu kämpfen, aber dann fand ich mich gut in die Strukturen von Morgentau ein. Nach der Einführungsphase jedoch zog sich die Handlung recht eintönig hin. Es machte auf mich den Eindruck, dass die einzigen Beziehungen zwischen den Morgentauern von sexueller Natur waren. Einerseits schien man es mit der Monogamie nicht so genau zu nehmen, aber andererseits riefen freimütige Beziehungen den übliche Klatsch & Tratsch hervor, der mich allerdings nicht sonderlich interessierte.

Ab ca. der Hälfte des Romans nahm die Dramatik der Ereignisse jedoch zu und mich immer mehr gefangen. Beinah alle moralischen Grenzen werden erst überschritten, nur um dann dem um sich greifenden Wahnsinn komplett zum Opfer zu fallen. Brutale Schlägereien, Verschleppung, Vergewaltigung und Folter machen aus dem einst als Idylle geplantem Ort einen Kriegsschauplatz mitten in Österreich. Die Schonungslosigkeit, mit der diese schleichende, aber scheinbar unvermeidliche Entwicklung geschildert wird, hat mir beim Lesen eine Gänsehaut beschert und ich war so manches Mal kurz davor, das Buch aus der Hand zu legen, weil es mir zu viel wurde.

Auf der anderen Seite musste ich aber wiederum unbedingt wissen, was mit den einzelnen Charakteren geschah, denn obwohl sie alle keine blütenreine Weste hatten, sind mir einige Bewohner von Morgentau ein Stück weit ans Herz gewachsen. Durch die wechselnden Erzählperspektiven und die leicht verschobene Chronologie der Handlungsstränge entstanden Vorausdeutungen, die jedoch die Neugier nicht befriedigten, sondern im Gegenteil noch mehr anheizten.

Zum Stichwort Erzählperspektiven: Da hätten wir auf der einen Seite den Stein, der alles ins Rollen brachte – Nikolaus Telemarker. Er ist die einzige Person, die als Ich-Erzähler auftritt und uns eine Innenansicht präsentiert. Leider sind in seinen Passagen manche Stellen enthalten, in denen mit der Introspektive gebrochen wird und von sich selbst in der dritten Person zu reden bzw. zu denken scheint. Ansonsten kommen Vertreter beider sich bekriegender Lager in Morgentau zu Wort, in Form mehrerer personeller Erzähler. Etwas irritiert haben mich die hin und wieder vorkommenden kursiv gedruckten Absätze, die ich nicht so recht einzuordnen wusste, sowie manchmal die für meinen Geschmack etwas zu geschraubte Wortwahl.

Insgesamt gesehen ist dies ein Roman, der etwas mehr Anlaufzeit braucht, dann jedoch das Panorama des Untergangs einer potentiellen Idylle bietet. Von der Grundthematik her ist dieses Buch William Goldings „Herr der Fliegen“ sehr ähnlich, jedoch wesentlich detaillierter und damit grausamer in seinen Darstellungen als das Jugendbuch. Aus diesem Grund würde ich das Buch auch nur Erwachsenen empfehlen, die keinen empfindlichen Magen besitzen. Ich komme insgesamt auf 3 von 5 Salzgurken.

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Vollard hatte die Literatur nie als Entspannung angesehen und die Lektüre nie als Trost. Im Gegenteil. Wenn man wie wahnsinnig las, so wie er immer schon gelesen hatte, bedeutete das eher, daß man die Wunde eines anderen aufdeckte. Die Wunde eines einsamen Mannes, das Unbehagen einer einsamen Frau. Lesen bedeutete, in diese Wunde hinabzusteigen, sie zu durchlaufen. Hinter den Sätzen, noch hinter den schönsten, den meisterlichsten, waren immer Schreie zu hören.

Péju, Pierre: Die kleine Karthäuserin, 2007, Piper, Seite 124

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Zu Beginn des Romans lernt man mit Sebastian und Oskar 2 Physiker kennen, die früher in der Uni unzertrennlich waren, aber sich heute eher als Gegensätze gegenüber stehen. Sebastian hat die theoretische Physik mehr oder weniger an den Nagel gehängt, ist jetzt Experimentalforscher an der Uni und hat mit Maike und Liam eine tolle Familie. Oskar hingegen wird von seinem Genie weiter vorwärts getrieben, arbeitet am CERN-Institut und will die Einsteinsche Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik vereinen und damit sozusagen den heiligen Gral der Physik finden.

