Vladimir Nabokov – Lolita

Dieser Roman des in die USA emigrierten Russen ist längst in die Riege der Weltliteratur aufgestiegen – obwohl oder weil er nicht unumstritten ist. Dafür sorgt der prekäre Inhalt der Niederschrift, die der Ich-Erzähler im Gefängnis anfertigt. Darin legt er dar, wie er sich als 40jähriger in die kindliche Lolita verliebt, mit ihr eine verbotene Liebesbeziehung beginnt und sich immer mehr im Zauber dieses Nympchens verliert.

Dadurch, dass die Geschehnisse rückblickend erzählt werden, kann der Ich-Erzähler immer wieder Andeutungen und Vorausblicke einflechten. Schon frühzeitig ist so erkennbar, dass seine Obsession und die sich daraus entwickelnde Beziehung zu Lolita ihn in sein Verderben führen. Was genau jedoch zu seiner Verhaftung geführt hat und wessen er angeklagt ist, das ist erst spät erkennbar, obwohl er ständig in Furcht vor einer Entdeckung durch die Behörden und die Polizei lebt. Deswegen verbringt er auch einen Großteil der mehrere Jahre andauernden Beziehung zu seinem Nympchen rastlos auf der Reise quer durch die USA. Nur selten gönnt er sich und seiner Geliebten eine Pause – zu groß ist die Angst davor aufzufallen.

Dass ich als Leserin trotz der egoistischen Ausnutzung des Mädchens durch den Ich-Erzähler diesen nicht unsympathisch fand, sondern stellenweise sogar Mitleid mit ihm hatte, ist der schriftstellerischen Leistung des Autors zu verdanken. Durch seine Charakterisierung spielt er geschickt mit der Täter – Opfer – Zuordnung. Obwohl Nabokov dafür sorgt, dass der Leser nie vergisst, dass sich der Ich-Erzähler mit seinen Handlungen strafbar macht, ist er ebenso ein Opfer seiner Obsession wie Lolita zugleich auch Täterin ist. Denn sie ist sich ihrer Wirkung auf den Ich-Erzähler und auf andere Männer durchaus bewusst und spielt ihre kindlichen Reize aus, um ihren Willen zu bekommen.

Wer in diesem Roman nur eine anstößige Lebensbeichte eines Perversen sieht, der hat meiner Meinung nach lediglich an der Oberfläche gekratzt und sich die Sicht auf die tieferen Ebenen durch Vorurteile verstellt. Eine unbefangene Herangehensweise ist in jedem Fall notwendig, um Gewinn aus der Lektüre zu ziehen. Eltern einer Tochter würde ich daher diesen Roman nur bedingt empfehlen.

Insgesamt gesehen bin ich froh, dass ich dieses Buch gelesen habe. Obwohl ich insbesondere zu Beginn meine Schwierigkeiten mit den verschachtelten Sätzen hatte und auch nicht alle französischen Ausdrücke verstanden habe, hat mich die Charakterstudie und die Tiefe der dargestellten Gefühle beeindruckt. Das ist mir 4 von 5 Straßenkarten wert.

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Ein Gedanke zu “Vladimir Nabokov – Lolita

  1. Julia sagt:

    Oh ja, ich fand Lolita auch super. Hätte dem sogar 5 Straßenkarten vergeben. ;)

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