Feeds:
Artikel
Kommentare

Die drei Satyr-Brüder Nicolas, Raine und Lyon besitzen in der Toskana des 19. Jahrhunderts ein florierendes Weingut, dem sie sich mit ganzer Kraft widmen. Doch als sie eines Tages einen Brief ihres im Sterben liegenden Vaters erhalten, dass er mit drei Menschenfrauen je eine Tochter gezeugt habe und nun die Brüder die Aufgabe hätten, diese zu finden, zu heiraten und zu beschützen, gerät ihre Welt durcheinander.

Nicolas begibt sich als erstes auf die Suche und findet in Tivoli die junge Jane, die gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrem (Stief-)Vater und dessen Schwester lebt. Als sie von Nicolas Heiratsangebot erfährt, sieht sie darin die Chance, ihrem alkoholsüchtigen Vater zu entkommen. Doch ihre Andersartigkeit, die kleinen Flügel auf ihren Schultern und ihre Fähigkeit, durch Berührung mit Menschen verschmelzen zu können, lässt sie zögern, da sie sich für abartig hält und nicht will, dass Nicolas davon erfährt und sie danach möglicherweise verbannt.

Was Jane nicht weiß: Nicolas weiß um ihre Andersartigkeit und versucht sie dazu zu bringen, sich ihm anzuvertrauen. Denn auch er hat ein Geheimnis, denn Satyr ist nicht nur sein Familienname, sondern er ist selbst auch einer und in Vollmondnächten wird er vollkommen von der Leidenschaft beherrscht.

Während Nicolas „Fähigkeiten“ nur in Vollmondnächten zu Tage treten und rein körperlicher Natur sind, ist Janes Gabe der Verschmelzung viel interessanter, da sie durch eine Berührung die Gedanken und Gefühle von anderen Menschen wahrnehmen kann. Da sie dadurch psychisch belastet wird, versucht sie so wenig Körperkontakt wie möglich mit anderen zu haben und zieht sich selbst vor ihrer geliebten kleinen Schwester zurück.

Die Wandlung von der eingeschüchterten jungen Frau, die sich selbst erst im Haushalt von Nicolas zurechtfinden und sich einen Platz schaffen muss zur toughen Mätresse ihres Gemahls, die mehr will als nur die Anstandsbesuche ihres Mannes in ihrem Bett ging mir allerdings viel zu schnell von statten, um noch nachvollziehbar zu sein. Auch wie problemlos sie Nicolas Satyr-Natur zur Kenntnis nimmt und auf seine Wünsche eingeht, ist in meinen Augen überzogen.

Da die Autorin allerdings auch keine Charakterstudie zeichnen wollte, sondern sich im Zuge von Vampiren, Gestaltwandlern, Engeln und anderen Sagenwesen aufs weite Feld der Romantasy begab, sind die angesprochenen Punkte vom Leser wohl einfach hinzunehmen, ebenso wie die Tatsache, dass die Toskana des 19. Jahrhunderts jederzeit durch eine beliebige andere Kulisse hätte ausgetauscht werden können, denn vom typischen Italien-Feeling kam bei mir nichts auf.

Die Story an sich ist weder sonderlich tiefgründig noch innovativ, allerdings hat die Autorin einen flüssig zu lesenden Schreibstil, der mit seinen kurzen Sätzen keine große Herausforderung darstellt und daher dazu beiträgt, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Entsprechend der Genreeinordnung des Buches gibt es auch mehrere Sexszenen, die meist recht deutlich geschildert werden und vermutlich nicht viel mit dem damals wohl üblichen prüden Sexualleben in der Ehe zu tun haben.

Wer lediglich einen gut lesbaren und nicht sonderlich anspruchsvollen Unterhaltungsroman sucht und sich von einigen derben Szenen nicht abschrecken lässt, kann hier ruhig mal reinlesen und bei Gefallen kann er sich auf die zwei folgenden Romane freuen, in denen Raine und Lyon ihre jeweiligen zukünftigen Ehefrauen suchen werden: „Die Nacht des Satyrs“ (Mai 2010) und „Die Braut des Satyrs“ (Juli 2010). Wer allerdings mit der ganzen Romantasy-Welle nichts anfangen kann, die derzeit den Markt überschwemmt, sollte auch um dieses Buch einen großen Bogen machen. Von mir gibt’s 2,5 von 5 Weinstöcke.