Nachdem der Vorstellung der beiden Hauptpersonen beginnt die eigentliche Handlung: Sebastians Frau Maike begibt sich auf einen mehrwöchigen Ausflug mit ihrem Rennradclub und ihr gemeinsamer Sohn Liam soll die Zeit in einem Ferienlager verbringen. Sebastian selbst will die Zeit nutzen, um einige ihm im Kopf herumspukenden Gedanken zu Papier zu bringen. Doch während er mit seinem Sohn auf dem Weg zum Ferienlager ist, wird Liam auf einem Rastplatz entführt. Der Preis für seine Freilassung: ein Mord!

Bereits auf den ersten Seiten von “Schilf” kommt der gleiche trockene Erzählton zum Vorschein wie bei “Spieltrieb” und ich habe mich sofort wieder wohl gefühlt. Teilweise werden nur abgehakte Sätze aneinandergereiht, dann wieder schafft die Autorin es mit ungewöhnlichen Metaphern und Vergleichen eine beeindruckende Atmosphäre zu erschaffen, die mich gefangen nimmt. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Stil nicht jedem zusagt, aber ich finde ihn genial.

Leider werde ich das Buch nach rund 1/3 der Seiten aber erst mal wieder beiseite legen. Momentan ist es nicht die Art Buch, auf die ich nach Feierabend noch Lust habe. Und ehe ich mir den Roman und die Autorin mit einer erzwungenen Lektüre vergälle, warte ich lieber auf einen besseren Zeitpunkt.

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In diesem Roman greift der pakistanische Autor die wahren Ereignisse um den Tod des Militärmachthabers General Zia-ul-Haq bei einem Flugzeugabsturz 1988 auf und arbeitet sie in seine Satire ein. Als Ich-Erzähler lässt er den Unteroffizier Ali Shigri auftreten, der rückblickend von den Wochen vor dem Absturz berichtet, in denen er als potentieller Attentäter erst ins Visier des pakistanischen Geheimdienstes geriet, gefoltert wurde, nur um dann nach dem Machtwechsel an der Spitze des Geheimdienstes wieder rehabilitiert zu werden.

Abwechselnd zu Shigri berichtet ein auktorialer Erzähler von den Vorgängen rund um den Machthaber General Zia-ul-Haq und seine Gefolgsleute, die alle eigene Pläne und Intrigen spinnen, in die Shigri unbeabsichtigt verwickelt wird. Während man zu Beginn mit den Perspektivwechseln zu tun hat und sich erstmal orientieren muss, welche Person welche Rolle spielt – insbesondere wenn man sich zuvor nicht mit der jüngeren Geschichte Pakistans beschäftigt hat – so klären sich die Zusammenhänge immer weiter, je mehr man sich dem Ende nähert.

Positiv überrascht hat mich der lockere, unbeschwerte Tonfall, der kaum zu den geschilderten Ereignissen passen wollte, sie aber in meinen Augen auf ein erträglicheres Niveau gehoben hat. Dadurch konnte ich den emotional bedrückenden Passagen leichter folgen und musste keine „Verdauungspause“ einlegen. Zudem wirkte der Text dank seines subtilen Humors auf mich so, als hätte der Autor während des Schreibens ständig schmunzeln müssen über seine skurrilen Einfälle. Besonders die im Titel vorkommenden Mangos dürfen als parodistisches Element noch eine herausragende Rolle spielen.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass dieses Buch grundlos so lange auf meinem SUB verweilen musste und ich froh bin, es jetzt gelesen zu haben. Ich vergebe 4 von 5 Generalsekretärsposten.

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Nick Hornby – High Fidelity

Das Buch habe ich eigentlich nur gelesen, weil es zu den „1000 Büchern“ gehört, denn der Klappentext klang eigentlich nicht so, als könnte das Buch in mein Beuteschema passen. Dementsprechend skeptisch habe ich mit dem Lesen begonnen:

Der Ich-Erzähler ist Eigentümer eines kleinen Plattenladens, wurde gerade von seiner Freundin verlassen und durchlebt nun eine Art vorzeitige Midlifecrisis, während der er sich zuerst an seine Ex-Freundinnen erinnert, sich danach versucht wieder ins Singleleben zu stürzen, nur um sich doch ständig nach seiner Freundin zu verzehren. Als Bonus bekommt man die recht elitären Ansichten eines passionierten Musikliebhabers serviert, der Menschen nur anhand ihrer CD-Sammlung zu beurteilen pflegt.

