Die Jugendbuchreihe „Die Erben der Nacht“ der deutschen Autorin Ulrike Schweikert umfasst die folgenden fünf Bücher:
- Nosferas
- Lycana
- Pyras
- Dracas
- Vyrad
In dieser Reihe, die in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielt, leben unerkannt unter den Menschen Vampire, die 6 verschiedenen Clans angehören, die in jeweils einem anderen Teil Europas ansässig sind und damit strikt getrennt leben. Durch die zunehmende Verbreitung der Menschen, von einigen Vampirjägern gejagt und durch Fehden unter den Clans gerieten die Vampire so sehr in Bedrängnis, dass sie sich zu einem wagemutigen Bündnis gezwungen sahen. Nicht nur, dass sie künftig keine Menschen mehr töten wollen, um die Polizei und andere Wachhabende auf ihre Spuren zu führen, sondern sie wollen auch ihre Nachkommen, die titelgebenden Erben der Nacht gemeinsam unterrichten. Im jährlichen Wechsel kommen alle Jungvampire bei einem der Clans zusammen, um von diesem seine im Laufe der Zeit hervorgebrachten besonderen Fähigkeiten zu erlernen.
Unter diesen Jungvampiren begleitet der Leser vier besonders nah und erlebt ihre Abenteuer mit: die Vamalia Alisa aus Hamburg, der Dracas Franz Leopold aus Wien, die Lycana Ivy-Mairé aus Irland und der Nosferas Luciano aus Rom. Während sie sich anfangs noch mehr oder weniger misstrauisch beäugten und die ihnen von ihren Clans vererbten Vorurteile hegten, wuchsen sie durch ihre Erlebnisse zusammen und reiften sowohl körperlich als auch charakterlich zu starken Persönlichkeiten heran. Dabei bestanden die prägenden Erfahrungen nicht nur in dem, was sie in der Akademie erlernen sollten – u.a. Widerstand gegen kirchliche Reliquien, Gestaltwandeln und Gedankenlesen – sondern auch in dem, was sie außerhalb der Akademie während heimlicher Streifzüge durch die Stadt erlebten.
Denn neben den Vampiren, die der Leser in jedem Band der Reihe wieder trifft, gibt es auch eine Handvoll andere Charaktere, die immer wieder auftauchen, wie beispielsweise der Vampirjäger van Helsing oder der irische Dichter Bram Stoker. Anfangs stolperten sie nur zufällig in die Geschehnisse oder wussten nicht so recht, wessen sie gerade Zeuge geworden waren. Doch je mehr die übergreifende Handlung voranschreiten und je öfter sich die Wege der Vampire und der Menschen kreuzen, umso mehr verbinden sich ihre Geschichten.
Apropos Geschichte – auch diese hat die Autorin geschickt in die Handlung eingewoben. Passend zum jeweiligen Handlungsort des Bandes werden den Lesern Ausflüge zu bedeutsame Geschehnissen präsentiert. So finden neben einem geplanten Aufstand der Iren gegen die englische Besatzung auch das Phantom der Pariser Oper und die Entstehung der Hamburger Hafenstadt einen Platz in der Geschichte. Die damit verbundenen historischen Tatsachen werden aber nicht völlig dröge als störender Exkurs eingebaut, sondern an passender Stelle von den Charakteren erzählt oder selbst erlebt. An einigen Stellen glitt die Autorin zwar etwas ins Dozieren ab, jedoch hielt es sich für meinen Geschmack in Grenzen. Das insbesondere gegen Ende der jeweiligen Bände hoch gehaltene Tempo hat mich über diese Abschnitte schnell hinweg lesen lassen.
Nicht ganz so plakativ, aber auch nachdrücklich und immer wiederkehrend spricht die Autorin noch ein anderes Thema an: Rassismus. Am Beispiel der Vampire, die sich in reine Vampire (von anderen reinen Vampiren geboren) und unreine Vampire (von reinen Vampiren gewandelte Menschen) unterscheiden, erfahren die Jungvampire und mit ihnen der Leser verschiedene Lebensweisen und Umgangsformen der „überlegenen“ reinen Vampire ihren unreinen Gefährten / Dienstboten / Sklaven gegenüber. Während der gesamten Reihe, deren Handlung sich über 5 Jahre erstreckt, durchlaufen so manche Charaktere in ihren Einstellungen eine Wandlung, die auch den Leser zum Nachdenken bringt, ohne dass die moralische Keule offenkundig zum Einsatz kommt.
Für die jugendliche Zielgruppe dieser Reihe kann ich guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen und dadurch, dass die Hauptcharaktere sowohl vom Geschlecht, den Fähigkeiten und den Charakterzügen her verschieden sind, dürfte für jeden auch eine geeignete Identifikationsfigur zu finden sein. Doch auch ältere Leser dürften ihren Spaß an den Büchern haben, wobei sie vermutlich den angesprochenen historischen Ausflügen und den im Nachwort erläuternden Ausführungen zu den aufgetretenen Persönlichkeiten mehr Aufmerksamkeit schenken dürften als jugendliche Leser, die ihren Spaß mit der gemütlich beginnenden, aber an Spannung zulegenden Geschichte haben dürften. Das zusammengenommen ist mir insgesamt 4 von 5 Särgen wert.