Éric Taladoire – Die Maya

Mit diesem großformatigen und reich bebilderten Sachbuch führt der französische Archäologe Éric Taladoire den interessierten Leser in die faszinierende Welt der Maya ein.

In seiner Einleitung bietet er einen Abriss über die Geschichte der (Wieder-)Entdeckung der Maya durch die spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert und später durch abenteuerlustige Forscher wie die Amerikaner John Lloyd Stephens und Frederick Catherwood im 19. Jahrhundert. Obwohl in den letzten Jahrzehnten viele Forschritte bei der Erforschung der Maya-Kultur und insbesondere ihrer Schrift gemacht wurden, ist doch vieles noch im Dunkeln verborgen.

Die Erkenntnisse, die als gesichert gelten, stellt Taladoire in den folgenden Kapiteln vor. Er beginnt mit der vermutlich faszinierendsten Hinterlassenschaft der Maya: ihrer Schrift. Lange Zeit lag ihre Bedeutung im Dunkeln und erst während der Zeit des Kalten Krieges gelang ein erster Durchbruch. Die meisten bisher entzifferten Texte sind als geschichtliche Aufzeichnungen einzustufen, denen ein kompliziertes Kalendersystem zu Grunde liegt, welches von Taladoire in der Folge erläutert wird.

Im nächsten Kapitel geht es um die Organisation der Maya-Städte, die sich niemals zu einem gemeinsamen Staat zusammenfinden konnten, sondern in einem ständigen Krieg gegen ihre Nachbarn befanden. Über Sieg oder Niederlage in den zahlreichen Kämpfen entschieden die Götter, die vom König mit mächtigen Tempeln und unzähligen Menschenopfern gnädig gestimmt werden sollten. Die diesen Opferungen zugrunde liegende Religion und die sie ausübenden Priester sind Thema des dritten Kapitels, in dem auch auf den Aufbau der Maya-Welt und ihre Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod eingegangen wird.

Im vierten Kapitel steht die Architektur und Stadtplanung der Maya im Mittelpunkt, wobei neben der Monumentalkunst, welche in Tempeln und Palästen ihren Ausdruck findet, auch auf die Kleinkunst eingegangen wird. Um die zuvor vorgestellten Bauwerke errichten zu können, mussten die Maya allerdings eine funktionierende Wirtschaft aufbauen, damit die Arbeiter ernährt werden und seltene Materialien für prächtigen Schmuckstücke beschafft werden konnten. Auf dieses fragile System, welches selbst während der andauernden Kriege fortbestand, geht Taladoire im vorletzten Kapitel ein.

Den Abschluss bietet ein Einblick in die gesellschaftlichen Strukturen der Maya und ihre Schichten, in denen man aufgrund von Ansehen und Abstammung seinen Platz fand, aber aufgrund herausragender Leistungen oder durch Fehltritte auch auf- bzw. absteigen konnte.

Ein sehr kurzer Blick auf die Situation der Maya heute, ein Glossar sowie das Register und Literaturverzeichnis schließen das Buch ab.

Innerhalb der einzelnen Kapitel behandeln kurze Texte die verschiedenen Aspekte des jeweiligen Themas, wobei diese meist nur eine Doppelseite umfassten. Dabei wird viel Platz auch durch die zahlreichen Fotografien eingenommen, die häufig eine gesamte Seite, selten sogar eine Doppelseite umfassen und fast durchgängig in Farbe abgebildet sind. Dadurch wird der Inhalt der Texte sehr gut ergänzt und als Leser kann man selbst nachvollziehen, was die Forscher in Stelen und Abbildungen gesehen und interpretiert hatten. Etwas ungünstig ist die einzige Karte des Buches mitten in der Einleitung platziert, so dass ich häufiger blättern musste, eh ich sie gefunden hatte. Meiner Meinung nach wäre sie direkt am Anfang oder am Ende des Buches besser aufgehoben gewesen.

Ebenfalls etwas unglücklich war teilweise die Zusammenstellungen der einzelnen Texte in den Kapiteln. Obwohl sie in sich stimmig waren, fehlte die Darstellung des großen Zusammenhangs, so dass ich mich teilweise so fühlte, als betrachte ich Mosaiksteinchen, ohne zu wissen, wie das fertige Mosaik aussehen sollte.