Das mitleidige Gejammere des Erzählers ging mir während eines Großteils des Buches gehörig auf die Nerven und ehrlich gesagt frage ich mich im Nachhinein, warum ich den Roman überhaupt zu Ende gelesen habe und erst recht, warum es einen Platz im Harenberg „Buch der 1000 Bücher“ erhalten hat.

Es mag sein, dass Hornby die Gedankengänge eines mitleidigen Mitdreissigers sehr realitätsnah eingefangen hat, doch kann ich damit äußerst wenig anfangen. Daher kann ich mich auch nicht zu mehr als 1,5 von 5 Schallplatten durchringen.

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Im China von Mao Zedong wurden tausende Jugendliche während der Kulturrevolution aufs Land geschickt, um dort von den kommunistischen Bauern umerzogen zu werden. Unter ihnen befinden sich auch der Ich-Erzähler und sein bester Freund Luo, deren Väter Ärzte sind und damit als Intellektuelle zu den Klassenfeinden gehören. Anfangs fällt es den beiden jungen Männern schwer, sich in das Dorfleben an ihrem Verbannungsort einzufügen, doch als sie entdecken, dass ein anderer Junge im Nachbardorf einen Koffer voller westlicher Literatur besitzt und ihnen sogar ein Buch von Balzac ausleiht, öffnet sich eine neue Welt für die beiden. Mit Hilfe dieser versteckten Schätze kann Luo sogar die Tochter des Schneiders für sich einnehmen und erlebt mit ihr eine schöne Zeit, die jedoch wie so vieles ein abruptes Ende findet.

Da das Buch autobiografische Züge trägt, ist es sehr eindringlich geschrieben. Die Zustände in den ländlichen Dörfern sind, euphemistisch ausgedrückt, sehr einfach, doch äußert sich der Erzähler niemals abwertend, sondern behält einen lakonischen Ton bei, der trotz der prekären Situation, in der sich die Jungs befinden, der Erzählung eine gewisse Leichtigkeit verleiht.

Mit ihren Tricks und Kniffen versuchen sich der Ich-Erzähler und Luo ihr erzwungenes Exil so angenehm wie nur irgendmöglich zu machen und das macht sie mir sympathisch – sie geben sich niemals völlig auf. Gut gefallen haben mir zudem die verschiedenen Anspielungen auf europäische Klassiker, die die beiden Jungs lesen und von denen ich einige auch kenne. Es war schön meine Eindrücke mit ihren zu vergleichen.

Fazit: Der Roman vereint Einblicke in das kommunistische China Maos mit einem lockeren Erzählerton, der über den schwer im Magen liegenden Inhalt hinweghilft. Dafür vergebe ich 3,5 von 5 Volksliedern.

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Als die Vogelgrippe die Nachrichten beherrschte, war die Angst vor einer weltweiten Pandemie allgegenwärtig. Was uns allerdings erspart blieb, wird in Buckleys Roman tragische Realität.

Alles beginnt damit, dass der Forscher Peter zu mehreren Massenvogelsterben gerufen wird und dort das gefährliche H5N1-Virus identifiziert. Schon bald hat es den Sprung zu den Menschen geschafft und die Orte aus den Schreckensmeldungen liegen jeden Tag näher an seinem Heimatort, wo auch seine von ihm getrennt lebende Frau Ann und ihre beiden Töchter Kate und Maddie leben, bei denen Peter und seine Forschungshelferin Shazia zu Beginn der Pandemie Unterschlupf finden. Anfangs geht es noch recht gesittet zu, die Mädchen genießen ein paar freie Tage und die Vorratskammer ist gut gefüllt. Doch lange geht es nicht gut, denn Ann und Peter können ihre Töchter nicht die ganze Zeit im Haus einsperren, die Vorräte werden aufgebraucht und nach dem Telefonnetz fällt auch noch der Strom aus – und das, wo der Winter vor der Tür steht. Als dann auch noch Anns Nachbarin und beste Freundin erkrankt und ihr voller Verzweifelung ihr Baby vor die Tür legt und sie anfleht, sich um den Jungen zu Sorgen, sind Anns Grenzen längst erreicht.