Insgesamt gesehen  ist das Buch für alle Interessierte durchaus empfehlenswert, denn es führt in allen wichtigen Bereichen fundiert in die Kultur der Maya ein. Im Vergleich zu dem früher gelesenen „Göttkönige im Regenwald“ muss ich allerdings einige Abstriche machen, so dass ich hier auf 4 von 5 Opfergaben komme.

Wenn ich in all den Jahren als Splitterling etwas gelernt hatte, dann dies: Dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt. Es hatten sich schon ganze Zivilisationen in radioaktiven Staub verwandelt, nur weil sie diese unangenehme Wahrheit geleugnet hatten.

Reynolds, Alastair: Das Haus der Sonnen, 2009, 2. Auflage, Heyne, Seite 115

Wir sind alle nur Menschen, Campion – darauf läuft es am Ende hinaus. Wir sind Menschen und nicht annähernd so klug, wie wir dachten, als es darauf angekommen wäre. Ende der Geschichte. Wenn man irgendwann den Grabstein für unsere Spezies errichtet, wird man diese Inschrift darauf anbringen.

ebenda, Seite 631 f.

Campion und Portula sind beide Splitterlinge des Hauses Gentian. Das bedeutet, dass sie zur elitären Gemeinschaft der 1000 Klone gehören, die vor Millionen von Jahren aus der Begründerin des Hauses Abigail Gentian hervorgingen und aufbrachen, die Galaxie zu erforschen. Auf ihrer Reise zur Reunion, der regelmäßigen Versammlung aller Splitterling des Hauses Gentian, geraten sie jedoch in Schwierigkeiten und treffen erst einige Jahrzehnte verspätet an der Reunionswelt ein. Dort müssen sie erkennen, dass der Planet vernichtet und vermutlich alle Anwesenden umgebracht wurden. Doch wen hat sich die Familie zum Feind gemacht, der über solch zerstörerische Mächte gebietet? Gemeinsam machen sich Campion und Portula daran, die Hintergründe des Attentats aufzudecken.

Was genau Campion und Portula erfahren, wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive eines der beiden erzählt. Beim ersten Perspektivwechsel war ich dadurch erstmal ziemlich verwirrt, aber danach habe ich mich recht gut daran gewöhnt. Nur hin und wieder musste ich überlegen, wer jetzt als Erzähler an der Reihe war.

Obwohl die Handlung Jahrmillionen in der Zukunft spielt und dementsprechend auch neue Techniken eine Rolle spielen, hielt sich das technische Geschwafel sehr in Grenzen und es wurde nur erklärt, was zum Verständnis der Handlung unbedingt notwendig war, wobei man als Leser einiges einfach als gegeben hinnehmen muss.

Sehr gut gefallen hat mir, wie das Zeitgefühl bzw. Zeitverständnis der Splitterlinge dargestellt wurde. Da die Splitterlinge der Familie Gentian (und auch der anderen existierenden Familien) ca. 6 Millionen Jahre alt sind, haben sie viele Zivilisationen kommen und gehen sehen und von einigen gar erst im Nachhinein Kenntnis erhalten. Da sie selbst nach all den Jahren immer noch existieren, fühlen sie sich natürlich den jüngeren Zivilisationen überlegen, deren Existenzdauer bzw. die verbleibende Zeit bis zu deren Untergang sie per Wahrscheinlichkeitsrechnung ermitteln. Im Vergleich zu dieser kalten Lebenseinstellung der Splitterlinge haben mich jedoch einige Gedankengänge Portulas besonders berührt, denn sie zeigen, dass die Klone trotz allem noch Menschen sind mit allen dazu gehörenden Gefühlen.

Das Buch selbst ist in acht Teile untergliedert, zu deren Beginn jeweils ein Kapitel aus Abigails Kindheit bzw. Jugend geschildert wird, bevor sie sich dazu entschloss, ihre Klone zu erschaffen. Obwohl es durchaus spannend war zu verfolgen, wie es ihr insbesondere in ihrem Puppenpalast erging, ist mir bis zum Schluss nicht vollkommen klar geworden, welche Rolle diese Kapitel in Campions und Portulas Geschichte spielen.

Insgesamt gesehen würde ich das Buch mehr in die Kategorie Space Opera einordnen als in die Hard-SF. Reynolds hat mit Campion und Portula ein sympathisches Liebespaar geschaffen, deren Odyssee durchs All ich als Leser gern gefolgt bin. Ihre Geschichte zählt meiner Meinung nach nicht zu den ganz großen Würfen, bietet aber gute Unterhaltung. Das ist mir 3,5 von 5 Sternenschilde wert.

Alles würde gut werden; alles andere war undenkbar! Probleme löste man am besten, indem man sie ignorierte! Hier war die vernünftige Philosophie; man würde doch irre werden, wenn man versuchte, jeden Defekt im Universum zu beheben!

Vance, Jack: Madouc, 2006, area verlag gmbh, Seite 29

Die in den 1980er Jahren erschienene Trilogie des US-amerikanischen Autors Jack Vance besteht aus den Romanen

  • Herrscher von Lyonesse
  • Die grüne Perle
  • Madouc

und spielt auf den Älteren Inseln, welche im Golf von Biskaya vor den Küsten Spaniens, Frankreichs, Großbritanniens und Irlands liegen.

König Casmir, Herrscher von Lyonesse, liegt mit dem König des nördlich gelegenen Reichs Dahaut in Zwist, denn beide beanspruchen die Herrschaft über die gesamten Älteren Inseln für sich. Um seinen Ziel wieder einen Schritt näher zu kommen, beabsichtigt Casmir seine Tochter Suldrun unter Missachtung ihrer eigenen Wünsche politisch günstig zu verheiratet. Als Suldruns Weigerung ihn vor ausländischen Gästen kompromittiert, verbannt er sie in den abgelegenen Palastgarten, in den sie sich so gern zurückzog. Gemeinsam mit dem fremden Aillas, welcher von der See an ihren Strand gespült wurde, erlebt sie ein kurzes Glück, welches jedoch verraten wird. Während Aillas in einem tiefen Kerker auf den Tod wartet, kann Suldrun ihren gemeinsamen Sohn noch aus dem Palast schmuggeln, bevor sie sich ihr Leben nimmt. Damit nimmt das Schicksal jedoch erst seinen Lauf, denn Casmir erhält eine Prophezeiung, dass Suldruns erstgeborener Sohn einst über die Älteren Inseln herrschen wird – was Casmirs eigenen Plänen erheblich zuwider läuft.

Von allen Personen, die bis zu diesem Zeitpunkt der Geschichte auftraten, war mir keine sympathisch und lediglich mit Suldruns und Aillas’ Schicksal empfand ich etwas Mitleid. Ansonsten herrschte eine gewisse Distanz zum gesamten Geschehen, die Story konnte mich einfach nicht in ihren Bann ziehen. Teilweise lag das auch an der etwas antiquierten Sprache, die vor allem in den Dialogen auftrat. Sicher müssen Könige und Adlige sich gehoben ausdrücken, aber hier merkt man meiner Meinung nach den Büchern auf alle Fälle ihr Alter an.

Was mir auch nicht gefallen hat, war die allzu eindeutige Charakterisierung – hier haben wir die Guten und dort die Bösen. Und selbst wenn die Guten mal grausam sind, dann ist das okay, weil es schließlich notwendig ist.

Am interessantesten fand ich noch die Abschnitte über die Magier. Obwohl es vom mächtigsten Magier Murgen einst beschlossen wurde, dass sich die Magier aus den Angelegenheiten der Bevölkerung der Älteren Inseln heraushalten sollen, um zu vermeiden, in deren Konflikten aufgerieben zu werden, hielten sich nicht alle Magier an dieses Edikt. Trotz der angedrohten Strafe versuchen sie, ihre eigenen Interessen mithilfe der Menschen zu verfolgen. So bekommen die Konflikte zwischen den Königen der Älteren Inseln noch eine zweite Dimension in der Gesellschaft der Magier, die mich eindeutig mehr gefesselt hat als das politische Kräftemessen.

Eine zusätzliche phantastische Note haben die nichtmenschlichen Bewohner der Älteren Inseln ins Spiel gebracht, obwohl die Charakterisierung aus heutiger Sicht wiederum ziemlich ausgereizt ist: die Elfen sind wankelmütige Wesen, die sowohl liebenswürdig als auch grausam sein können, wohingegen Trolle plumpe Kreaturen sind, die Spaß an Grausamkeiten haben. Im Vergleich dazu bot das menschliche Volk der Ska mit ihrer Philosophie und Kultur weit mehr Stoff zum Faszinieren und Nachdenken.