Die dem Roman zugrunde liegende Frage – Wie weit würdest Du in solch einer Situation gehen? – bietet reichlich Spielraum für eine tiefergehende Charakterstudie. Doch leider verspielt Buckley viel davon indem sie dem Leser kaum Einblicke in die Gedanken und Gefühle ihrer Personen erlaubt. Stets wird nur von außen beschrieben, wie Peter, Ann und ihre Familie agieren, doch ihre Beweggründe werden selten aufgedeckt. Dadurch blieben mir die Charaktere größtenteils fremd, lediglich die jüngere Tochter Maddie kam mir etwas näher.

Als unrealistisch empfand ich zudem die Zustände, die nach Ausbruch der Pandemie herrschten. Die ganze Familie hat sich einfach in ihrem Haus verschanzt und der Dinge geharrt, die da kommen mögen – desgleichen ihre Nachbarn und scheinbar auch ein Großteil der restlichen Stadtbewohner. Man wartet einfach darauf, dass die Obrigkeit die Situation wieder in den Griff bekommt, ohne überhaupt irgendwelche Informationen über die Lage an sich zu haben. Für mich ist es nachvollziehbar, wenn man einige Tage ruhig abwartet, aber doch nicht wochenlang ohne jegliche Informationen, was da draußen vor sich geht.

Insgesamt gesehen also eine gute Idee, aber in der Umsetzung nicht so gelungen. Ich komme nur auf 2,5 von 5 streunenden Hunden.

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Der Buchhändler Sempere nimmt seinen Sohn Daniel mit in den Friedhof der Bücher, auf das er sich dort ein Buch aussuchen und sein Andenken bewahren möge. Von den vielen tausend Büchern, die dort vergessen von der Welt ihr trauriges Dasein fristen, entscheidet sich Daniel für „Der Schatten des Windes“ von Julián Carax. Begeistert verschlingt er den Roman innerhalb einer Nacht und ist danach besessen davon, mehr über den Autor herauszufinden und wenn möglich weitere seiner Romane aufzutreiben und zu lesen. Doch Carax Schicksal liegt unter einer dicken Schicht von teils vergessenen Geheimnissen begraben und während Daniel unerbittlich immer tiefer gräbt, wächst er von einem Jungen zum Mann heran, lernt die Liebe kennen und macht unerfreuliche Bekanntschaft mit der Polizei im Barcelona der 1940er und 50er Jahre.

Zu Beginn konnte ich die Begeisterung des Ich-Erzählers Daniel für das von ihm adoptierte Buch nicht nachvollziehen, da dem Leser außer einer knappen Inhaltsbeschreibung nichts geliefert wird. Doch je weiter die Handlung voranschritt und je mehr Daniel über den Autor Carax herausfindet, desto mehr wurde ich von diesem Buch gefesselt.

Alles beginnt ganz harmlos mit Daniels Suche nach weiteren Büchern von Carax, doch ein mit seinem Vater befreundeter Antiquar erklärt ihm, dass es von Carax kaum noch Bücher gibt. Fast alle Exemplare wurden verbrannt und als ein mysteriöser Mann in schwarz an Daniel herantritt und ihm erst Geld für sein Buch bietet und ihm danach droht, wird Daniels Neugier geweckt und erst allein und später mit Hilfe einiger Freunde stellt er Nachforschungen an.

Genau wie Daniel auch steht der Leser vor einigen Puzzlestücken ohne zu ahnen, wie sie zusammengehören und erst nach und nach rutschen einige Teile an ihren Platz, aber nicht ohne dass neue ihre Stelle einnehmen. Die Faszination des Ratespiels wird aber bald zu blutigem Ernst, als ein berüchtigter Polizist auftaucht und sich für Daniels Nachforschungen zu interessieren beginnt. Spätestens ab dieser Stelle hat mich Zafón völlig gefangen genommen und ich konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Als gelungen empfand ich auch die Parallelen, die sich zwischen Daniels Leben und seinen Erkenntnissen über Carax Vergangenheit abzeichnen. Dadurch ergab sich eine Vielzahl von Spekulationsmöglichkeiten über den Fortgang der Handlung, trotz derer ich das Ende lange Zeit nicht erahnen konnte. Dieses fügte sich aber stimmig in die verschiedenen Handlungsstränge ein und hat mich völlig zufrieden gestellt.

Insgesamt gesehen hat Zafón einen spannenden Roman nicht nur für Leseratten und Bücherliebhaber geschrieben, der mit seinen verschiedenen Handlungsebenen zum Miträtseln einlädt. Lediglich aufgrund des etwas zähen Beginns gibt es einen kleinen Abzug, so dass ich auf beeindruckende 4,5 von 5 Manuskripte komme.