Bis hierhin gesehen mag Vance seinerzeit durchaus etwas Innovatives und Neues geschaffen haben, aber aus jetziger Sicht gesehen war es eher ein schaler Aufguss von Dingen, die ich schon weitaus besser gelesen hatte. Zusätzlich hat mich neben der Charakterzeichnung vor allen Dingen der Spannungsbogen gestört. Vance hat sich einer Erzählperspektive gewidmet und irgendwann hat er gemerkt, dass es auf seinem Schachbrett auch noch andere Figuren gibt und er sich ihnen mal wieder widmen müsste. Also wird schnell umgeschwenkt, bis er wiederum gemerkt hat, dass er lange genug verweilt ist. Falls eine Person die ihr zugewiesene Rolle erfüllt hat, dann hatte Vance auch keine Probleme damit, sie im weiteren Verlauf zu ignorieren. Besonders krass ist es mir bei Glyneth aufgefallen, die in den ersten beiden Büchern der Trilogie eine der Hauptpersonen war, im dritten Band aber gerade mal noch in einem Nebensatz Erwähnung fand. Der Bruch war zu extrem, als dass er sich noch harmonisch in die Handlung einfügen lies.

Insgesamt gesehen mag das zur Zeit seiner Erstveröffentlichung eine Trilogie gewesen sein, die ihre Leser begeistern konnte. Mich konnte sie jedoch kaum überzeugen und ich habe sie nur zu Ende gelesen, weil ich zu einem gewissen Grad neugierig war, wie der Handlungsstrang um den Magier Shimrod ausging. Das Ergebnis auf dem politischen Feld war hingegen schon aus großer Ferne ersichtlich und brachte keine Überraschungen mehr. Hätte die Trilogie nur aus diesem Handlungsstrang bestanden, hätte ich sie vermutlich recht früh abgebrochen. So gibt es von mir jedoch noch 1,5 von 5 Thronen.

Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, welcher vor einem Jahr bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises Schlagzeilen machte, indem er den Preis für sein Lebenswerk unter Verweis auf die Qualität des deutschen Fernsehens ausschlug, hat unter dem Titel „Mein Leben“ seine Autobiografie verfasst.

Geboren wurde Marcel Reich 1920 im polnischen Włocławek, wo er auch seine ersten Lebensjahre verbrachte. Nach dem Bankrott des Vaters siedelte die Familie nach Berlin um, wo Reich das Gymnasium besuchte und trotz der zunehmenden antisemitischen Repressalien der Nazis 1938 sein Abitur machen konnte. Sein Immatrikulationsantrag an der Berliner Universität wurde jedoch abgelehnt und Ende 1938 wurde Reich nach Polen ausgewiesen.

In Warschau wurde er 1940 zur Umsiedlung ins Getto gezwungen, wo er seine spätere Frau Tosia kennen lernte. Aufgrund seiner Arbeit für den Ältestenrat, welcher das Getto regierte, wurde er von den ersten Deportationen verschont, doch als absehbar war, dass das gesamte Getto aufgelöst werden und alle Einwohner verschleppt werden sollten, wagte er mit seiner Frau die Flucht. Bis zum Einmarsch der Roten Armee in Polen versteckten sie sich bei einem arbeitslosen Schriftsetzer.

Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitete Reich für die polnische Geheimpolizei, später wurde er an die polnische Botschaft nach London entsandt. Wegen der negativen Assoziationen mit seinem Nachnamen Reich nannte er sich Marceli Ranicki. Ende 1949 wurde er aus London abberufen und wegen angeblicher ideologischer Entfremdungen diversen Repressalien ausgesetzt, u.a. der Ausschluss aus der kommunistischen Partei und zeitweiliger Einzelhaft.  Er beschloss, sich nach seiner Entlassung seiner großen Liebe, der Literatur zu widmen und betätigte sich als Schriftsteller, was ihm jedoch durch ein mehrjähriges Publikationsverbot erschwert wurde. Wegen der widrigen Umstände entschloss sich Ranicki zur Aussiedlung in die BRD, wohin ihn seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn aus einem London-Urlaub folgten.

Aufgrund früherer Kontakte mit westdeutschen Schriftstellern, welche er bei ihren Besuchen in Warschau betreut hatte, konnte Reich-Ranicki rasch Fuß fassen und eine Stelle als Literaturkritiker bei der FAZ antreten. Sein lang gehegter Traum hatte sich endlich erfüllt. Später wechselte Reich-Ranicki von der FAZ zur Zeit und initiierte im ZDF die Sendung „Das literarische Quartett“, mit der er zum bekanntesten deutschen Literaturkritiker wurde.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich meine Bedenken ob der Schwierigkeit des Textes, die sich zum Glück nicht bestätigt haben. Reich-Ranicki schreibt gut verständlich und anschaulich. Schon seit seiner Kindheit und Jugend in Berlin fühlt er sich den deutschen Schriftstellern verbunden. Dies wird schon allein daran deutlich, wie er seine ersten Begegnungen mit den Texten von May, Kästner und Hauptmann schilderte, wobei er zugegebenermaßen mit May wenig anfangen konnte.

Obwohl sich Reich-Ranicki um eine chronologische Schilderung bemüht, wird diese oft von Vorausblicken unterbrochen, in denen er meist spätere Begegnungen mit seinen jugendlichen Idolen beschreibt. Manchmal erfährt die frühere Begeisterung neuen Auftrieb, doch manchmal folgt auch eine Ernüchterung. Auf jeden Fall bietet Reich-Ranicki so interessante Einblicke in die Welt der Schriftsteller und ihre Wesenszüge ebenso wie in das Reich des Feuilletons, in dem er später tätig wird.

Als einzige Phase, in der die Literatur zurücktritt, fällt die Zeit im Warschauer Getto und die Jahre der Besatzung Polens durch die Nazis auf. Obwohl seine Begeisterung für deutsche Schriftsteller, insbesondere die alten und modernen Klassiker, keinen Abbruch erfährt, steht die Sorge um sein eigenes Überleben und das seiner Frau höher als sein Hunger nach Literatur und seiner zweiten Leidenschaft, dem Theater. Durch seine Tätigkeit im Ältestenrat kann Reich-Ranicki wertvolle Einblicke in die Verwaltung des Gettos geben und auch in die Geschehnisse während der Vorbereitung der Auflösung des Gettos.

Insgesamt gesehen waren meine Befürchtung angesichts dieses Buches unzutreffend, denn Reich-Ranicki hat eine meist spannende Biografie vorgelegt, in der er auch seiner Begeisterung für Literatur eine Stimme gibt. Insbesondere Bücherwürmer werden von der Lektüre zahlreiche Lesetipps mitnehmen können. Ich vergebe 4 von 5 Manuskripte.

Eine Welt ohne Magie ist unmöglich. Magie ist das, woran die Menschen glauben, und an irgendetwas werden sie immer glauben.

Nestvold, Ruth: Flamme und Harfe, 2009, Penhaligon, Seite 318

Wer hat nicht schon von Tristan und Isolde gehört, einem der tragischsten Liebespaare der Weltliteratur? Ruth Nestvold nimmt sich in diesem Buch der Sage an und bearbeitet sie entsprechend ihren Vorstellungen.

Yseult die Schöne, Tochter von Yseult der Weisen, erlebt während ihrer Jugend die Machtkämpfe zwischen dem ehemaligen Hochkönig Irlands und den Fürsten des Südens, die wegen den Plänen Lóegaires, sich mit den Briten zu verbünden, ihre Treue aufgekündigt hatten. Yseult und ihre Mutter, die Königsmacherin, leben relativ sicher bei Murchad, Yseults Onkel. Doch als dieser während eines Geiselaustauschs mit Marcus von Dumnonia getötet wird, bricht für Yseult eine Welt zusammen.

Drustanus von Dumnonia, genannt Drystan, ist der Sohn von Marcus und verantwortlich für den Tod Murchads. Bei ihrem Duell hat er sich jedoch eine Wunde am Bein zugezogen, die sich entzündet und ihm den Tod bringen wird. Lediglich Yseult die Weise, eine große Heilerin, kann ihn noch retten. So begibt er sich denn auf den Weg zu denjenigen, die sich seinen Tod wünschen, um sich von ihnen heilen zu lassen. Als Tandrys der Barde erobert er zudem das Herz von Yseult der Schönen. Jedoch schwebt ständig die Gefahr über ihm, dass er enttarnt wird.