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Anhand zweier Lebensläufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, beschreibt Kehlmann, wie die Welt vermessen wurde. Auf der einen Seite begleitet der Leser den Naturforscher Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Südamerika, auf der er die Welt mit seinen Händen begreift, jeden Hügel vermisst, in jede Höhle kriecht und generell alles, was ihm begegnet, aufs Genaustes untersucht. Auf der anderen Seite steht Carl Friedrich Gauß, der als reiner Theoretiker auf seine Formeln zurückgreift, um sich ein Bild von der Welt zu machen.

Immer abwechselnd erfährt man, wie es den beiden als Genies bewunderten Wissenschaftlern erging. Zu Beginn lernt man sie im reifen Alter kennen, bevor ihre Jugend und die Taten, die sie bekannt gemacht haben, dargestellt werden. Dabei bewahrt Kehlmann einen angenehm leise-ironischen Tonfall, der mich als Leser auch die eher trögen Stellen in Gauß Biografie sowie den als eher schwierig dargestellten Charakter Humboldts ertragen lies, ohne das Interesse am Buch zu verlieren.

Inwieweit sich Kehlmann strikt an die überlieferten Tatsachen gehalten hat oder sich einige künstlerische Freiheiten herausgenommen hat, kann ich im Detail nicht beurteilen und ich habe auch nicht nachgeforscht. Die mir bekannten Eckdaten stimmen jedoch überein und haben mich vor allem neugierig werden lassen, was Humboldt tatsächlich in Südamerika alles erlebt hat. Dafür vergebe ich 3,5 von 5 Geodäten.

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Dieses Buch der japanischen Kultautorin enthält zwei Erzählungen:

In der ersten Erzählung „Hard-boiled“ begleitet man die Ich-Erzählerin auf einer Wanderung durch die japanischen Wälder. Dort weckt ein alter Schrein am Wegesrand die Erinnerungen an ihre verstorbene Freundin, die jedoch seltsam verfremdet sind und dunkle Ahnungen in der Erzählerin auslösen. Der Spuk scheint die junge Frau bis in die nächste Ortschaft zu verfolgen. Die folgenden Stunden schwankt sie zwischen der Trauer um ihre Freundin, deren Todestag sich an diesem Tag jährt und deren Tod sie erst jetzt richtig verarbeiten kann, und der Furcht vor seltsamen Geistererscheinungen, die sie im Hotel heimsuchen. Als jedoch der nächste Morgen hereinbricht, hat die Erzählerin endlich die Vergangenheit aufgearbeitet und startet befreit von dieser zuvor unbewältigten Last in den neuen Tag.

Die zweite Erzählung „Hard Luck“ dreht sich um die Familie von Kuni-chan, die kurz vor ihrer Hochzeit einen Hirnschlag erlitten hat und nun ohne Hoffnung auf Genesung im Koma liegt. Die Mitglieder ihrer Familie sowie ihr beinah-Ehemann und dessen Familie müssen daraufhin lernen Loszulassen. Dieser schmerzhafte Prozess wird von der kleinen Schwester Kuni-chans, der Ich-Erzählerin, wiedergegeben, die alle Phasen von der Ungläubigkeit über den Verlust, dann Verzweiflung und schließlich Akzeptanz durchmacht und schließlich neue Kraft aus der Zeit der Trauer schöpft und frische Pläne für ihr weiteres Leben schmiedet.

Die Gemeinsamkeit beider Geschichten ist der Verlust geliebter Menschen und die Verarbeitung dessen. Beide Ich-Erzähler sind junge Frauen, die alle Phasen der Trauer durchlaufen und schließlich lernen, den Verlust zu verarbeiten und daraus neue Kraft ziehen. Während jedoch die zweite Geschichte sehr realitätsnah ist, spielen mystische Elemente in der ersten Erzählung eine große Rolle. Obwohl sich dies alles vermutlich auch als Einbildung bzw. Traum erklären ließe, konnte ich mit den surrealen Elementen nicht ganz so viel anfangen, so dass mir die zweite Novelle insgesamt besser gefiel. Jedoch können beide Geschichten nicht an „Kitchen“ heranreichen, wo die förmlich aus den Seiten quellende Melancholie für eine bittersüße Atmosphäre sorgte. Ich vergebe 3 von 5 schwarzen Steinen.

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