Der Roman ist in insgesamt 4 Bücher unterteilt, deren Titel die jeweilige Situation sehr knapp und präzise in Worte fassen: Zwei Frauen / Ein Mann und eine Frau / Zwei Männer und eine Frau / Zwei Frauen und ein Mann. Die einzelnen Kapitel werden von kurzen Zitaten aus anderen Bearbeitungen der Legende von Tristan und Isolde eingeleitet, deren es zahlreiche gibt.

Die unbestreitbaren Hauptpersonen sind Drystan und Yseult, mit denen ich sehr gut mitfühlen konnte. Es ist berührend mitzuerleben, wie sie sich langsam ineinander verlieben, jedoch konnte ich das nicht uneingeschränkt genießen, denn ständig wartete ich nur darauf, dass Drystans Identität aufgedeckt wird und die Idylle ein Ende findet. Genau diese quälende Ungewissheit und das Warten auf das scheinbar Unvermeidliche verleihen der Situation ihre bittere Süße, die in wunderbaren Worten eingefangen wurde.

Auch in späteren Situationen kann ich sowohl Drystans und Yseults Verhalten voll und ganz nachvollziehen, auch wenn sie oft alles andere als vernünftige Entscheidungen treffen. Alle anderen Personen treten gegenüber diesen beiden zurück, was mich allerdings nicht weiter gestört hat, wollte ich doch unbedingt wissen, wie es mit der tragischen Liebe von Drystan und Yseult weitergeht.

Neben der Sage von Tristan und Isolde hat die Autorin auch noch Teile der Artus-Legende verarbeitet. Arthur, erfolgreicher britannischer Feldherr, ist hier jedoch noch lange nicht der mythische Hochkönig Britanniens, sondern hat als unehelicher Sohn von Uther mit Anfeindungen seitens anderer Fürsten Britanniens und mit den Einfällen von  Sachsen und Raubzügen der Erinn Irlands zu kämpfen. Die Kämpfe, an denen sowohl Arthur als auch Drystan teilnehmen, werden jedoch nicht in sämtlichen Einzelheiten beschrieben, sondern das Ergebnis der Schlachten und die damit veränderte Situation in Britannien steht im Vordergrund.

Die Verbindung der beiden großen Sagenkomplexe ist Frau Nestvold gut gelungen. Während jedoch die Erzählung um Drystan und Yseult mit „Flamme und Harfe“ abgeschlossen ist, wird Arthurs weiterer Weg laut Aussage der Autorin auf der Leipziger Buchmesse 2009 Gegenstand eines zweiten Buches.

Was mir an „Flamme und Harfe“ besonders gut gefällt, ist dass der Titel sogar zum Inhalt passt: die Flamme steht für die heidnischen Feuer der Erinn und der Tuatha Dé Danann, des Volks der beiden Yseults, während die Harfe für Drystans musikalisches Talent steht, dem er es verdankt, dass er sich überhaupt erst als Barde ausgeben konnte. Ebenfalls gelungen ist die Ausstattung des Buches mit einem passenden blauen Lesebändchen, einem Anhang mit Personen- und Begriffsverzeichnis und einer Karte von Irland, Großbritannien und der Nordküste Frankreichs.

Da ich mich mit dem Buch hervorragend unterhalten gefühlt habe und mich nur schwer von der tragischen Liebe zwischen Drystan und Yseult losreißen konnte, gibt es von mir volle 5 von 5 Torgues.

Blut für einen Blutsauger

Nachdem ich letztens beim Blutspenden einen Büchergutschein erhalten habe, war mir bereits klar, wofür ich ihn ausgeben würde. Aus diesem Grund bin ich heute nach erfolgreichem Shopping in der Stadt noch in die Buchhandlung gegangen, wo ich mir dann ganz stilecht

  • Bram Stoker – Dracula

den Fürsten der Blutsauger gekauft habe. Als Bonus wollte ich mich dann noch auf die anstehende Weihnachtszeit einstimmen, aber da mein zweites Wunschbuch nicht vorhanden war, habe ich spontan noch

  • Mary Shelley – Frankenstein

mitgenommen. Dieses wird schließlich neben „Dracula“ als der zweite große Archetypus des modernen Horrorgenres beschrieben – also die perfekte Ergänzung für Fürst Vlad.

P.S. Und damit sind die Neuzugänge im November komplett! Jawollja!

Ältere Artikel »